PHARMA

Chronisch-entzündliche Darm­er­krank­ungen: Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität

Dtsch Arztebl 2017; 114(15): A-752

Eckert, Nadine

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Die Diagnose Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa bedeutet für die Betroffenen einen tiefen Einschnitt in das bisherige Leben. Wirksame Therapien verbessern die Krankheitslast.

Die IBD-Disk ermöglicht es, individuelle Veränderungen unter der Therapie abzuschätzen. Links: hohe Krankheitslast bei Behandlungsbeginn. Mitte und rechts: Verbesserungen über die Zeit. Abbildung: Ghosh S et al. Inflamm Bowel Dis 2017 Jan 31
Die IBD-Disk ermöglicht es, individuelle Veränderungen unter der Therapie abzuschätzen. Links: hohe Krankheitslast bei Behandlungsbeginn. Mitte und rechts: Verbesserungen über die Zeit. Abbildung: Ghosh S et al. Inflamm Bowel Dis 2017 Jan 31

Die chronisch-entzündlichen Darm­er­krank­ungen (CED) Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehen mit einer großen Krankheitslast einher. Üblicherweise treten sie im Alter von 15–40 Jahren auf, also „genau dann wenn Menschen mitten in der Ausbildung stecken oder ökonomisch am produktivsten sind“, betonte Prof. Subrata Ghosh von der University of Birmingham auf dem ECCO-Kongress in Barcelona. Die Krankheitsbelastung geht dabei über den Darmtrakt hinaus: CED-Patienten haben ein um 7,5-mal höheres Risiko für die Entwicklung von Begleiterkrankungen – speziell solchen, die das Immunsystem betreffen, etwa Asthma, Psoriasis und rheumatoide Arthritis. Die Konsequenzen für Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit der jungen Patienten sind vielfältig: häufiger krankheitsbedingter Arbeitsausfall, soziale Isolation, Diskriminierung am Arbeitsplatz.

CED längst nicht mehr nur in Industrienationen verbreitet

In einer beim ECCO-Kongress vorgestellten Untersuchung aus Schweden fehlten Patienten mit mittelschwerem Morbus Crohn im Schnitt 77,9 Tage im Jahr am Arbeitsplatz, bei Patienten mit Colitis ulcerosa waren es 45,7 Fehltage – signifikant mehr als bei Menschen ohne CED mit im Schnitt 5,6 Fehltagen im Jahr (1). Lange waren CED vor allem in den Industrienationen verbreitet. Durch Industrialisierung und Verbreitung der westlichen Lebensweise wird sie inzwischen auch in ehemals kaum betroffenen Regionen wie Asien, dem Mittleren Osten und Südamerika immer häufiger diagnostiziert.

Für 2025 wird eine globale Verbreitung der CED mit enormen ökonomischen Auswirkungen erwartet, berichtete Ghosh. Denn: Als chronische Erkrankungen verursachen CED hohe Kosten für Medikamente, Kranken­haus­auf­enthalte, Operationen und ärztliche Behandlungen. Doch die „wahren“ Kosten der CED erfasst diese Aufzählung nicht, es fehlen die indirekten Kosten, die durch die Fehltage auf der Arbeit oder die reduzierte Produktivität der Patienten entstehen. „Dieser Aspekt wird häufig unterschätzt, insbesondere wenn es um die Kosteneffektivität von Therapien geht“, meinte Prof. David T. Rubin, Universität Chicago. Seit dem Aufkommen der modernen Biologika stellten die Kosten der CED-Therapie ein umstrittenes Thema dar. Doch es gelte zu bedenken, dass eine wirksame Therapie alle Faktoren der Erkrankung verbessere.

Um die Effektivität bestimmter Therapien im Alltag besser einschätzen zu können, werden zunehmend „real world“-Studien durchgeführt und Registerdaten ausgewertet. Eine solche ist die INSPIRADA-Studie, die das Ziel hatte, neben dem klinischen Nutzen auch die gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQol) zu evaluieren. Hierbei zeigte sich, dass der TNF-alpha-Blocker Adalimumab bei Patienten mit Colitis ulcerosa im Verlauf von 26 Wochen die Berufsfehlzeiten sowie die Einschränkungen beim Arbeiten und bei Aktivitäten signifikant reduziert (5). „Solche Ergebnisse müssen wir an die regulatorischen Behörden kommunizieren“, betonte Rubin.

