ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2017Vergütung psychotherapeutischer Leistungen: Arbeit für Gerichte und Politik

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Vergütung psychotherapeutischer Leistungen: Arbeit für Gerichte und Politik

PP 16, Ausgabe Mai 2017, Seite 201

Bühring, Petra

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Zweifellos stellt eine psychotherapeutische Sprechstunde ebenso wie die Akutbehandlung einen deutlichen Mehraufwand für niedergelassene Psychotherapeuten dar. Denn sie müssen ihre Praxen umstrukturieren und sich fachlich auf den intensivtherapeutischen Behandlungsbedarf einstellen. Unverständlich ist daher, dass diese neuen und für die Versorgung sehr sinnvollen Leistungen schlechter bezahlt werden als die Richtlinien-Psychotherapie. Der Erweiterte Bewertungsausschuss (EBA) war Ende März der Position des GKV-Spitzenverbands gefolgt, der die niedrigere Vergütung in den Honorarverhandlungen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) somit durchgesetzt hat (siehe „Ein Schlag ins Gesicht“, Heft 4/2017).

Gegen diese Entscheidung gab es erheblichen Protest, nicht nur aus den Reihen der Psychotherapeutenverbände und Landespsychotherapeutenkammern, sondern auch von vielen Kassenärztlichen Vereinigungen, die sich solidarisch erklärten und Unterstützung anboten. Darüber hinaus gibt es konkrete Initiativen. So hat die KBV Klage gegen den entsprechenden Beschluss vor dem Landessozialgericht Berlin-Brandenburg eingereicht. Die KBV bemängelt, mit der Honorarentscheidung des EBA werde der gesetzliche Auftrag, psychisch kranken Patienten einen zeitnahen niederschwelligen Zugang zur psychotherapeutischen Behandlung anzubieten, torpediert. Der hohe Mehraufwand müsse adäquat vergütet werden.

Auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hat in einem Offenen Brief an Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) mehr Honorargerechtigkeit gefordert. Der Beschluss des EBA sei „ein weiterer Beleg für die strukturelle Unterbewertung“ psychotherapeutischer Leistungen. Die BPtK sieht deshalb zurecht politischen Handlungsbedarf. Die Vergütung der Gesprächsleistungen ist an den zeitlichen Einsatz von 50 Minuten gebunden. „Diagnostische und therapeutische Arbeit unmittelbar mit dem Patienten, die sich nicht verkürzen lässt, wird im deutschen Gesundheitssystem außerordentlich schlecht vergütet“, beklagt BPtK-Präsident Dietrich Munz. Mit der „Apparatemedizin“ lasse sich ein Vielfaches an Einkommen erzielen. Diese Kritik flankiert die seit vielen Jahren von Ärzten beklagte geringe Wertschätzung der „sprechenden Medizin“ und sollte endlich ernst genommen werden. Die BPtK fordert von Gröhe eine formelle Beanstandung des Beschlusses des Erweiterten Bewertungsausschusses. Zudem kritisiert die Kammer die Berechnung der seit 2012 geltenden Strukturzuschläge für Praxispersonal, die nur gut ausgelasteten Praxen ab der 19. Stunde gezahlt werden, als „eindeutig rechtswidrig“. Bereits das Sozialgericht Marburg hatte im März festgestellt, dass die Zuschläge nicht den Vorgaben des Bundessozialgerichts (BSG) entsprechen. Das BSG wird sich hiermit bald beschäftigen müssen.

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Schließlich erhielt Minister Gröhe im April auch noch eine Petition mit 4 267 Unterschriften, mit der eine bessere Vergütung von probatorischen Sitzungen gefordert wird. Diese werden nach wie vor schlechter bewertet als die Richtlinien-Psychotherapie. Die Probatorik, die in der neuen Systematik nach der Sprechstunde erfolgt, sei „anspruchsvoller und aufwendiger als reguläre Therapiesitzungen“, heißt es in der Petition.

So hat der Ausgang der Honorarverhandlungen zwischen KBV und Kassen vor allem Politik und Gerichten neue Arbeit beschert.

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