THEMEN DER ZEIT

Syrien: Gesundheitsversorgung als Waffe

Dtsch Arztebl 2017; 114(15): A-735 / B-626 / C-612

Hillienhof, Arne

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Seit sechs Jahren ist Syrien ein Kriegsgebiet. Inzwischen werden einer Studie im Fachmagazin The Lancet zufolge systematisch medizinische Einrichtungen angegriffen.

Opfer des Giftgasangriffs auf die syrische Stadt Chan Scheichun am 4. April werden behandelt. Das Krankenhaus wurde im Anschluss des Angriffs selbst beschossen. Foto: dpa
Opfer des Giftgasangriffs auf die syrische Stadt Chan Scheichun am 4. April werden behandelt. Das Krankenhaus wurde im Anschluss des Angriffs selbst beschossen. Foto: dpa

Der Zugang zu medizinischer Versorgung wird in Syrien zunehmend als Waffe missbraucht. Den Menschen vor Ort wird diese durch gezielte Angriffe verwehrt. Das berichtet eine auf Syrien spezialisierte Kommission des Lancet unter der Leitung der American University of Beirut (1).

Zu den jüngsten Übergriffen auf Gesundheitseinrichtungen zählt der Raketenbeschuss eines Krankenhauses in der Stadt Chan Scheichun: In der Klinik kämpften Ärzte nach Angaben eines Reporters der Nachrichtenagentur AFP zu diesem Zeitpunkt um das Überleben zahlreicher Opfer des Giftgasangriffes vom 4. April.

Gezielte Angriffe

Laut des Lancet-Beitrages sind seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien vor sechs Jahren mehr als 800 Mitarbeiter des Gesundheitswesens ums Leben gekommen. Allein im Jahr 2016 gab es fast 200 Anschläge auf medizinische Einrichtungen. Die Studienautoren vermuten jedoch eine weitaus höhere Zahl an Toten unter den Gesundheitshelfern und verweisen auf die schwierige Dokumentation und Beweisführung.

Anhand ihrer Daten machen die Autoren für 94 Prozent der Fälle die syrische Regierung und ihren Alliierten Russland für die Anschläge auf medizinische Einrichtungen verantwortlich. Einzelne Einrichtungen wurden mehrfach angegriffen, um so ihre Schließung herbeizuführen. So wurde das Kafr Zita Cave Hospital in Hama seit 2014 33-mal bombardiert. M10, ein Untergrundkrankenhaus in Ost-Aleppo, wurde innerhalb von drei Jahren 19-mal attackiert, bis es im Oktober 2016 vollständig zerstört wurde. Die Daten zeigen, dass die mehrfachen Angriffe auf Krankenhäuser zunehmen. Die Forscher betonen, dass ein derartiges Ausmaß der gezielten Zerstörung medizinischer Einrichtungen einem Kriegsverbrechen gleichkomme.

In den besetzten Gebieten sind aufgrund der Flucht vieler älterer und erfahrener Ärzte junge Mediziner trotz nicht abgeschlossener Ausbildung und wenig Erfahrung in Notfallmedizin und Traumamanagement dazu gezwungen, unter extremen Bedingungen Hilfe zu leisten.

Außerdem müssen sie ihre Ausbildung unterbrechen. Damit droht in den kommenden Jahren die Gefahr eines Mangels an gut ausgebildeten Ärzten.

Dramatische Ärzteflucht

Schätzungen zeigen, dass zwischen 2011 und 2015 die Hälfte aller syrischen Ärzte das Land verlassen hat. In Ost-Aleppo bleibt heute noch ein Arzt für rund 7 000 Einwohner, 2010 war es noch einer pro 800 Einwohner. Die einzige während des Krieges durchgeführte Umfrage kommt zu der Einschätzung, dass etwas zwei Drittel der syrischen Bevölkerung in Gebieten leben, in denen es an medizinischem Personal mangelt oder dieses sogar ganz fehlt.

In Belagerungsgebieten sind chirurgische Versorgung und essenzielle Medikamente nur selten zugelassen, Patienten dürfen nur selten evakuiert werden und Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit wie Wasserchlorierung und Masernimpfung werden blockiert.

Der Studie zufolge bedroht das Konzept der „Gesundheitsversorgung als Waffe“ die im internationalen Völkerrecht festgelegte Grundlage medizinischer Neutralität. Die syrische Regierung und ihr Hauptverbündeter Russland nutzten diese Strategie in weiten Teilen des Landes.

Zum Beispiel verabschiedete die syrische Regierung 2012 ein Gesetz, nach dem medizinische Hilfe für Anhänger der Opposition mit Gefängnis, Hinrichtung, Folter und Entführung bestraft wird. Die Autoren fordern Maßnahmen, um die medizinische Versorgung in Krisengebieten sicherzustellen. Dies beinhalte genaue Dokumentation der Angriffe auf medizinisches Personal und Erfassung der jeweiligen Täter durch die Welt­gesund­heits­organi­sation, einen besseren Schutz für medizinisches Personal und eine größere Rechenschaftspflicht bei Verstößen gegen das Völkerrecht.

„Ziel der zahlreichen systematischen Angriffe ist es, der Bevölkerung jedweden Zugang zu medizinischer Versorgung zu versperren und sie so zu kontrollieren“, mahnen die Autoren.

Dr. med. Arne Hillienhof

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1.
The Lancet 2016; doi: 10.1016/S0140-6736(16)32583-1 CrossRef
1.The Lancet 2016; doi: 10.1016/S0140-6736(16)32583-1 CrossRef

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    Axel Hüls
    am Mittwoch, 17. Mai 2017, 14:56

    Wem nützt es (!), dem Volk kaum Gesundheitsversorgung zu geben?

    Das Ärzteblatt sollte vorsichtig sein, wenn dort im Rahmen einer Studie einer US-Gesellschaft im "wissenschaftlichen" Mantel "seriös" und als Grundlage für Zeitungs- und Fernsehberichte, Propaganda präsentiert wird - und so simple noch dazu. Es wäre doch bedauerlich, dafür ungewollt (so unterstelle ich mal) das Sprachrohr zu machen. Bei der einfachen Frage "Wem nützt es?", dem eigenen Volk die Gesundheitsversorgung gezielt abzuschneiden, kommt man schnell darauf, dass das kaum Herr Assad sein kann, welcher - in seiner Situation umso mehr - Rückhalt im eigenen Volk benötigt, und nicht noch mehr Rebellen, die seine Position streitig machen. Was läge also näher, als dem eigenen Volk vielmehr Wohltaten zukommen zu lassen, damit es einen als Machthaber liebt, denn solches? Es nützt offensichtlich vielmehr solchen, die Herrn Assad als "unkooperativen" Machthaber entmachten wollen, Gründe (wie Öl und Gas oder strategische Lage) gibt es genug. Dazu scheint es ziemlich clever, ihm möglichst umfassend die Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft in Form sämtlichen (nicht nur medizinischen) Fachpersonals zu entziehen, und so wirtschaftlichen Zusammenbruch, Not und Aufbegehren (oder Abwanderung) des Volkes herbeizuführen. Letztlich werden auf diese Weise sogar Argumente geschaffen, um sagen zu können: "Seht her, das Volk leidet unter ihm, wir müssen etwas (militärisches) gegen Assad tun!"

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