SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Burrill B. Crohn blieb seiner Passion ein Leben lang treu

Dtsch Arztebl 2017; 114(15): [52]

Schuchart, Sabine

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Sein Name steht für eine entzündliche Darm­er­krank­ung, die auch heute noch Rätsel aufgibt: Morbus Crohn. Der amerikanische Gastroenterologe Burrill B. Crohn (1884–1983) erforschte sie über viele Jahrzehnte.

Dass die Medizin für ihn zur Berufung wurde, erklärte Dr. Burrill B. Crohn rückblickend mit den andauernden Verdauungsbeschwerden seines Vaters, für die es Ende des 19. Jahrhunderts kaum Aussicht auf Heilung gab. Crohn, der in New York mit zehn Geschwistern als Nachfahre orthodoxer jüdischer Einwanderer aufwuchs, finanzierte sein Medizinstudium an der renommierten Columbia-Universität in New York mit Englisch-Lektionen für Ausländer. Mit 23 Jahren schloss er es 1907 mit der Promotion ab. Zu der Zeit existierte allerdings ein eigenes Fachgebiet Gastroenterologie in den USA noch nicht. Patienten mit Verdauungskrankheiten landeten meist beim Chirurgen. Mit Magen, Darm und Pankreas hatte sich Crohn bereits als Student der inneren Medizin intensiv befasst. An-schließend ergatterte er eine der begehrten Assistenzarztstellen am Mount Sinai Hospital in New York und legte durch eine vierjährige Ausbildung in Pathologie, Labor und Klinik die Basis für seine weitere Tätigkeit als praktischer Arzt und Forscher.

Mit seinem Interesse an entzündlichen Erkrankungen des Verdauungssystems war er am Mount Sinai genau richtig. Bereits seit den 1880er-Jahren setzte die renommierte Klinik die damals neue Technik der Sigmoidoskopie ein: Die Enddarmspiegelung erlaubte es erstmals, eine Colitis ulzerosa eindeutig von Krankheiten wie katarrhalischer Colitis und infektiös oder stressbedingtem Durchfall abzugrenzen. Crohns frühe Forschungen stießen nicht nur auf Zustimmung, denn er fand heraus, dass die Operationen bei Duodenal-Ulzera die Beschwerden oft nicht linderten. Doch er avancierte bald zum Darmspezialisten, konnte 1925 den ersten Fall vorstellen, bei dem eine Colitis ulzerosa zu Krebs entartete. Über Gewebeuntersuchungen nach Operationen bei Colitis ulzerosa entdeckte er schließlich die von ihm zunächst „Ileitis terminalis“ genannte Krankheit: transmurale Entzündungsareale mit Granulombildung im terminalen Ileum, die nach heutiger Auffassung aber auch den gesamten Gastrointestinaltrakt segmental-diskontinuierlich befallen können. Gleichzeitig forschten auch die Ärzte Leon Ginzburg und Gordon David Oppenheimer am Mount Sinai Hospital zu granulomatösen Darmentzündungen. Gemeinsam mit Crohn veröffentlichten sie ihre Resultate 1932 unter dem Titel „Regional Ileitis: A Pathologic and Chronic Entity“ im „Journal of the American Medical Association (JAMA)“. Crohn verzichtete auf seine ursprüngliche Bezeichnung „Ileitis terminalis“, um eventuelle Assoziationen zu Agonie oder Tod zu vermeiden. Den heute üblichen Namen „Morbus Crohn“ beziehungsweise „Crohn’s Disease“ verwandte er nicht. Britische Mediziner hatten diesen auf einer Konferenz in Prag trotz seines Protests mit der Begründung durchgesetzt, ihren Studenten die Krankheit damit besser nahebringen zu können.

Zu diesem Zeitpunkt war Burrill B. Crohn bereits ein anerkannter Gastroenterologe, in dessen Praxis Patienten von weither strömten. Er wurde Präsident der „American Gastroenterology Association“, praktizierte bis in sein neuntes Lebensjahrzehnt und forschte am Mount Sinai Hospital fortwährend zu entzündlichen Darmkrankheiten weiter. Selbstironisch bemerkte er in seiner Biografie: „Es war mein Unglück (oder vielleicht Glück), dass ich den Großteil meiner beruflichen Laufbahn damit verbracht habe, Durchfall und Verstopfung zu studieren. Manchmal habe ich mir gewünscht, dass ich mich auf Ohr, Nase oder Hals spezialisiert hätte und nicht auf das andere Ende der menschlichen Anatomie.“ Sabine Schuchart

Morbus Crohn – Crohn’s Disease

1932 beschrieb Burrill B. Crohn mit Kollegen anhand von 14 Fällen die pathologischen und klinischen Details der schubweise verlaufenden, granulomatösen Darmentzündung, die später seinen Namen erhielt. Die Patienten waren alle am Mount Sinai Hospital in New York operiert worden und bis auf zwei Ausnahmen 17 bis 40 Jahre alt, das typische Erstmanifestationsalter bei Morbus Crohn. Auf das Krankheitsbild hatten zuvor schon andere Mediziner hingewiesen: etwa 1907 der britische Chirurg und Gastroenterologe Berkeley George Andrew Moynihan und 1904 der polnische Chirurg Antoni Leśniowski. Eine der ersten Schilderungen stammt aus dem Jahre 1761 vom italienischen Arzt Giovanni Battista Morgagni. Erst heute ist bekannt, dass es sich um eine komplexe immunologische Störung mit Veränderung des Mikrobioms handelt, die genetische und umweltbedingte Ursachen hat. In Deutschland gibt es rund 150 000 Krankheitsfälle – bei steigender Inzidenz.

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