POLITIK: Das Gespräch

Das neue Vorstandstrio der KBV im Gespräch: Start mit großem Vertrauensvorschuss

Dtsch Arztebl 2017; 114(18): A-882 / B-742 / C-727

Beerheide, Rebecca; Maibach-Nagel, Egbert

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Eine Schonfrist von 100 Tagen will sich der neue Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nicht geben – zu viele Themen stehen auf der Tagesordnung: Dabei positioniert sich das Vorstandstrio klar beim Thema Landarztquote, Notfallversorgung und Nachwuchs-Stiftung.

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Die drei Männer an der Spitze der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sind keine Neulinge im Geschäft der ärztlichen Selbstverwaltung, doch sind sie in dieser Konstellation ein Novum: Als erster – vom Gesetzgeber erzwungener – dreiköpfiger Vorstand mit zwei Ärzten, Orthopäde Dr. med. Andreas Gassen als Vorstandsvorsitzender und Hausarzt Dr. med. Stephan Hofmeister als stellvertretender Vorsitzender sowie Volkswirt Dr. rer. soc. Thomas Kriedel als Mitglied des Vorstandes, wollen sie die politischen Geschäfte und die Interessenvertretung der niedergelassenen Ärzte nach den Querelen der vergangenen Monate wieder auf die Sacharbeit fokussieren. „Wir versuchen derzeit, möglichst viele Termine mit politischen Entscheidungsträgern und in der Selbstverwaltung gemeinsam wahrzunehmen“, erklärt das Vorstandstrio im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt am 40. Tag nach der Wahl durch die KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung Anfang März. Dort hatte die neuzusammengesetzte Ver­tre­ter­ver­samm­lung das Vorstandstrio mit großer Mehrheit gewählt. Ein dreiköpfiger Vorstand war nach den Vorgaben des Selbst­verwaltungs­stärkungs­gesetzes nötig geworden. „Mich freut besonders, dass wir drei in der Wahrnehmung in der Politik und im Ministerium sehr gut angenommen werden. Eine hohe Hypothek, ein hoher Vertrauensvorschuss, den wir auch einlösen müssen“, sagt Gassen.

Die Zusammenarbeit scheint derzeit reibungslos. „Man kann sehr gut mit zwei Ärzten zusammenarbeiten, ich kenne das schon aus Westfalen-Lippe“, erklärt Kriedel im Gespräch fast ironisch. Mit seiner langjährigen beruflichen Erfahrung in der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, zuletzt ebenfalls als Vorstandsmitglied tätig, warb er bereits bei seiner Rede im Vorfeld der Vorstandswahlen auf der Ver­tre­ter­ver­samm­lung.

Eine starre Trennung in der Aufgabenverteilung im Vorstand – Gassen etwa als Zuständiger für die Themen der Fachärzte, Hofmeister in gleicher Rolle für Hausärzte und Kriedel als Fachmann für Verwaltung und Digitalisierung – wollen die drei an der Spitze der KBV nicht: Auch wenn es aus Gründen der Praktikabilität Ressortzuständigkeiten geben werde, planen sie eine offene Zusammenarbeit bei allen Themen. „Jeder weiß, womit der andere beschäftigt ist. Jeder soll zu allen Themen auch sprachfähig sein“, stellt Gassen klar. Hofmeister dazu: „Jeder Hausarzt kann auch Herrn Gassen oder Herrn Kriedel ansprechen, jeder Facharzt kann auch mit mir sprechen.“

