MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Migräneprophylaxe: Keine klare Evidenz für die Effektivität von Akupunktur

Dtsch Arztebl 2017; 114(19): A-951 / B-795 / C-777

Gerste, Ronald D.

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Unter den neurologischen Erkrankungen ist die Migräne die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit; das Leiden betrifft nach epidemiologischen Untersuchungen fast 15 % der US-Amerikaner und zwischen 8,4 % und 12,7 % der Menschen in Asien. Zwischen 25 % und 38 % der Migränepatienten benötigen eine präventive Therapie; hierzu werden unter anderem Pharmaka wie Topiramat, Metropolol und Propranolol eingenommen, die indes durchaus signifikante Nebenwirkungen haben können. Eine Arbeitsgruppe aus China hat jetzt eine prospektiv-randomisierte Studie vorgelegt, in der die Akupunktur als Präventivum bei Patienten mit Migräne ohne Aura getestet wurde.

Die 245 Patienten, die zu 77 % weiblich waren und ein Durchschnittsalter von 38 Jahren hatten, wurde in 3 Behandlungsarme eingeteilt: 83 Patienten wurden akupunktiert, 80 Patienten erhielten eine Scheinakupunktur und 82 Patienten verblieben unbehandelt auf der Warteliste. Die Behandlung und die Scheinbehandlungen fanden über 4 Wochen 5-mal pro Woche statt und dauerten je 30 Min. Der Therapiephase schloss sich eine Nachbeobachtungszeit über 20 Wochen an. Die Nadelung erfolgte an 4 Punkten, bis das charakteristische De-Qi-Gefühl ausgelöst wurde, ein dumpfes Ziehen, einer elektrischen Reizung ähnlich. Die Scheinbehandlung erfolgte an 4 nicht als Akupunkturstellen bekannten Punkten. Primäres Studienziel war die Reduktion der Zahl der innerhalb von 16 Wochen auftretenden Migräneattacken. Diese nahmen bei den tatsächlich akupunktierten Patienten im Schnitt um 3,2 Attacken binnen 16 Wochen ab. In der Shamgruppe ging diese Zahl um 2,1 und in der Gruppe der Unbehandelten um 1,4 zurück. Die durchschnittliche Zahl der Tage mit Migräne innerhalb eines 4-wöchigen Zeitraumes sank bei den akupunktierten Patienten von 5,9 bei Baseline auf 2,4 während der Therapiephase. In der 20-wöchigen Beobachtungszeit hatten die Patienten im Durchschnitt 2 Migränetage pro 4 Wochen (gegenüber 3 Migränetage in der Shamgruppe und knapp 4 bei den unbehandelten Patienten).

Fazit: „Das Hauptproblem der Studie ist die fehlende Verblindung der Probanden und der Ärzte“, erklärt Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. „Die Wartegruppe stellt keine Placebokontrolle dar, eine Scheinbehandlung hat hier nicht stattgefunden. In den beiden Akupunkturgruppen bestand keine tatsächliche Verblindung. Die Behandler mussten in der Verumgruppe aktiv die De-Qi-Reaktion durch die Nadelung hervorrufen. In der Sham-Gruppe musste die De-Qi-Reaktion vermieden und es sollte an angenommenen unwirksamen Punkten behandelt werden. Es erfolgte eine elektrische Stimulation über die Akupunkturnadeln. Die Behandlungsserie wurde 5 Tage pro Woche über einen Zeitraum von 4 Wochen durchgeführt. Eine Vergleichbarkeit mit anderen großen Akupunkturstudien ist daher begrenzt. Der Effekt der hochintensiven Behandlung zwischen der Verumgruppe und der Shamgruppe ist klinisch marginal. Auch die Notwendigkeit der Einnahme von Akutmedikation änderte sich nicht bedeutsam zwischen diesen Gruppen.“ Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. Zhao L, Chen J, Li Y, et al.: The long-term effect of acupuncture for migraine prophylaxis. A randomized clinical trial. JAMA Intern Med 2017; 177: 508–15.
  2. Gelfand A: Acupuncture for migraine prevention. Still reaching for convincing evidence. JAMA Intern Med 2017; 177: 516–7.

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