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Arzneimittelengpässe: Kein „normaler Markt“

Dtsch Arztebl 2017; 114(18): A-865 / B-729 / C-715

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Eigentlich soll es „ein ganz normaler Markt“ sein. Das ist jedenfalls in der Diskussion um die Lieferengpässe des Narkosemittels Remifentanil immer wieder herauszuhören. „Normal“ mag heißen: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, Wirtschaftlichkeit ist für Käufer wie Verkäufer das maßgebliche Verfahren, Konkurrenz belebt das Geschäft. Große Abnahme schafft niedrigere Preise. All das wäre einfach – aber in Reinform gefährlich.

Ob im internationalen Arzneimittelmarkt, wie oft kolportiert, viel (zu viel) Geld verdient wird, bleibt kaum beweisbare Pauschalplatitüde. Zu uneinheitlich, zu komplex sind die oft stark regulierten Teilmärkte. Daraus schließen lässt sich, dass es dem System an Transparenz fehlt.

Insofern ist es „ganz normal“, dass sich die Mutmaßungen über Ursprung, Schwere und Dauer des Engpasses der im Februar noch freiwillig vom Hersteller Glaxo Smith Kline (GSK), der vier Fünftel des Marktes abdeckt, vermeldeten Lieferengpässe nur schwer bewahrheiten lassen.

Grund zur Panik, so die Arznei­mittel­kommission der Ärzteschaft (AkdÄ), gebe es zwar nicht. Aber was die Ursachen angeht, wie die Produktion das aufholt, ob die Generika des schon vor Jahren ausgelaufenen Patentes den Bedarf befriedigen können, darüber scheiden sich, auch wenn Notstand in diesem Falle ausgeschlossen wird, die Geister.

Für die Pharmabranche bleibt unterm Strich die ganz sicher schlechte Aussage, dass sich durch den Verkauf des Vertriebs an ein anderes Unternehmen die Preispolitik deutlich geändert habe: Jetzt bestimmt die Nachfrage das Angebot zugunsten Meistbietender. In der Schweiz gebe es keine Engpässe, heißt es.

Wirklich bestätigt ist das alles nicht. Dennoch steht solche Profitmaximierung konträr zur eigentlich bedeutenden Aufgabe dieser Industrie: der Unterstützung der medizinischen Versorgung von Patienten. Ergo: Es geht hier nicht um „normale“ Märkte. Die Versorgung mit Arzneimitteln ist Daseinsvorsorge. Vorhalte, Entwicklung und Qualität bestimmen über Menschenleben.

Insofern ist die Kritik an den festzustellenden Mängeln, die sich in diesem Fall zwar, so das über die Versorgung wachende Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), durch vernünftige Planung ohne Schaden überstehen lassen, keine Lappalie.

Es ist vielmehr ein systemisch nicht bewältigtes und solange auch erneut drohendes Beispiel dafür, dass Marktkonzentrationen wie auch industrielle Rationalisierungsprozesse Vorkehrungen abfordern, die solchen Engpässen entgegenwirken.

Dass dafür Krankenhausapotheken, wie von der SPD jetzt vorgeschlagen, knappe Arzneimittel künftig im Ausland einkaufen und dann auch niedergelassenen Ärzten zur Verfügung stellen sollen, ist eins. Die Ärzteschaft möchte aber richtige Vorsorge in Form einer nationalen Arzneimittelreserve, einer Sicherstellung der Basisversorgung mit essenziellen Medikamenten, wie sie auch seitens der CDU gefordert wird. Der von der Bundes­ärzte­kammer eingesetzten AkdÄ ist klar, dass das kein kurzfristig realisierbares Ziel ist. Hier müsse erst Einigung erzielt werden, was wirklich zu einer nationalen Reserve gehört.

Erfolgversprechend ist es auch, die Hersteller in die Verantwortung zu nehmen, neben einer klar definierten Meldepflicht von Engpässen künftig Verbrauchsmengen für insgesamt sechs Wochen vorzuhalten.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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