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THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Michael Büge, Suchttherapeut: „Die Frage nach einem Cannabiskonsum gehört in jede Anamnese“

PP 16, Ausgabe Mai 2017, Seite 222

Britten, Uwe

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Foto: privat
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Junge Klienten mit starkem und auch süchtigem Cannabiskonsum fallen in den letzten Jahren überall im Hilfesystem auf. Michael Büge über die Bedeutung des Kiffens heute und welche Probleme sich dahinter verbergen.

Sie arbeiten in unterschiedlichen therapeutischen Settings mit stark Cannabis-konsumierenden jungen Menschen – sehen Sie insgesamt eine Zunahme dieser Klientengruppe?

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Michael Büge: Alles in allem steigen die Zahlen beim Cannabiskonsum gar nicht so sehr an. Sehr wohl jedoch die Zahl der Behandelten. Dies erklärt sich aus einer gewachsenen Sensibilität für das Thema und aus der Schaffung besserer Behandlungsmöglichkeiten. Ähnliches gilt auch für komorbide Patienten, also Personen, die zusätzlich zur Suchterkrankung eine weitere psychiatrisch relevante Erkrankung zeigen. Der THC-Anteil im Cannabis ist im Vergleich zu früheren Zeiten allerdings kontinuierlich gestiegen, und das THC ist für den Rauschzustand verantwortlich.

Welche eigentlichen Probleme sehen Sie denn heute hinter der Suchtproblematik dieser jungen Menschen?

Büge: Was heute hinter dem Cannabiskonsum schwelt, ist im Vergleich zu früher nicht verändert, zumal sich auch das Einstiegsalter nicht erwähnenswert gesenkt hat. Zunächst handelt es sich fast immer um einen „Probierkonsum“. Da spielen das Leben in der Peergroup und die Neugierde eine Rolle. Bei den meisten bleibt es auch dabei. Bei den anderen kommen jedoch jugendtypische Problemlagen dazu, die über den Konsum „gelöst“ werden sollen – was natürlich ein Trugschluss ist. Werden diese Probleme nun verdrängt statt wirklich gelöst, wachsen sie in der Regel an. Dabei handelt es sich um Probleme in der Schule, in der Familie, mit dem Freund oder der Freundin oder bei all den Entscheidungen rund um die Ausbildung.

Nun ist aber manchen niedergelassenen Psychotherapeuten nicht immer bewusst, wie sehr sein jugendlicher Klient kifft.

Büge: Nun, die Frage nach einem Cannabiskonsum gehört in jede Anamnese, vor allem aktueller Konsum. Wenn der Klient einräumt, zu kiffen, muss zusammen mit ihm überlegt werden, ob das ein gelegentlicher oder ein süchtiger Konsum ist. Ich halte es wirklich für notwendig, immer gezielt und explizit nach Cannabiskonsum zu fragen, nicht nur nach Alkohol.

Nun wissen wir aber doch, dass gerade Abhängigkeitskranke oft geradezu Künstler darin sind, den für sie problematischen Themen auszuweichen.

Büge: Bei Suchtklienten besteht immer eine Tendenz zur Verharmlosung, das hat gar nichts speziell mit den jungen Menschen zu tun. Man muss sehen, dass diese Menschen das Problem oft wirklich als viel geringer einschätzen als es ist. Sie nehmen das gar nicht als Problem wahr. Und dann gibt es, zugegeben, natürlich jene, die mehr oder weniger bewusst bagatellisieren, um nicht mit ihren Problemen konfrontiert zu werden.

Bei jugendlichen Klienten kommt vielleicht als Besonderheit hinzu, dass ein Großteil des Umfelds auch kifft und bei vielen der Gleichaltrigen oder vielleicht sogar bei den eigenen Eltern daraus gar keine größeren Schwierigkeiten erwachsen. Das kann junge Menschen dazu verleiten, auch einen problematischen Konsum als völlig normal einzuschätzen.

Wie sieht es denn mit der Abstinenzerwartung während der Therapie aus?

Büge: Solange jemand mittels des Cannabiskonsums vor seinen realen Problemen davonzulaufen versucht, so lange wird er psychotherapeutischen Interventionen auch nicht so zugänglich sein, wie es wünschenswert wäre. Das müsste man diesen jungen Menschen auch vermitteln. Jemand, der aus einem süchtigen Konsum in die Psychotherapie kommt, muss möglichst bald Abstinenz erreichen, sonst kann Psychotherapie nicht nachhaltig wirken. Um an die tiefer liegenden psychischen Probleme heranzukommen, erscheint mir der klare Kopf durch Abstinenz schon nötig zu sein.

Hier spielt die Vertrauensbasis in der Therapie eine große Rolle. Traut sich der Klient, offen über seinen Konsum zu reden, kann das in der Therapie besprochen werden. Der Klient räumt mit der Aufnahme einer Therapie ein, dass er ein Problem hat, und daran etwas verändern will. Da ist es auch möglich, ihm zu vermitteln, dass er im therapeutischen Prozess nur weiterkommt, wenn er ehrlich ist, zum Therapeuten, aber auch zu sich selbst.

Sie plädieren dafür, diese jungen Menschen nicht durch die Defizitbrille einer Krankheitsdiagnose zu sehen, sondern sie mit ihren ganz typischen Adoleszenzproblemen wahrzunehmen . . .

