ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Diabetologie 1/2017Diabetes und Beruf: Grundsätzlich nur wenige Einschränkungen

SUPPLEMENT: Perspektiven der Diabetologie

Diabetes und Beruf: Grundsätzlich nur wenige Einschränkungen

Dtsch Arztebl 2017; 114(20): [16]; DOI: 10.3238/PersDia.2017.05.19.04

Ebert, Oliver

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Diabeteserkrankung und die damit verbundene Medikation sind mittlerweile nur noch in Ausnahmefällen eine wesentliche Hürde für Berufswahl und -ausübung.

Foto: Kurhan stock.adobe.com
Foto: Kurhan stock.adobe.com

Nach den Vorgaben des Arbeitsschutzgesetzes1 ist eine individuelle Beurteilung der jeweiligen Gefährdungssituation vorzunehmen. Hierbei müssen die Wechselwirkung von Arbeitsplatz- und Tätigkeitsspezifischen Faktoren sowie etwaige gesundheitliche Einschränkungen berücksichtigt werden. Ob ein bestimmter Berufswunsch beziehungsweise eine Tätigkeit mit Diabetes ausgeübt werden kann, ist anhand einer individuellen Gefährdungsanalyse zu ermitteln. Problematisch sind hier zunächst die spezifisch mit der Diabeteserkrankung beziehungsweise -therapie einhergehenden Risiken, insbesondere die Gefahr einer Selbst- und Fremdgefährdung durch Hypoglykämien (1).

Anzeige

Hierbei ist nicht allein auf das Risiko schwerer, das heißt fremdhilfebedürftiger Hypoglykämien abzustellen. Auch weniger ausgeprägte Hypoglykämien können zu Konzentrationsstörungen beziehungsweise nachlassender körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit führen, was insbesondere bei Tätigkeiten an Maschinen, in Überwachungsfunktionen oder mit höchsten Präzisionsanforderungen nicht unerhebliche Gefährdungslagen begründen kann.

Das Risiko für das Auftreten von Hypoglykämien kann durch Anpassung der Stoffwechseleinstellung beziehungsweise eine Anpassung der Therapie (z. B. Wechsel auf Insuline mit anderem Wirkprofil) verringert werden. Auch durch eine Erhöhung der Anzahl an Blutzuckerselbstmessungen, den Einsatz eines Systems zur kontinuierlichen Glukosemessung, durch zusätzliche Schulungen oder gegebenenfalls die Teilnahme an einem Hypoglykämiewahrnehmungstraining (z. B. BGAT oder HyPOS®) kann das Unterzuckerungsrisiko verringert werden.

Weiterhin müssen in Hinblick auf die Diabeteserkrankung auch die Risiken betrachtet werden, die sich in Ausübung der spezifischen Tätigkeit ergeben. Problematisch können insbesondere Berufe und Tätigkeiten sein, die den Tagesablauf nicht hinreichend planbar machen und/oder die Behandlung erschweren – etwa bei Schicht- oder Akkordarbeit, nur unregelmäßigen Essenszeiten oder stark wechselnden körperlichen Belastungen.

Vielmals können diese Risiken aber durch die Einhaltung von Arbeitsschutzvorschriften, durch Optimierung der Arbeitsabläufe oder organisatorische Maßnahmen so verringert werden, dass die Diabeteserkrankung der Tätigkeit nicht entgegenstehen muss.

Exemplarisch sei der Berufswunsch „Dachdecker“ angeführt: Bis vor wenigen Jahren noch war der Beruf des Dachdeckers für Diabetiker in der Tat kaum möglich. Auch heute noch wird häufig behauptet, dass dieser Beruf mit Diabetes nicht ausgeübt werden könne. Denn es bestehe ja die Gefahr, dass man in eine Hypoglykämie gerate und dann „vom Dach falle“.

Dieses Risiko ist zwar grundsätzlich vorhanden – aber diese Gefahr kann sich auch ohne Diabetes realisieren, beispielsweise wenn man das Gleichgewicht verliert, danebentritt oder durch Alkoholkonsum. Aus diesem Grund müssen Arbeitssicherungsmaßnahmen getroffen werden – wer aber wie vorgeschrieben abgesichert ist, für den stellt die Hypoglykämie in dieser Hinsicht kein relevant erhöhtes Gefahrenpotenzial mehr dar.

Bei der Berufswahl spielt der Diabetes somit nur noch in wenigen Berufsbildern eine entscheidende Rolle. Die vom Ausschuss Soziales der Deutschen Diabetes-Gesellschaft herausgegebenen „Empfehlungen zur Beurteilung beruflicher Möglichkeiten von Personen mit Diabetes mellitus“ (2) stellen daher klar, dass Menschen mit Diabetes ohne andere schwerwiegende Erkrankungen oder ausgeprägte Diabetesfolgeerkrankungen zwischenzeitlich nahezu alle Berufe ausüben können, für die sie persönlich geeignet erscheinen und die sie ergreifen wollen. Es empfiehlt sich hier eine enge Zusammenarbeit des Hausarztes/Diabetologen mit dem Betriebsarzt.

Generell beachtet werden sollte bei der Berufswahl auch, dass der Gesundheitszustand des Patienten sich in Zukunft unvorhersehbar verschlechtern kann, sodass der Beruf dann möglicherweise nicht mehr ausgeübt werden kann/darf. Insbesondere Tätigkeiten, zu deren Ausübung dauerhaft eine hohe körperliche beziehungsweise geistige Leistungsfähigkeit erforderlich ist, sollten daher bei der Berufswahl eher kritisch gesehen werden.

