ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2017Zeit der Aufklärung: Beiträge zur emotionalen Transformation

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Zeit der Aufklärung: Beiträge zur emotionalen Transformation

Schick, Andreas

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Die vielfältigen Beiträge des Bandes widmen sich aus verschiedenen Perspektiven der emotionalen Transformation des Menschen, die in der Aufklärung ihren Ausgang nahm und in die immer größere Beschleunigung heutiger Zeiten mündet. Vorrangig ist hierbei, dass sich der in der Aufklärung proklamierte Ausgang aus der Unmündigkeit nicht so sehr über den Verstand – hier hallt noch Descartes nach –, sondern aus der Anerkennung der eigenen, und auch der fremden, Emotionalität bestimmt; eine Einsicht, die erst im späten 20. Jahrhundert salonfähig wurde. Wie mühsam deren Umsetzung praktisch ist, zeigt sich nicht zuletzt auf der Weltbühne, auf der internationale Konflikte die tägliche Praxis wechselseitiger Anerkennung und Grenzsetzung erfordern. In der psychotherapeutischen Beziehung ist dies nicht anders.

Der umfangreiche Band 16 der Heidelberger Jahrbücher für psychohistorische Forschung unternimmt das verdienstvolle Unterfangen, diese Vorgänge zu beleuchten, und zwar zu Themenkomplexen von Symbolik in Religion und früher Kindheit, von Emotionalität in Kunst und künstlerischem Ausdruck, über Spezifika deutscher, amerikanischer und russischer Mentalität bis hin zu Grundsatzfragen von Gefühl, Körper und Sprache in Philosophie und Psychoanalyse. Deren Relevanz für die psychotherapeutische Praxis liegt in der Dialektik individueller und gesellschaftlicher Prozesse, in denen zum Beispiel Größenfantasie und Kränkbarkeit, oder Progression und Regression, gleichzeitig unvereinbar nebeneinander zu existieren scheinen, ohne einer Integration zugeführt werden zu können. Mittels der Zusammenführung soziologisch-psychologischer Perspektiven kann hier das Verständnis individueller und gesellschaftlicher Prozesse erweitert werden; dieser Ansatz steht im Fokus des Bandes. Insofern stellt er einen Grundlagenansatz zur Verfügung, der in der Tradition kultur-anthropologischer Forschung eines Hans Kilian oder Norbert Elias steht.

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Letztlich heißt dies auch, dass Kultur und Konflikt in der einen oder anderen Form stets zusammengehören, etwas dass in der tiefen Emotionalität des Menschen begründet liegt und in der psychotherapeutischen Praxis täglich ausgehandelt werden muss, wie dieser Band eindrucksvoll vermittelt. Andreas Schick

Ludwig Janus, Winfried Kurth, Heinrich J. Reiß, Götz Egloff: Verantwortung für unsere Gefühle – die emotionale Dimension der Aufklärung. Mattes Verlag, Heidelberg 2015, 439 Seiten, kartoniert, 24,00 Euro

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