ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2017Philosophie und Psychotherapie: Das Problem des freien Willens

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Philosophie und Psychotherapie: Das Problem des freien Willens

Goddemeier, Christof

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Markus Gabriel plädiert für „Nachsicht, Großzügigkeit, Gunst und das Recht auf Willensschwäche“, doch ebenso für die Anwendung der „Urteilskraft“. Foto: dpa
Markus Gabriel plädiert für „Nachsicht, Großzügigkeit, Gunst und das Recht auf Willensschwäche“, doch ebenso für die Anwendung der „Urteilskraft“. Foto: dpa

Subjekt, Geist und freier Wille – zu der Frage, ob es das überhaupt gibt, liefert der Philosoph Markus Gabriel einen Lösungsansatz.

Der freie Wille ist ein altes Thema der Philosophie. In jüngerer Zeit entfachten die Experimente von Benjamin Libet Ende der 70er-Jahre eine lebhafte Diskussion darüber, ob es das überhaupt gibt: Subjekt, Geist und freier Wille. In seinem mit zahlreichen Beispielen angereicherten Vortrag lieferte der Philosoph Prof. Dr. phil. Markus Gabriel, Bonn, im vollbesetzten Auditorium Maximum der Freiburger Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie einen Lösungsansatz. Das von Prof. Dr. med. Joachim Bauer verantwortete Kolloquium „Körper – Seele – Geist“ verfolgt erklärtermaßen das Ziel, über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinauszuschauen.

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Problem der Philosophie

Sein Fazit formuliert Gabriel gleich vorweg: Ja, es gibt einen freien Willen. Doch damit sei die Sache nicht erledigt, denn hier stoße man erst auf ein „hartes Problem der Philosophie“. Zur Geschichte zitiert Gabriel Aristoteles Werk „Über das Verstehen“. „Ist es jetzt schon wahr, dass morgen eine Seeschlacht stattfindet?“, fragt der griechische Philosoph. Wenn jetzt schon Sätze über die Zukunft wahr wären, könnte man die Zukunft nicht ändern, sagt Gabriel und nennt Aristoteles den „Entdecker der Kontingenz“. Auch Augustinus (354–430) und Martin Luther haben über die menschliche Willensfreiheit nachgedacht.

Gabriel widmet sich zunächst den „Feinden des freien Willens“ – Gott, Natur, Gehirn – und widerlegt sie. Wenn etwa die Natur gemäß der „Spielfilmtheorie“ und wie ein „kraftschlüssiges Räderwerk“ funktioniert, ist das mit der Freiheit als „Prinzip des Anderskönnens“ nicht vereinbar. Gabriel zitiert Harry Frankfurts „Hierarchische Theorie“: Wenn einer Person ein Chip implantiert wird, mit dem seine Urheber immer dann eingreifen, wenn die Person nicht tut, was sie wollen, sonst aber nicht – ist die Person dann unfrei? Gabriel verneint.

Der „neuronale Determinismus“ resultiert aus Libets Untersuchungen. 1979 fand der Physiologe, dass freien Willenshandlungen eine spezifische elektrische Veränderung im Gehirn vorausgeht, die 550 Millisekunden vor der Handlung einsetzt. Menschliche Versuchspersonen werden sich ihrer Handlungsintention 350–400 ms nach Beginn des Bereitschaftspotenzials bewusst, aber 200 ms vor der motorischen Handlung. „Der Willensprozess wird daher unbewusst eingeleitet“, schreibt Libet. Daraus haben Hirnforscher den Schluss gezogen, dass es einen freien Willen nicht gebe, etwa Gerhard Roth und Wolf Singer. Gabriel verweist auf Libet, der selbst diesen Schluss nicht gezogen habe, sondern eine Veto-Funktion des freien Willens annahm – innerhalb eines Zeitfensters von circa 100 ms könne der bewusste Wille eine unbewusst eingeleitete Handlung verhindern. Modifikationen der Libet-Experimente haben laut Gabriel zudem gezeigt, dass Versuchspersonen nach dem Auftreten des Bereitschaftspotenzials die Wahl zwischen Bewegungen beider Hände hatten.

Handlungsfreiheit ist da

Jede Form von Determinismus ist demnach haltlos, und auch der Zufall macht laut Gabriel nicht frei. Haben wir also einen freien Willen? So einfach ist es nicht. Gabriel verweist auf ein Paradox, das schon Arthur Schopenhauer formulierte: Ich kann tun, was ich will. Ich kann aber nicht wollen, was ich will. Zwar kann auch die menschliche Handlungsfreiheit eingeschränkt sein, etwa durch Manipulation, Zwang und Krankheit, doch grundsätzlich ist sie gegeben. Besteht man aber zudem darauf, sich aussuchen zu können, was man will, gelangt man unweigerlich zum Schluss, dass der Wille nicht frei gebildet ist, denn das können wir nicht: uns aussuchen, was wir wollen. Der Ausweg: Sich einen Willen bilden, ist eine Handlung. Und an irgendeiner Stelle müsse man annehmen, dass man etwas „einfach nur so will“. Damit ist der Wille allerdings nicht ganz frei, sondern vollzieht sich „kontingent“, innerhalb von Grenzen und „abgesteckten Handlungsspielräumen“. Gabriel sieht den freien Willen als Teil des Geistes, dessen „Austreibung aus den Geisteswissenschaften“ (zum Beispiel Friedrich Kittler, Jacques Derrida) er ablehnt. „Geist“ definiert er als „Antwort auf die Frage, was uns vom Nichtlebendigen und vom Tier unterscheidet“. Was folgt aus diesen Überlegungen für die Ethik? Gabriel plädiert für „Nachsicht, Großzügigkeit, Gunst und das Recht auf Willensschwäche“, doch ebenso für die Anwendung der „Urteilskraft“. Und die komme gelegentlich zu dem Schluss, jemanden einen „Schweinehund“ nennen.

Christof Goddemeier

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