Besonders stark betroffen von schlechter Lebensqualität, Fatigue und krankheitsbezogenen Beeinträchtigungen seien Frauen, arbeitslose Patienten und Patienten mit hoher Krankheitsaktivität, zitierte Ghosh die BIRD-PRO-Studie aus Frankreich (2). Die Fatigue gehört mit mehr als einem Viertel betroffener Patienten zu den am häufigsten diagnostizierten Begleiterkrankungen von CED. In der in Barcelona präsentierten ICONIC-Studie gaben des Weiteren mehr als 25 % der Patienten an, an Ängsten oder Depressionen zu leiden, knapp 21 % hatten kardiale Anomalien oder Erkrankungen und noch einmal so viele Schlafstörungen (3).

Messinstrumente machen Therapiefortschritte sichtbar

„Das ultimative Therapieziel bei CED ist die Normalisierung der Lebensqualität durch die Beseitigung der Symptome respektive der Entzündung und die Prävention der Krankheitsprogression“, sagte Ghosh. Um individuelle Veränderungen unter der Therapie abschätzen zu können, sind regelmäßige Überprüfungen notwendig. Eine Möglichkeit hierfür ist die IBD-Disk. „Die regelmäßige Anwendung der Disks in der klinischen Praxis erlaubt es, das Wohlergehen des Patienten im Verlauf zu überwachen und so die Normalisierung der Lebensqualität zu überprüfen“, so Ghosh (4).

Die Anwendung von Messinstrumenten wie der IBD-Disk macht Therapiefortschritte objektiv sichtbar – wichtig bei einer Erkrankung, bei der die Interessen von Patient, Arzt und Kostenträger bzw. Gesellschaft voneinander abweichen können, wie Prof. Edouard Louis aus Liège betonte. „Die Patienten wollen ein normales Leben führen, die Symptome sollen vollständig und schnell verschwinden und dies möglichst ohne Nebenwirkungen“, sagte Louis. Die Ärzte wollen, dass die Darmschleimhaut abheilt und die Laborwerte sich normalisieren, um Komplikationen zu verhindern und eine Therapieeskalation zu vermeiden. Und die Gesellschaft bzw. die Kostenträger wollen das beste Outcome, einen aktiven Patienten und das zu einem erschwinglichen Preis.

Um die Therapie von CED weiter zu verbessern, sprach sich Louis für eine strukturierte Behandlung aus, bei der Therapieziele gesetzt und deren Erreichen regelmäßig überprüft wird. Für die Therapieplanung empfiehlt er außerdem, sich an eine Checkliste zu halten, die folgende Fragen umfasst: Mit welchen Risiken ist im weiteren Krankheitsverlauf des Patienten zu rechnen? Welche Begleiterkrankungen hat der Patient? Welche Erwartungen hat der Patient? Bei Letzterem gilt: „Wir müssen hören, was der Patienten nicht sagt“, so Louis. „ Lassen Sie den Patienten die IBD-Disk vor dem Arztgespräch im Wartezimmer ausfüllen, so können im Arztgespräch Problembereiche sofort angesprochen werden.“

Nadine Eckert

Quelle: Satellitensymposium „Tackling the burden of IBD“ anlässlich des 12th Congress of ECCO, Barcelona, Spanien, 16. Februar 2017; Veranstalter: AbbVie

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2.
Williet N et al.: J Crohns Colitis 2016 (Epub ahread of print).
4.
Ghosh S et al.: Inflamm Bowel Dis 2017 Jan 31 (Epub ahead of print) CrossRef PubMed Central
1. Hellström PM et al.: ECCO 2017; P 735.
2.Williet N et al.: J Crohns Colitis 2016 (Epub ahread of print).
3. Ghosh S et al.: ECCO 2017; P 359.
4.Ghosh S et al.: Inflamm Bowel Dis 2017 Jan 31 (Epub ahead of print) CrossRef PubMed Central
5. Travis S et al.: ECCO 2016; P 462.
6. Travis S et al.: ECCO 2016; P 574 . Travis S et al.: ECCO 2017, DOP018 .

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