ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2017Libyen: Hilfe in einem zerrissenen Land

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Libyen: Hilfe in einem zerrissenen Land

Dtsch Arztebl 2017; 114(15): A-738 / B-627 / C-613

Stöbe, Tankred

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Was brauchen die Menschen in Libyen am nötigsten? Ein Team von Ärzte ohne Grenzen erkundete Anfang des Jahres den Bedarf an medizinischer Hilfe. Unterwegs in einem geschundenen Land.

Verlorene Hoffnung: Migranten warten in einem Gefangenenlager in der Nähe von Misrata auf ihre Abschiebung. Fotos: Ricardo Garcia Vilanova
Verlorene Hoffnung: Migranten warten in einem Gefangenenlager in der Nähe von Misrata auf ihre Abschiebung. Fotos: Ricardo Garcia Vilanova

Ismahil und Masjdi waren 19-jährige Studenten, als die Aufstände in Libyen 2011 losbrachen, und wie Tausende mit ihnen griffen sie voller Idealismus und Leidenschaft, aber ohne Ausbildung und Kampfstrategie zu den Waffen gegen die Regierung Gaddafi. Kennengelernt haben sich die beiden erst später auf Malta, nur knapp dem Tod entronnen. Im Kampf waren sie durch Kopfschüsse lebensbedrohlich verletzt und dann auf die Mittelmeerinsel evakuiert worden, Masjdi verlor sein Augenlicht, Ismahil ist weitgehend gelähmt und kann nur noch seine rechte Hand bewegen.

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Die Kämpfe in Libyen gehen unterdessen weiter. Unzählige Milizen fragmentieren das Land und machen es unregierbar. Seit März 2016 gibt es eine offizielle Regierung, aber die kontrolliert nur Teile im Westen des Landes und nicht einmal die Hauptstadt. Die eigentliche Macht liegt bei den 140 Stämmen und Familienclans, ein eng verflochtenes Beziehungsnetz für überlebenswichtige Kontakte.

Misrata liegt strategisch günstig am Mittelmeer. Die Stadt ist seit jeher berüchtigt für ihre Unabhängigkeit, ihre Händler, Schmuggler und Piraten. Hier eskalierte der Konflikt von Februar bis Mai 2011. Heute zeigt sich eine geschäftige, staubig-sandige Wüstenstadt mit einer starken wirtschaftlichen und militärischen Bedeutung. Die Krankenhäuser sind besser ausgestattet und der Pflege- und Ärztenotstand ist weniger dramatisch als im Osten. Im Vergleich zu Bengasi und Tripolis ist die Stadt derzeit recht sicher und diente deshalb als Basis für ein Erkundungsprojekt von Ärzte ohne Grenzen.

Flüchtlinge im Brennpunkt

Um die humanitär-medizinischen Bedürfnisse zu ermitteln und Vorschläge für die Hilfe zu entwickeln, besuchte das Team fünf Internierungslager mit Flüchtlingen und Migranten sowie acht Krankenhäuser. In mehr als 35 Sitzungen in verschiedenen Städten diskutierten wir mit unterschiedlichen Akteuren die Lage. Drei Schwerpunkte kristallisierten sich heraus: Die medizinische Versorgung von Flüchtlingen in den Gefangenenlagern, die Basisgesundheitsversorgung der Migranten in Misrata sowie die Unterstützung des Misrata Central Hospital in Hygienefragen und für eine verbesserte Infektionskontrolle.

Das Straßenbild prägen subsaharische Afrikaner, die sich an den Kreuzungen als Tagelöhner anbieten. Wenn sie an den Polizeikontrollstellen der Einfallstraßen aufgegriffen werden, was allerdings nur selten vorkommt, landen sie in einem der Internierungslager und werden in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Geschätzt leben derzeit 10 000 Arbeitsmigranten allein in Misrata, sie kommen hauptsächlich aus Niger, dem Tschad und dem Sudan. Immer in Angst, aufgegriffen und deportiert zu werden, suchen sie im Krankheitsfall meist nur eine Apotheke auf und kaufen, was dort empfohlen wird, auch wenn das eher ökonomischen denn medizinischen Kriterien folgt. Bei ernsthaften Beschwerden gehen sie in private Praxen, die zwar teuer sind, aber anders als die öffentlichen Krankenhäuser nicht gezwungen werden, Menschen ohne Papiere der Polizei zu melden. Bei chronischen Erkrankungen bleibt ihnen nur die Rückkehr nach Hause. Auf meine Frage, ob sie nicht vorhaben, mit dem Boot nach Europa überzusetzen, schütteln sie den Kopf: Das sei doch viel zu gefährlich, sie wollten doch nicht im Meer ertrinken.

Das Gefangenenlager in einer Kleinstadt auf halbem Weg nach Tripolis bietet ein erbärmliches Bild. Bei einer maximalen Aufnahmekapazität für 400 Flüchtlinge sind jetzt nur 43 anwesend, sie kommen aus Ägypten, Guinea, Niger und Nigeria. Als Gruppe waren 39 Nigerianerinnen vor Monaten auf der Suche nach Arbeit aus ihrer Heimat aufgebrochen. An der Mittelmeerküste wurden sie nachts in ein kleines Schlauchboot getrieben, das aber Europa nie erreichte. Die libysche Küstenwache fing es ab und brachte die Frauen in dieses Abschiebelager. Seit einem Monat sind die Frauen hier gefangen, ohne Kontakt zur Außenwelt oder zu ihren Familien. Die kleinen Schlafräume sind verschmutzt, die Matratzen verfilzt, der Boden des Waschraums ist knöcheltief mit Kot und Urin bedeckt. Die Wasserhähne funktionieren nicht und Duschen gibt es keine, ihre Notdurft müssen die Frauen in Eimern verrichten, die dann in diese Lache entleert werden. Für die Körperpflege zweigen sie etwas Trinkwasser ab.