Als „Kollegialorgan“, wie es Kriedel nennt, setzten sie sich selbst kaum eine Zeit der Schonfrist, für Bewährungsfristen wie die ersten 100 Tage im Amt nach einer Wahl sei keine Zeit und der Handlungsdruck zu groß. Denn politisch steht für die KBV-Spitze derzeit einiges auf dem Spiel: Gesundheitspolitiker zeigen sich zunehmend genervt über die langen Beratungszeiten und anhaltenden widersprüchlichen Debatten in der Selbstverwaltung. Oftmals scheint dabei die Position der niedergelassenen Ärzte in der Gesundheitspolitik weniger wahrgenommen zu werden, als die derzeit lauten Rufe der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) – vor allem beim Stichwort Notfallversorgung und deren Vergütung: Hier setzt die DKG alle politischen Hebel in Bewegung, um die vor dem Erweiterten Bewertungsausschuss ausgehandelte Notfallvergütung zu verändern. Krankenhäuser bekommen seit Anfang April 2017 für Patienten, deren Versorgung auch im ambulanten Sektor erfolgen könnte, eine sogenannte Abklärungspauschale von 4,73 Euro tagsüber und 8,42 Euro in der Nacht. Weitere Pauschalen, zum Beispiel für die Versorgung von Menschen mit speziellem Kommunikationsbedarf, gibt es ebenfalls Zuschläge.

Ambulante Versorgung mit 580 Millionen Fällen

Die KBV hält dagegen und kündigt Lösungsvorschläge in diesem Streit an: „Wir erarbeiten derzeit ein Konzept, in dem es eine – auch virtuelle – Anlaufstelle gibt, die Patienten dann in die richtige Versorgungsebene schickt. Denn aus unserer Sicht soll jeder medizinisch das machen, wofür er personell und technisch ausgestattet ist“, so Gassen im Gespräch. Die Zahlen sprächen für sich: In der ambulanten Versorgung gibt es jedes Jahr rund 580 Millionen Behandlungsfälle, eine Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte. Im Krankenhaus gibt es 20 Millionen Fälle, „von denen jeder vierte dort nicht hingehört“, sagt Gassen.

Die Lösung, daher die Pauschalen zu erhöhen, hält der KBV-Vorstandsvorsitzende für falsch. „Jeder, der rechnen kann, wird feststellen, dass man das Problem nicht damit löst, noch mehr Geld in die ohnehin schon teure Krankenhausplanung zu schieben.“ Eher sei es die Aufgabe des ambulanten Versorgungssystems, auf die Nöte der Bürger einzugehen: „Der Bürger lässt sich nicht steuern, die Politik will ihn nicht steuern. Wir müssen den Bürger also abholen“, erklärt Hofmeister.

Bedarfsplanung muss in der Selbstverwaltung bleiben

Aus der Sicht der drei KBV-Vorstände braucht es regionale Lösungen für die künftige Triagierung sowie der anschließenden Versorgung der Notfälle. Für den Patienten sehe es von außen gleich aus, für das Innenleben und die Organisation im Hintergrund interessierten sich die wenigsten.

„Politische Bedarfsplanung ist das teuerste, was wir bekommen können. Wir müssen das unter uns regeln.“ Stephan Hofmeister
„Politische Bedarfsplanung ist das teuerste, was wir bekommen können. Wir müssen das unter uns regeln.“ Stephan Hofmeister

Vor dem Hintergrund dieser scharfen Debatte innerhalb der Selbstverwaltung warnen die drei Standesvertreter vor Bestrebungen, die Bedarfsplanung der Selbstverwaltung aus der Hand zu nehmen. „Wir müssen das unter uns regeln. Politische Bedarfsplanung ist das teuerste, was wir bekommen können“, sagt Hofmeister. Ein Beispiel dabei seien die Probleme bei der Schließung von Kleinstkrankenhäusern, mit der viele Landräte bundesweit zu kämpfen haben.

