ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2017Von schräg unten: Korruption

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Korruption

Dtsch Arztebl 2017; 114(18): [68]

Böhmeke, Thomas

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Ich bin stinksauer. Ich fühle mich gemobbt, hintergangen, behinterteilt. Seit dem 4. Juni 2016 ist das Antikorruptionsgesetz in Kraft, und ich habe nichts davon mitbekommen. Niemand, wirklich niemand ist in den ganzen Jahren zuvor auf die Idee gekommen, mir für meine mühselige Arbeit auch mal ein kleines Extrahonorar zu zahlen. Keine sorgfältig verschlossenen Briefe für unzählige unterschriebene Rezepte, keine knisternden Handreichungen für massenweise Klinikeinweisungen.

Und jetzt soll damit Schluss sein, bevor ich überhaupt in den rechtmäßigen, weil bis 2016 straffreien Genuss gekommen bin? Das geht ganz und gar nicht. Ich werde meine Rechte einklagen. Vor der Kommission für Qualität in der ärztlichen Korruption. Die Pharma- und Medizinprodukteindustrie muss schließlich so etwas vorhalten, wo kämen wir sonst hin? Wie konnten die mich überhaupt übersehen? Wozu schreibe ich schon ein Achteljahrhundert im Deutschen Ärzteblatt (DÄ)? Die Damen und Herren von den Korruptionsabteilungen hätten mich längst zur Kenntnis nehmen müssen, auch wenn ich nur das Allerletzte im DÄ bin.

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Natürlich sind die Chefarztausschreibungen in den Seiten zuvor viel interessanter, trotzdem: Klarer Fall von Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom! Vor dem Gleichstellungsministerium werde ich auch klagen, jawohl! Ich werde sie alle in Regress nehmen, denn irgendwoher muss ich doch die Kohle kriegen, die mir zusteht. Aber das Frustrierende ist: Es wird mir wahrscheinlich nicht gelingen, weil wirklich vernünftige, konstruktive und brillante Ideen wie meine Regressforderung wegen unterlassener Korruption in dieser schnöden und selbstsüchtigen Welt einfach keine Chance haben. Das Antikorruptionsgesetz beerdigt meine Karriere, bevor sie überhaupt richtig durchstarten konnte.

Und es ist zu nichts gut, dieses Gesetz, zu ganz und gar nichts gut. Es ist zum Haareraufen, es ist zum Heulen. Es ist aber auch schon halb acht und ich muss endlich mit der Sprechstunde anfangen. Mein erster Patient zwängt sich durch die Zarge meines Sprechzimmers. Ich kenne ihn schon seit Langem, sein Insulinverbrauch ernährt ganze Laboratorien, sein Blutdruck mehrere Apotheken, seine Gefäße diverse Kliniken. Proportional zur Dicke seiner Krankenakte wächst sein Körpergewicht; ach, was habe ich schon alles versucht, ihn von einer Diät zu überzeugen, was habe ich für Blümchen geredet, mir die Zunge blutig geschwatzt.

Plötzlich habe ich eine Idee. Mein scharfsinniger diagnostischer Blick erkennt ein morsches Hüftgelenk. Prima!, so rufe ich ihm voller Begeisterung zu, machen Sie weiter so mit Ihrer Gewichtszunahme, die Ihre Gelenke zerbröselt, ich sehe eine günstige Gelegenheit, Sie an eine orthopädische Klinik zwecks Hüftgelenksersatz zu verkaufen! Er guckt mich irritiert an. Ja, Ihnen ist doch klar, dass ich für die Einweisung einen Fuffi kriege! Macht hundert Euro, welch ein Fest, weil Sie haben ja gleich zwei davon! Er murmelt etwas von „tutnichtsoweh“. Kein Problem, dann nehmen wir erst mal Ihre Kniegelenke, ich denke durchaus langfristig!

Er geht raus, ziemlich stinkig, richtig sauer, aber fest und finster entschlossen, mir zu zeigen, was eine Gewichtsabnahme ist. Wenn er nur wüsste, dass ich für solche Einweisungen nix kriege und jetzt erst recht nicht kriegen werde. Und jetzt soll mit solch wunderbaren Motivationsstrategien Schluss sein! Wenn Sie mich fragen: Das Antikorruptionsgesetz ist nicht nur unnütz, es ist auch schädlich!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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