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Zehn Jahre Arzneimittelrabatte: Mangel ersparen

Dtsch Arztebl 2017; 114(16): A-761 / B-645 / C-631

Maibach-Nagel, Egbert

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Die Gesamtreserve von 25 Milliarden Euro ist für Deutschlands gesetzliche Krankenversicherer (GKV) „eine gute Grundlage“. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat das 2016-Ergebnis der GKV im März noch ausdrücklich betont. Natürlich beflügelt das die Fantasien, was mit diesen Überschüssen für die Patienten alles getan werden kann. Aber bislang ingnorieren die 113 gesetzlichen Krankenkassen das.

Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Dabei mangelt es nicht an Beispielen, wo knapp bemessene Finanzen Schwierigkeiten schaffen. Nahezu jedem fällt dazu etwas ein. Aktuell diskutiert werden überlastete Notfallaufnahmen, deutlich zu enge Personaldecken in Deutschlands Krankenhäusern und Mängel in der ambulanten ländlichen Versorgung.

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Auch die im Winter zuletzt kritisierten Medikamentenengpässe gehören zu diesen wenig rühmlichen Ereignissen in einem Gesundheitswesen, das zwar zu den besten der Welt zählt, aber auch zu denen, wo die „Banken“ der Patienten vom Sparwillen beseelt sind.

Jetzt jährt sich die Einführung der Arzneimittelrabatte zum zehnten Mal. Am 1. April 2007 wurden die Apotheker über das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz zur Abgabe von Rabattvertragsprodukten verpflichtet. Seitdem sparen die Krankenkassen, ganz im Sinne der ihnen vom Gesetzgeber auferlegten „WANZ“-Regel des „wirtschaftlich, ausreichend, notwendig, zweckmäßig“, jedes Jahr durch Rabattverträge Milliardensummen – 3,9 Milliarden allein im Jahr 2016.

Das diesem Vorgehen zugrunde liegende Prinzip klingt einleuchtend: Die Kassen schließen Verträge über die Abnahme von Großmengen mit einzelnen Pharmafirmen, die Apotheker reichen diese auf die jeweiligen Versicherungen zugeschnittenen Produkte über die Theke. Die kontrahierten Mengen fußen auf bisherigen Verbrauchserfahrungen. Als Ergebnis winkt der Milliardenrabatt für die Krankenkasse. Wer dabei denkt, dass sich das Sparvolumen auf die von den Patienten zu leistende Zuzahlung in der Apotheke auswirkt, liegt falsch. Grundsätzlich geht die Anzahl der von der Zuzahlung befreiten Medikamente zurück.

Dass auf diesem Weg allerdings auch monolithe Strukturen gefördert werden, dass Abhängigkeiten auf diese Weise wachsen, ist eine Kritik, die seit Jahren bei diesem Prozedere mitspielt.

Und die Pharmaindustrie? Ihre Vertreter haben, so ist der Eindruck, in Deutschland sicherlich keinen guten Stand. Ihre Kritik, dass durch die Rabatte die Zahl der Wettbewerber, die noch zu diesen Preisen an der Versorgung teilnehmen, nicht gerade steigt, dass die Konzentration auf wenige Wirkstoffe einer flexiblen Versorgung nicht gerade förderlich, somit die Gefahr von Lieferengpässen groß ist, ist auch nicht neu. Sie wird auch von den in der Kette mitwirkenden Apothekern seit Jahren gepredigt.

Aber es sind längst nicht mehr solche „einsamen Rufer im Wald“, die solche Positionen offen vertreten. Selbst die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ) warnt vor den Folgen des Spar-Gebots: „Die Preise, die derzeit für diese Medikamente erzielt werden, sind eindeutig zu niedrig, um einen gewissen Gewinn abzuwerfen“, erläuterte der AKdÄ-Vorsitzende Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig Ende vergangenen Jahres noch gegenüber dem Südwestdeutschen Rundfunk. Seine Befürchtung: So niedrige Preise demotivieren gleichermaßen Produzenten, Forschung und Entwicklung. Das sollte man uns allen ersparen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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