Mit einem Fokus auf die ambulante Medizin könnte auch Ärztinnen und Ärzten in den Krankenhäusern der extreme Arbeitsdruck genommen werden: „Wir brauchen die Qualität der Hochleistungskrankenhäuser und die tolle Arbeit, die unsere Kolleginnen und Kollegen dort unter oft prekären Bedingungen mit dramatischen Dienstzeiten und Pflegenotstand leisten. Das könnte man heilen durch ein ambulantes System, bei dem nicht durch zusätzliche Ambulanzen Betten gefüllt werden“, erklärt Gassen. Verbündete dafür scheint er auch zu kennen. „Ich glaube, dass so mancher Krankenhausträger in dieser Frage der Versorgung näher bei uns steht, als es oft scheint.“

„Planwirtschaftliche Eingriffe“ müssten auch bei der Verteilung von Ärzten verhindert werden. „Auch wenn Ärzte das doppelte Geld bekommen, gehen sie nicht in Regionen, in die sie nicht wollen“, ist Hofmeister überzeugt. „Die junge Generation wird sich eher dem System verweigern, als sich einer von oben gesetzten Planung zu unterwerfen. Die, die aus ländlichen Regionen stammen, gehen ja oft sehr gerne dorthin zurück“, sagt Gasen.

„So mancher Krankenhausträger ist uns in dieser Frage der Versorgung näher, als es oft scheint.“ Andreas Gassen
„So mancher Krankenhausträger ist uns in dieser Frage der Versorgung näher, als es oft scheint.“ Andreas Gassen

Daher bewertet der KBV-Vorstand die Landarztquote für das Medizinstudium kritisch. Hierauf hatten sich kürzlich die Landesgesundheitsminister in ihrem Konzeptpapier zum Masterplan 2020 geäußert, mit dem das Studium reformiert werden soll. Hofmeister positioniert sich dabei klar: „Ich kenne das aus meiner Erfahrung aus der Bundeswehr: Ich muss Geld ausloben, damit ein 18-Jähriger sich festlegt. Nach Abschluss der Facharztprüfung klagt der sich dann raus und zahlt das Geld zurück. Für mich hat solch eine Quote eher ein Stigma.“ Hofmeister war selbst zwei Jahre bei der Bundeswehr als Schiffs- und Marinearzt tätig. Aus seiner Sicht müsse man viel mehr gemeinsam mit den Bürgermeistern und Landräten vor Ort agieren, um junge Leute für eine ärztliche Tätigkeit auf dem Land zu motivieren und gemeinsam „die Ärzte zu suchen, die auch wirklich aufs Land wollen“.

Wichtig sei auf jeden Fall, so Vorstandsmitglied Kriedel, Vorurteile abzubauen und durch sachliche und frühzeitige Angebote die Grundlage für vernünftige Entscheidungen zu ermöglichen. Letztlich seien auch die verschiedentlich immer wieder aufflammenden Konflikte ärztlicher Gruppierungen untereinander ein Ausdruck dafür, dass es Ziel sein muss, „die Niederlassung attraktiver“ darzustellen. Kriedel ist überzeugt, dass die regional durchaus vorhandenen Modelle geeignet seien, angepasst und flexibel zu reagieren. Hier habe sich gegenüber den früher bundesweit gültigen Normen schon einiges getan.

Ein Nachwuchsprojekt für Hausärzte aus der vorhergehenden Amtsperiode will Hofmeister allerdings nicht weiterführen: Ein Stiftungsmodell für den hausärztlichen Nachwuchs soll es nicht geben. „Ich halte eine Stiftung nicht für die Lösung des Mangels an Hausärzten. Eine Stiftung klingt immer nach Almosen oder Last-Ressort-Lösung. Die Aus- und Weiterbildung von Ärzten ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und kann nicht in eine Stiftung abgeschoben werden. Ich glaube, dass wir bei genauem Hinsehen kein so eklatantes Nachwuchsproblem haben, wir haben mehr Ärzte als je zuvor“, sagt Hofmeister. Viel mehr müsse die Standespolitik darauf eingehen, dass die neue Ärztegeneration anders arbeiten wolle, Modelle der Arbeitsplatzteilung viel attraktiver geworden sind, die Optionen der Berufswahl nach einem Medizinstudium deutlich breiter geworden sind, als in früheren Zeiten. „Die Niederlassung ist aber weiterhin hochattraktiv. Sie bietet ungeheure Freiheiten in der Lebensgestaltung, die es im Drei-Schicht-Betrieb im Krankenhaus nicht gibt. Und diese Freiräume müssen wir deutlicher kommunizieren“, wirbt Hofmeister. Das schließe natürlich nicht aus, dass die KBV sich auch weiterhin für eine faire Vergütung der ambulanten Leistungen einsetzt. „Das ist eine Frage der Anständigkeit, dass wir verlangen, dass die Leistungen ordentlich vergütet werden“, fügt Hofmeister hinzu.

