ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2017Prävention der Lyme-Borreliose nach Zeckenstich: Topisches Azithromycin enttäuscht bei der Prophylaxe

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Prävention der Lyme-Borreliose nach Zeckenstich: Topisches Azithromycin enttäuscht bei der Prophylaxe

Dtsch Arztebl 2017; 114(18): A-900 / B-757 / C-741

Leinmüller, Renate

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In Europa sind 20–25 % der Zecken mit Borrelia burgdorferi infiziert. Das Risiko einer symptomatischen Infektion nach Zeckenstich liegt bei 1–5 % und ist zudem abhängig vom Zeitintervall, das vom Zeckenstich bis zur Entfernung des Holzbocks verstreicht. Die höchsten Inzidenzen werden in Österreich (300/100 000 Einwohner pro Jahr), Tschechien, Deutschland (25/100 000 Einwohner pro Jahr), Slowenien und der Schweiz verzeichnet.

Wegen der unspezifischen Frühsymptome bleibt ein Teil der Infizierten unbehandelt. Nur bei 60– 80 % entwickelt sich nach Tagen bis Wochen ein Erythema migrans. Die präventive einmalige Einnahme von Doxycyclin wird nur bei Hochrisikofällen empfohlen, ist bei Kindern unter 8 Jahren und Schwangeren kontraindiziert und kann erhebliche Nebenwirkungen haben.

Azithromycin wirkt nicht sensibilisierend und ist auch bei Kindern und Graviden anzuwenden. In präklinischen Studien inhibierte ein 4-%iges Gel, bis 72 Stunden nach kutaner Infektion aufgetragen, Wachstum und Vermehrung der Borrelien in der Haut von Mäusen.

In einer Phase-3-Studie wurden 1 371 Patienten in 28 Zentren in Österreich und Deutschland randomisiert. Auszuwerten waren 995, je zur Hälfte mit topischem Azithromycin (10 %) oder Placebo behandelt. Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen, weil sich im Verum-Arm beim primären Endpunkt – Behandlungsversagen, definiert als Erythema migrans, Serokonversion oder beides – kein Vorteil nachweisen ließ: Nach 8 Wochen waren in beiden Gruppen 11 Fälle (2 %) von Therapieversagen aufgetreten.

Da unter Verum zahlenmäßig weniger Erythema-migrans-Fälle auftraten, folgte eine Post-hoc-Subanalyse (n = 174, per protocol Population) mit dem neu definierten primären Endpunkt Erythema migrans allein. Mit 7 Fällen im Placebo- und keinem im Verumarm ergab sich eine Reduktion des absoluten Risikos um 8 %.

Fazit: Die Prävention einer Lyme-Borreliose mit topischem Azithromycin nach Zeckenstich ist unwirksam, wenn Kriterien der Wirksamkeit das Erythema migrans, die Serokonversion oder beides sind. Die Kommentatoren verweisen auf die Problematik von Post-hoc-Subanalysen (2). Prof. Dr. med. Bernd Jilma, Universität Wien und Korrespondenzautor der Studie, bestätigt: „Da das Erythema migrans nicht der primäre Endpunkt war, ist eine weitere, große Studie notwendig, um den Wirksamkeitsnachweis zu führen.“ Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

  1. Schwameis M, Kündig T, Huber G, et al.: Topical azithromycin for the prevention of Lyme borreliosis: a randomised, placebo-controlled, phase 3 efficacy trial. Lancet Infect Dis 2017; 17: 322–9.
  2. Shapiro E, GP Wormser: Prophylaxis with topical azithromycin against Lyme borreliosis. Lancet Infect Dis 2017; 17: 246–8.

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