ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2017Von schräg unten: Besser

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Besser

Böhmeke, Thomas

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Früher war alles besser. Früher erhielt man bei Fieber lediglich ein paar kalte Wadenwickel, heute müssen sich unsere Patienten nächtelang mit Dr. Google herumschlagen, ob hinter einer Temperaturerhöhung auf 38 Grad nicht doch eine Tuberkulose steckt. Früher reichte zur Diagnose ein Horchrohr, heute müssen unsere Patienten tiefgründige Kenntnisse im Strahlenschutz ausweisen, um ein juristisch nachhaltiges Einverständnis zur Röntgendiagnostik geben zu können.

Eines hat sich jedoch eindeutig gebessert, ist geradezu großartig geworden: Das Arzt-Patienten-Verhältnis. Wir haben den Halbgott in Weiß in die Medizingeschichte verbannt und feiern, fernab jeglichen Weißkittelgehabes, die Gleichberechtigung mit unseren Schutzbefohlenen, den informed consent! Um diesen gewaltigen Fortschritt zu verdeutlichen, darf ich an frühere Zeiten und ärztliche Umgangsformen erinnern, wie sie mir meine älteren Patienten verlässlich schildern, beispielsweise anlässlich chefärztlicher Visiten im Krankenhaus: Chefarzt zur Oberschwester: „Fragen Sie den Patienten, ob er Stuhlgang gehabt hat!“ Oberschwester zum Patienten: „Hatten Sie Stuhlgang?“ Patient, verschüchtert und verängstigt: „Ja ...“, „Herr Chefarzt, der Patient hat Stuhlgang gehabt!“ „Aha! Ich stelle fest: Verdauung tadellos!“ „Der Herr Chefarzt hat eine Diagnose gestellt: Die Verdauung ist tadellos!“

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Tja, das waren noch Zeiten ... da soll noch einer mal behaupten, wir Mediziner hätten uns nicht gewaltig gewandelt, und zwar eindeutig zum Besseren. Heute sind wir nicht mehr überheblich diktatorisch unterwegs, sondern begegnen unseren Schutzbefohlenen auf Augenhöhe, tarieren die Gleichberechtigung besser aus als die Wasserwaage das Lot, als das Kleinhirn die Gangabweichung, um den Patienten ein tiefgründiges Verständnis seiner Erkrankung sowie eine überzeugende Entscheidungsfindung zu ermöglichen.

Das mache ich natürlich auch bei meinem heutigen Patienten, der vor Kurzem aus einer Universitätsklinik entlassen wurde. Leider ist ein operativer Eingriff an der Mitralklappe erforderlich, welche myxomatös degeneriert und hochgradig insuffizient ist. Er hätte schon mit dem Chefarzt und allen Oberärzten gesprochen, sei sich aber noch unschlüssig, ob eine mechanische oder Bioprothese implantiert werden sollte, falls die Rekonstruktion der nativen Herzklappe nicht gelingt.

Ich nehme mir unendlich viel Zeit für diese wichtige Entscheidung, bespreche ausführlich die Eigenschaften und Unterschiede der künstlichen Herzklappen, gehe minutiös auf die Degeneration des bioprothetischen Klappenersatzes ein, erläutere alle Aspekte der plasmatischen Antikoagulation bei mechanischen Prothesen. Darüber hinaus beleuchten wir im Detail sein persönliches und berufliches Umfeld und diskutieren in aller Ausführlichkeit etwaige Konsequenzen, die dahingehend mit den unterschiedlichen Klappentypen behaftet sein könnten. Nachdem wir alle erdenklichen Vor- und Nachteile besprochen haben, sind wir uns am Ende einig, dass insbesondere mit Blick auf sein junges Alter eine mechanische Prothese zu bevorzugen sei.

Er scheint mit meinen Erklärungen sehr zufrieden zu sein, und ich bin stolz, dass ich ihm bei seiner Entscheidungsfindung behilflich sein durfte und glücklich, ein geradezu vorbildliches Patientengespräch gestaltet zu haben. Bis er sich beim Verlassen des Sprechzimmers kurz umdreht und meint: „Das eine muss ich Ihnen aber mal in aller Deutlichkeit sagen: Fragen Sie fünf Kardiologen, kriegen Sie zehn unterschiedliche Meinungen!“ Ist doch nicht alles besser geworden.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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