„Die KBV muss die Möglichkeit bekommen, in dieser Marktsituation Prototypen anzubieten.“ Thomas Kriedel
„Die KBV muss die Möglichkeit bekommen, in dieser Marktsituation Prototypen anzubieten.“ Thomas Kriedel

Über Finanzen ärgert sich das KBV-Spitzentrio auch bei der viel beschrieben Digitalisierung. Besonders die aktuelle Diskussion um Updates für die Arztsoftware beim Medikationsplan oder der Streit mit dem GKV-Spitzenverband um die Finanzierung der Konnektoren, die für den Roll-out der elektronischen Gesundheitskarte notwendig sind, treibt den Vorstand um. „In solch einer Marktsituation müssen wir als KBV die Möglichkeit bekommen, zumindest einen Prototypen anzubieten, der die technischen Voraussetzungen bietet“, erklärt Kriedel. „Da sollten wir uns nicht von den Anbietern treiben lassen müssen.“

In den nächsten Monaten steht für das Vorstandstrio vor allem das Einwirken auf die gesundheitspolitischen Vorstellungen der Bundestagsparteien und später im Jahr der Einfluss auf die Koalitionsverhandlungen an. Dabei betonen vor allem die beiden Neuen im Vorstand ihre Rolle als Vordenker: „Für mich ist wichtig, dass die KBV ihre Rolle als Vordenker zur Meinungsbildung des KV-Systems ausbaut und hier gemeinsam mit den Mitgliedern Positionen erarbeitet“, sagt Kriedel. „Ich sehe den eigentlichen Wert eines Vorstandes darin, die strategische und politische Arbeit zu leisten“, sagt Hofmeister. Gassen sieht das Vorstandstrio, aber auch das Trio an der Spitze der Ver­tre­ter­ver­samm­lung, Vorsitzende Dr. med Petra Reis-Berkowicz, ihre Stellvertreterin Dipl.-Psych. Barbara Lubisch sowie als Zweiter Stellvertreter Dr. med. Rolf Englisch, auf einem guten, gemeinsamen Weg: „Wir alle sind ja nicht neu im vertragsärztlichen System. Wir sind von der gleichen Grundidee getragen und haben dies mit der einstimmigen Zustimmung zum Konzept KBV 2020 eindrucksvoll unter Beweis gestellt.“

Rebecca Beerheide,
Egbert Maibach-Nagel

Das Vorstands-Trio

Dr. med. Andreas Gassen ist der alte und neue Vorstandsvorsitzender der KBV. Der 54-jährige Orthopäde aus Düsseldorf trat 2014 das Amt als KBV-Vorsitzender an. Seit 1996 ist er niedergelassen als Facharzt in einer Gemeinschaftspraxis in Düsseldorf. In der Selbstverwaltung ist er seit 2006 aktiv.

Dr. med. Stephan Hofmeister ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV. Der 51-jährige Hausarzt war seit 2014 stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. Ursprünglich aus Tübingen, war er von 1999 bis 2013 als Hausarzt in Hamburg niedergelassen.

Dr. rer. soc. Thomas Kriedel ist Mitglied des KBV-Vorstandes. Der Volkswirt war seit 2005 Mitglied im Vorstand der KV Westfalen-Lippe, dort aber bei der Wahl 2016 nicht mehr angetreten. In der KV trieb er die Digitalisierung voran. Er ist seit 1981 in der Selbstverwaltung tätig.

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