ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2017Tabakkontrolle in Europa: Schlusslicht Deutschland

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Tabakkontrolle in Europa: Schlusslicht Deutschland

Dtsch Arztebl 2017; 114(17): A-837 / B-707 / C-693

Jazbinsek, Dietmar

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Die neue Tabakkontroll-Skala offenbart eklatante Unterschiede in Europa. Während viele Länder Fortschritte machen, dient Deutschland als abschreckendes Beispiel.

Foto: Andrey Popov/stock.adobe.com
Foto: Andrey Popov/stock.adobe.com

Laut einer Schätzung der Welt­gesund­heits­organi­sation stirbt in Europa jeder vierte Mann an den Folgen des Rauchens. Bei den Frauen liegt der Anteil der tabakattributablen Mortalität derzeit bei sieben Prozent. Gegenmaßnahmen wie Werbebeschränkungen, Rauchverbote und Erhöhungen der Tabaksteuer haben zwar zu einem deutlichen Rückgang des Zigarettenkonsums geführt. Allerdings ist dieser Rückgang vor allem den bessergestellten Schichten der Bevölkerung zugutegekommen. In den meisten europäischen Staaten liegen die Raucherprävalenzen auch heute noch bei Werten zwischen 20 Prozent und 30 Prozent. Was getan werden kann, um die Zahl der Tabaktoten und die soziale Ungleichheit auf dem Feld der Tabakprävention zu verringern, war Ende März Thema einer internationalen Fachkonferenz in Porto (Portugal).

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Die „European Conference on Tobacco or Health“ findet alle drei Jahre statt und wird vom Dachverband der europäischen Krebsligen organisiert. Auf der Veranstaltung wurde die neue Tabakkontroll-Skala, Stand 2016, veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine Rangliste der europäischen Staaten im Hinblick auf Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums. Ein Vergleich des ersten Rankings aus dem Jahr 2005 mit der aktuellen Tabelle offenbart die beachtlichen Fortschritte, die es in vielen Ländern beim Schutz der Bevölkerung vor den Gefahren des Aktiv- und Passivrauchens gegeben hat. Ein Beispiel hierfür ist die Forderung der Bundes­ärzte­kammer und anderer Vertreter der Ärzteschaft nach einem Rauchverbot in Privatwagen, sofern Kinder mitfahren: Sie hat mittlerweile in sieben Staaten – darunter Irland und Italien – Gesetzeskraft erlangt. Ein anderes Beispiel ist die Einführung neutraler Zigarettenpackungen in Frankreich und Großbritannien. Länder wie Spanien und Ungarn haben es durch die Verabschiedung umfassender Tabakkontrollprogramme geschafft, innerhalb kurzer Zeit von einem der hinteren Ränge in die europäische Spitzengruppe vorzurücken.

Rauchprävalenz im Vergleich
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Grafik
Rauchprävalenz im Vergleich
Tabakkontrolle
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Tabakkontrolle

Vorreiter Großbritannien

Doch es gibt auch Ausnahmen von der Regel intensiver Bemühungen um eine wirkungsvolle Präventionspolitik: Unter den 35 aufgelisteten Ländern nehmen Deutschland und Österreich die beiden letzten Plätze ein. Das war in der vorherigen Ausgabe der Tabakkontroll-Skala aus dem Jahr 2013 genauso. In der Zwischenzeit wurde lediglich die EU-Vorgabe zur Einführung bildlicher Warnhinweise umgesetzt. Darüber hinausgehende Regelungen für die Produktion, den Vertrieb und Konsum von Zigaretten hat es in Deutschland nicht gegeben. Das vom Bundeskabinett bereits verabschiedete Plakatwerbeverbot droht am Widerstand der Wirtschaftspolitiker in der Großen Koalition zu scheitern. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, hatte im November 2016 vergeblich an die Abgeordneten der Unionsfraktion appelliert, dem Jugendschutz Priorität einzuräumen und dem ohnehin schon abgeschwächten Tabakwerbeverbot zuzustimmen. In Österreich dagegen ist es immerhin gelungen, ein generelles Rauchverbot in Gaststätten auf den Weg zu bringen, das im Mai 2018 in Kraft treten soll. Dass Deutschland offiziell „nur“ auf dem vorletzten und nicht auf dem letzten Platz der Tabakkontroll-Skala rangiert, hat mit einer Panne bei der Erstellung der Rangliste zu tun: Die deutsche Gesetzgebung ist im Hinblick auf den Nichtraucherschutz in öffentlichen Verkehrsmitteln besser bewertet worden als die österreichische, obwohl es zwischen den einschlägigen Regelungen in den beiden Ländern keinen substanziellen Unterschied gibt. In Porto verwiesen die europäischen Gesundheitsexperten stets auf Deutschland, wenn sie ein besonders abschreckendes Beispiel für den Einfluss der Tabaklobby auf die Politik geben wollten.