Mit einem Durchschnittsalter von 22 Jahren sind die Flüchtenden jung, aber fast alle haben Beschwerden. Die meisten leiden an infektiöser Haut-Krätze. Als zweithäufigste Beschwerden nennen sie Körperschmerzen. Unspezifische Schmerzen sind oft Ausdruck erlittener seelischer Traumata, auch ihre Fluchtgeschichten und augenscheinliche Verzweiflung lassen das vermuten.

Ein Besuch in Sirte. Der Ort gewann durch reiche Ölvorkommen und als Geburtsstätte von Muammar al-Gaddafi an Bedeutung, mit seinem Tod endete hier im Oktober 2011 die libysche Revolution. Im Frühjahr 2015 erklärte der Islamische Staat (IS) die Stadt zu seiner Hochburg und kontrollierte zudem einen 300 Kilometer langen Küstenstreifen. Erst im vergangenen Dezember konnten Milizen aus Misrata mit amerikanischer Luftunterstützung die Stadt zurückerobern. Mit Sondergenehmigung und Polizeieskorte durften wir als erstes internationales Team in diese nun vollständig abgeriegelte Ruinenlandschaft.

Gefangen: Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen versorgt Frauen in einem Abschiebelager. Die Nigerianerinnen werden dort seit einem Monat festgehalten – ohne Kontakt zur Außenwelt. Foto: MSF
Gefangen: Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen versorgt Frauen in einem Abschiebelager. Die Nigerianerinnen werden dort seit einem Monat festgehalten – ohne Kontakt zur Außenwelt. Foto: MSF

Die moderne Klinik: zerstört

Unser Ziel war das Ibn Sina Krankenhaus, hier waren die Bombeneinschläge geringer, allerdings haben Vandalismus und Vernachlässigung deutliche Spuren hinterlassen. Die zuvor moderne 350-Betten-Klinik mit verschiedenen OPs, Intensivstationen, CT, MRT, Herzkatheterlabor und 20 fast neuen Dialysemaschinen war nur noch ein chaotisches Durcheinander mit aufgerissenen und regenüberfluteten Böden, zersplitterten Fensterscheiben und herunterhängenden Deckenverkleidungen, an den Wänden die schwarzen IS-Embleme. Dem Klinikdirektor und dem leitenden Chirurgen war die Erschütterung deutlich anzusehen bei dieser ersten Rückkehr.

In der Hauptstadt Tripolis versorgt Ärzte ohne Grenzen in acht Internierungslagern derzeit etwa 800 Flüchtlinge. Der Großteil jener Menschen, die auf der zentralen Mittelmeerroute nach Italien wollen, stammt aus Nigeria, Eritrea und Somalia. Sie fliehen vor extremer Armut und Terror. Der Weg zur Mittelmeerküste führt sie durch Tschad und Niger. Diese bitterarmen Länder durchquerten der Internationalen Organisation für Migration zufolge im vergangenen Jahr mehr als 300 000 Menschen. Genaue Zahlen, wie viele von ihnen bereits auf dem Weg nach Libyen verhungern, verdursten oder von einem der überfüllten Lastwagen fallen, gibt es nicht. Die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens ebenso viele Flüchtende in der Wüste umkommen wie im Mittelmeer ertrinken.

Auch die toten Geflüchteten bedeuten eine Herausforderung. Die Kühlhäuser der Kliniken entlang der Küste sind voll von unbekannten Leichen, die an den Stränden angeschwemmt wurden oder im Land starben. Viele liegen dort seit Jahren. Ohne eine DNA-Analyse können ihre Angehörigen nicht ermittelt, können sie nicht zurückgeführt oder bestattet werden. Dafür aber gibt es keine Kapazitäten, die reichen ja nicht einmal aus, um die lebenden Flüchtenden zu identifizieren.

Ismahil und Masjdi, die beiden studentischen Kämpfer, haben für ihr Land ihr Leben riskiert, sind für immer schwer beschädigt und klagen doch kaum, auch wenn sie keine staatliche Unterstützung erhalten. Ihre größte Sorge ist der Zusammenbruch ihrer fragilen Heimat und sie hören nicht auf zu hoffen, dass hier endlich Stabilität und Frieden einkehren.

Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen

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Avatar #586594
Arztberlin
am Mittwoch, 19. April 2017, 14:49

Heuchler

Dass Verschweigen Lüge ist, muß man wohl erwähnen angesichts dieses Artikels.
Verschwiegen wird die Ursache des Elends an dem sich nun diese selbst ernannten "grenzenlosen" profilieren.
Libyen unter Gaddafi hatte einen Sozialstaat der Deutschland um Lichtjahre voraus war. Kostenlose medizinische Versorgung auf hohem Niveau für alle. Wohlstand für alle und religiöse Toleranz.

Zu dem Regimechance mit Hilfe der islamistischen Terroristen "made in Afghanistan etc." schieg die Ärztekammer, schwiegen die "grenzenlosen".

Sie spielen sich jetzt als Helfer auf in einem Elend made by USA und Europa.

Unter Gaddafi hatten die Schwarzafrikaner keine Probleme. Flüchtlinge gab es keine, weder dort noch in Europa. Gaddafi hat selbst die Wüste fruchtbar gemacht. Den Ölreichtum für sein Land genutzt nicht für Konzerne wie heute, wo diese Banditen das Öl kostenlos klauen.

So ist es eben dass diese Heuchler sich am Elend anderer profilieren zu dessen Ursachen sie schweigen und damit Teil dieses Elend mit zu verantworten haben.

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