ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2017Berühmte Entdecker von Krankheiten: Carl Wernicke verortete psychische Störungen im Gehirn

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Carl Wernicke verortete psychische Störungen im Gehirn

Dtsch Arztebl 2017; 114(19): U3

Schuchart, Sabine

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Er war einer der bedeutendsten Vertreter der Neuropsychiatrie im 19. Jahrhundert, die psychische Krankheiten auf Schädigungen bestimmter Hirnareale zurückführte. Der Mediziner Carl Wernicke wurde schon mit 26 Jahren in seinem Fach berühmt.

Sein sportlicher Ehrgeiz wurde ihm zum Verhängnis: Bei einem Radausflug im Thüringer Wald stürzte Carl Wernicke und verletzte sich so schwer, dass er am 15. Juni 1905 mit nur 58 Jahren verstarb. Der Name des Psychiaters und Neurologen ist indes nicht vergessen: Eponyme wie Wernicke-Enzephalopathie, Wernicke-Aphasie oder Wernicke-Mann-Lähmung erinnern an den bedeutenden Mediziner. Viele seiner Erkenntnisse erwiesen sich als wegweisend: So unterschiedliche psychiatrische Konzepte wie etwa die Merkfähigkeit, der Erklärungswahn oder die überwertige Idee gehen auf Wernicke zurück. Von ihm entwickelte Begriffe wie Angst- oder Motilitätspsychose setzten sich zwar letztlich nicht durch, wurden aber von Psychiatern aufgegriffen und weiterentwickelt.

Carl Wernicke wurde am 15. Mai 1848 im oberschlesischen Tarnowitz in bescheidenen familiären Verhältnissen geboren. Die Mutter hätte ihn gern als Pastor gesehen und schickte ihn deshalb aufs Gymnasium, der introvertierte, strenge Vater verstarb früh. Der fleißige Sohn wurde zum Medizinstudium in Breslau zugelassen; bereits mit 22 Jahren absolvierte er das Staatsexamen. Zunächst war Wernicke unter dem Psychologieprofessor Heinrich Neumann am Breslauer Allerheiligenhospital tätig. Neumann vermittelte Wernicke zu einem der führenden europäischen Neuropathologen, Theodor Meynert, der in Wien Direktor der Psychiatrischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses war. Der sechsmonatige Studienaufenthalt erweis sich als Glücksfall für den jungen Mann: Wernicke lernte viel bei dem charismatischen Meynert, der die anatomischen Grundlagen der Seelentätigkeit wissenschaftlich zu ergründen suchte.

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1866 hatte Meynert einen Aufsatz über Sprachstörungen von Patienten verfasst, deren Autopsiebefunde Hirnschäden zeigten. Dies bestärkte Wernicke in seinem Aphasieschema, das er als grundsätzliches Modell der Geisteskrankheiten verstand. 1874 legte er seine Arbeit zur Erklärung von Sprache und Sprachstörungen vor (Kasten). Daraufhin wurde er 1875 Assistenzarzt unter Carl Westphal an der Berliner Charité, wo er auch seine Habilitation abschloss. Wernickes akademische Karriere brach allerdings jäh ab, als der als eigenwillig und nicht sehr kompromissbreit geltende Nachwuchsstar mit der Charité-Direktion in Konflikt geriet und die Klinik verlassen musste. Bis 1885 praktizierte er als Nervenarzt in Berlin und nutzte diese Phase, um sein dreibändiges Lehrbuch der Gehirnkrankheiten zu verfassen und zu wichtigen neurologischen Erkenntnissen etwa im Bereich der Lokalisierung von Hirntumoren beizutragen. In diese Zeit fiel auch seine Erstbeschreibung der Wernicke-Enzephalopathie. 1885 folgte er einem Ruf an die Universität Breslau. Dort lehrte und forschte er bis zu seiner Berufung auf den Hallenser Lehrstuhl für Psychiatrie 1904.

Obwohl er ein eher reservierter Mensch war, galt Wernicke durch seine genaue Patientenuntersuchung und aufschlussreiche Darstellung psychischer Befunde als faszinierender klinischer Lehrmeister. Er brachte eine Generation bedeutender Schüler hervor, darunter Hugo Liepmann, Karl Kleist, Karl Bonhoeffer und Otfrid Foerster. Als wichtigster Opponent zu dem von Emil Kraepelin vertretenen psychologisch-phänomenologischen Ansatz in der Psychiatrie zog er sich den Spott des Psychiaters und Philosophen Karl Jaspers zu, der ihn als „Gehirnmythologen“ bezeichnete. Durch Wernickes frühen Tod wurde dieser Richtungsdisput unterbrochen, blieb aber natürlich weiterhin ein Thema in der Psychiatrie. Sabine Schuchart

1881 beschrieb Carl Wernicke eine Symptomentrias aus Amnesie, Augenmuskellähmungen und Ataxie, die später Wernicke-Enzephalopathie genannt wurde: Die degenerative Gehirnerkrankung ist durch einen Mangel an Vitamin B1 verursacht und in der Regel mit chronischem Alkoholabusus assoziiert. Zu einem der größten Hirnspezialisten seiner Zeit war er jedoch schon durch eine frühere bahnbrechende Entdeckung avanciert: 1874 hatte er, gerade 26 Jahre alt, das sensorische Sprachzentrum im Gehirn, das sogenannte Wernicke-Areal, lokalisiert und in seiner Arbeit „Der aphasische Symptomencomplex. Eine psychologische Studie auf anatomischer Basis“ anhand von Krankenberichten und Autopsieergebnissen von Schlaganfallpatienten beschrieben. Der durch Schädigungen in dieser Hirnregion ausgelöste Verlust des Sprachverständnisses ging als sensorische beziehungsweise Wernicke-Aphasie in die Medizingeschichte ein – ein wegweisender Ansatz, der durch die moderne Gehirnforschung erweitert und modifiziert wurde.

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