Das Gegenmodell zur deutschen Laisser-faire-Politik liefert Großbritannien, das mit großem Abstand auf Platz eins bei der Tabakkontrolle in Europa liegt. Unabhängig davon, ob die Labour-Partei oder die Konservativen an der Regierung waren, hat die britische Gesundheitspolitik systematisch die Maßnahmen umgesetzt, die in der Rahmenkonvention der WHO zur Eindämmung des Tabakkonsums empfohlen werden (siehe Tabelle). Um die Raucherzahlen weiter zu senken, setzen die Briten vor allem auf die Tabakentwöhnung mithilfe der E-Zigarette. Der Ärzteverband Royal College of Physicians stimmt heute mit anderen Fachgesellschaften des Landes überein: Ärzte sollten allen Rauchern, die auf Nikotin nicht verzichten können oder wollen, den Umstieg auf die E-Zigarette empfehlen. Diese Haltung hat den britischen Referenten auf der Konferenz in Porto einige kritische Zwischenrufe eingetragen. Statt das Dampfen zu propagieren, solle man lieber auf altbewährte Mittel wie die Nikotinersatzpräparate und die Medikamente zur Tabakentwöhnung setzen, lautete die Kritik. Sie kam vor allem von Vertretern griechischer und österreichischer Institutionen, die Interessenskonflikte mit der Pharmaindustrie angeben. Der Champix-Hersteller Pfizer war Hauptsponsor der Tabakkontroll-Konferenz in Portugal.

Neues von der EU

Ein Umstieg auf die E-Zigarette könnte die Schäden des Tabakkonsums auch dort reduzieren, wo die Grenzen der staatlichen Regulierung erreicht sind – in der Privatsphäre der Raucher. Doch das scheint keine Option zu sein, die die EU-Kommission in Betracht zieht. Im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms „Horizont 2020“ fördert Brüssel ein groß angelegtes Projekt zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens. Die Koordinatoren des Verbundprojekts mit dem Kurztitel „Tack SHS“ (second hand smoke) stellten in Porto die Arbeitspakete vor, die in den kommenden Jahren in zwölf EU-Ländern umgesetzt werden sollen. Im Mittelpunkt des Praxistransfers steht eine experimentelle Intervention in Raucherhaushalten. Messgeräte sollen eine Woche lang die Luftqualität in den Wohnungen von 200 einkommensschwachen Familien kontrollieren. Die Messergebnisse sollen den Wohnungsinhabern per SMS, E-Mail und Telefon übermittelt werden, um sie zum Rauchstopp zu motivieren. Ob die Intervention erfolgreich war, wird einen Monat später anhand von Kontrollmessungen überprüft. Der Enthusiasmus der Projektkoordinatoren über diesen „innovativen Ansatz“ muss nicht von Erfolg gekrönt sein, wenn man sich die Ergebnisse vor Augen führt, die ein Pilotprojekt in Schottland erzielt hat. Wie Amanda Amos von der Universität Edinburgh berichtete, hatten die Partikel-Messungen in Privatwohnungen den teilnehmenden Müttern zwar ein schlechtes Gewissen gemacht, an der Belastung der Raumluft durch Tabakrauch jedoch nichts geändert. Entweder lehnten die Frauen es ab, zum Rauchen vor die Tür zu gehen und ihre Kinder in der Wohnung alleinzulassen – oder sie scheiterten bei dem Versuch, ihre rauchenden Lebenspartner dazu zu bringen, zu Hause auf Zigaretten zu verzichten.

Thema eines Workshops waren die möglichen Folgen des Brexit für die Tabakkontrolle in Europa. Die Teilnehmer waren sich darüber einig, dass es dunkle Wolken sind, die am Horizont der kommenden Jahre aufziehen. Denn bislang waren es vor allem die Briten, die sich in Brüssel mit Nachdruck dafür eingesetzt haben, dem Gesundheitsschutz Vorrang vor den Interessen der Tabakindustrie einzuräumen. Diese Position wird durch den Austritt Großbritanniens aus der EU deutlich geschwächt. Gestärkt wird dagegen eine industriefreundliche Haltung, für die auch Deutschland steht – der größte Zigarettenproduzent und Zigarettenexporteur Europas.

Dietmar Jazbinsek

Rauchprävalenz im Vergleich
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Tabakkontrolle
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