Büge: Wenn ein junger Mensch in so einen Konsum eingestiegen ist, dann verzögert das wichtige Entwicklungsprozesse. Diese Entwicklungen müssen aber stattfinden, und wir Therapeuten sollten die ermöglichen, wir sollten eine Nachreifung unterstützen. Häufig stößt man dabei auf nicht vollzogene Ablösungsprozesse vom Elternhaus, auf Schwierigkeiten bei der Beziehungsaufnahme zu ersten Intimpartnern oder eben auf Schul- und Ausbildungsprobleme.

Gerät der Therapeut damit nicht in eine Erzieherrolle?

Büge: In gewisser Weise wird man von diesen jungen Leuten hineingezogen in eine solche Rolle, ob man will oder nicht. Sie sehen uns so. Ich selbst möchte gleichwohl kein Erzieher sein, so wichtig ich die Arbeit von Erziehern finde, aber als Psychotherapeut habe ich eine andere Funktion. Letztlich bleibt das dennoch ein Hin und Her. Wenn wir von Nachreifung sprechen, dann können wir uns dem erzieherischen Aspekt nicht völlig entziehen.

Heißt das bei Empfehlungen auch, etwas direktiver auftreten zu sollen?

Büge: Vor direktivem Auftreten würde ich persönlich warnen, denn das kann schnell nach hinten losgehen. Wir müssen uns diese Personengruppe als zutiefst ambivalent vorstellen. Gebe ich einem solchen Menschen zu viel direktiv vor, dann neigt der insgeheim immer dazu, sich in die andere Richtung zu bewegen. Meine persönliche Empfehlung ist, mit direktiven Maßnahmen sehr, sehr vorsichtig zu sein. Das schließt das, was wir heute „Psychoedukation“ nennen, nicht aus.

Psychoedukation kann ein ganz wichtiges Mittel sein, um diese Menschen über die Hintergründe solcher Erkrankungen und über die möglichen Umgangsweisen damit aufzuklären. Je mehr jemand über seine Erkrankung weiß, desto besser kann er Einfluss darauf nehmen. In stationären Settings ist Psychoedukation ja ohnehin längst ein wichtiger Anteil der therapeutischen Arbeit. Solche Elemente auch in die Arbeit niedergelassener Kolleginnen und Kollegen einzubauen wäre sicher gut, auch wenn nicht jeder psychoedukative Gruppen anbieten kann. Einzelnes davon ist aber auch sonst gut einbaubar ins therapeutische Gespräch.

Wie nötig ist es, die Eltern mit einzubeziehen? Sie haben die familiendynamischen Verquickungen angedeutet.

Büge: Ich halte die Einbeziehung von Eltern, wann immer sie möglich ist, für immens wichtig. Zwar können das Elternhaus und familiäre Dynamiken bei der Entstehung von Süchten eine Rolle spielen, aber Angehörige stellen auch eine große Ressource dar. Die Eltern verfügen bereits über viel Erfahrung mit ihrem Kind und sind für dieses trotz aller Schwierigkeiten sehr wichtig. Natürlich aber muss der eigentliche Klient mit dem Einbezug einverstanden sein.

Sie haben von Komorbiditäten bereits gesprochen. Psychotische Zustände werden dabei besonders oft genannt. Können Sie etwas zur Huhn-oder-Ei-Frage sagen?

Büge: Dazu kann man sagen, dass sie nicht beantwortbar ist. Es gibt aber beim Auftreten von beidem immer Wechselwirkungen. Man kann auf keinen Fall sagen, dass Cannabis grundsätzlich Psychosen auslöst. Dazu ist ja die Anzahl der Gegenbeispiele viel zu groß. Cannabiskonsum kann also ein Faktor gewesen sein, wenn eine Psychose aufgetreten ist.

Das schließt selbstverständlich drogeninduzierte Psychosen nicht aus. Dann hat jemand so stark konsumiert, dass das Gehirn entsprechend reagiert. Das ist ein Vergiftungszustand, wenn man so will. Stellt man nun nach Beendigung des Konsums fest, dass sich der psychotische Zustand wieder auflöst, dann ist die Psychose eindeutig von den Drogen induziert worden. Für die Rückentwicklung wird in der ICD (F 12.5) ein Zeitraum von sechs Monaten angesetzt, und zwar ohne dass medikamentös nachgeholfen worden ist.

Mit Medikamenten gegen Cannabis – das klingt nach einem unheilvollen Cocktail, gerade bei jungen Menschen.

Büge: Man kann sowohl bei Psychosen als auch beim Cannabiskonsum einen erhöhten Dopaminausstoß im synaptischen Spalt feststellen und dieser hohe Dopaminwert scheint diese Zustände zumindest aufrechtzuerhalten. Wenn man also die Wiederaufnahme des Dopamins in die neuronale Zelle blockieren kann, ist das erst mal durchaus hilfreich. Wer nun mit Antipsychotika gegen seine psychotischen Zustände etwas tun will und gleichzeitig kifft, der mutet seinem Gehirn verdammt viel zu – und das muss man diesen Menschen auch sehr deutlich vermitteln. Wer also aufhört zu kiffen, wird wahrscheinlich auch eine geringere Medikamentendosis brauchen. Dieses Argument sollte man dann therapeutisch nutzen.

Das Interview führte Uwe Britten.

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