Auch Patienten, die Berufskraftfahrer werden möchten, sollten sich über die möglichen Probleme im Klaren sein: Es gibt zwar – entgegen häufiger Fehlmeinungen – kein generelles Verbot, dass Diabetiker Lkw oder Taxi fahren. Patienten mit stabiler Stoffwechseleinstellung, die keine schweren Hypoglykämien zeigen, regelmäßige Selbstkontrollen vornehmen und Hypoglykämien rechtzeitig erkennen können, sind grundsätzlich geeignet zum Fahren von Lkw und können daher eine entsprechende Fahrerlaubnis erhalten.

Soweit aus ärztlicher Sicht also keine Bedenken bestehen, dürfen entsprechende Patienten auch als Taxi- oder Busfahrer Personen befördern. Keine Kraftfahreignung besteht allerdings, wenn der Patient über keine hinreichende Fähigkeit zur Unterzuckerungswahrnehmung (mehr) verfügt. Kommt es innerhalb von 12 Monaten im Wachzustand zu mehr als einer schweren (= fremdhilfebedürftigen) Hypoglykämie, dann besteht in der Regel zunächst keine Fahreignung mehr. Eine fahrerlaubnispflichtige Teilnahme am Straßenverkehr ist dann erst wieder möglich, wenn wieder eine stabile Stoffwechsellage sowie eine Fähigkeit zur rechtzeitigen und zuverlässigen Wahrnehmung von Hypoglykämien besteht.

Im Zweifel sollte der Patient zur Abklärung an einen Facharzt mit verkehrsmedizinischer Zusatzqualifikation verwiesen werden, welcher zur Bewertung der Fahreignung ein entsprechendes Gutachten erstellt. Eine regionale Suche nach Ärzten mit der gemäß § 11 Abs. 1 Nr. 1 Fahrerlaubnisverordnung geforderten Qualifikation ist über die Website der Deutschen Diabetes Gesellschaft möglich (3).

Bei einigen Berufsbildern beziehungsweise in den hierfür geltenden Tauglichkeitsvorschriften (z. B. Polizei, Pilot, Bundeswehr2) gilt die insulinpflichtige Diabeteserkrankung pauschal als Ausschlusskriterium. Entsprechende Bewerber/Anwärter werden daher in der Regel pauschal abgelehnt, obwohl sie ansonsten über die geforderte Eignung verfügen. Es kann dann gar nicht erst eine Berufsausbildung begonnen werden. Allerdings dürften solche pauschalen Ausschlusskriterien wohl diskriminierend und somit rechtswidrig sein3. Nicht selten werden von Arbeits- und Betriebsmedizinern veraltete Eignungsrichtlinien bei ihrer Beurteilung der Einsatzfähigkeit von Menschen mit Diabetes zugrunde gelegt, in denen die Möglichkeiten der modernen Diabetestherapie nicht berücksichtigt werden.

Auch werden Ermessensspielräume bei der Beurteilung oft nicht genutzt beziehungsweise wird die gesetzlich geforderte Einzelfallprüfung nicht beziehungsweise nicht lege artis vorgenommen (4).

Der „Leitfaden für Betriebsärzte zu Diabetes und Beruf“ (5), der in Zusammenarbeit von Deutscher Diabetes Gesellschaft (DDG) und Deutscher Gesetzlicher Unfallversicherung e. V. (DGUV) entstanden ist, bietet eine konkrete Orientierungshilfe wie die Arbeitsfähigkeit von Diabetespatienten erhalten werden kann, welche Berufe besondere Risiken bergen können und wie Arbeitgeber zu einer sachgerechten Bewertung kommen.

Angabe der Diabeteserkrankung im Vorstellungsgespräch

Viele Patienten sind auch unsicher, ob die Diabeteserkrankung im Bewerbungsgespräch angegeben werden muss; hierzu werden oft falsche oder missverständliche Informationen vermittelt.

Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG) ist eine allgemein gehaltene „Gesundheitsfrage“ ohne einen konkreten Anlass unzulässig. Fragen nach dem Gesundheitszustand sind daher allenfalls dann zulässig, wenn eine Erkrankung die Eignung des Bewerbers „entweder erheblich beeinträchtigt oder aufhebt“4. Eine Ausnahme besteht also nur dann, wenn die Krankheit sich derart auf die auszuübende Tätigkeit auswirkt, dass diese schlechthin gar nicht erst ausgeübt werden kann.

Eine Krankheit muss im Bewerbungsgespräch daher nur im Ausnahmefall angegeben werden, insbesondere wenn diese ansteckend ist, wenn aufgrund der Krankheit eine erhebliche Gefährdung zu befürchten ist, die sich auch nicht anders abwenden lässt (z. B. durch Arbeitsschutzmaßnahmen, BZ-Kontrollen etc.) oder wenn die Tätigkeit aufgrund der Krankheit gar nicht erst ausgeübt werden kann.

Bei Diabetes ist eine solche konkrete Gefährdung in fast allen Berufen nicht zu befürchten – der Diabetes muss daher regelmäßig nicht angegeben werden. Ein denkbarer Ausnahmefall könnte dagegen beispielsweise der Beruf des Tief(see)tauchers sein: Dort muss man einen Schutzanzug anlegen und kann diesen unter Wasser auch nicht ablegen – ein Essen oder das Spritzen wäre daher im Notfall nur schwer möglich. Weil die Frage nach Krankheiten oft nur dazu dient, solche Bewerber „rechtzeitig“ ablehnen zu können, werden solche pauschalen Fragen nach Krankheiten daher als unzulässig angesehen. Man darf daher die Antwort verweigern – oder aber auch wahrheitswidrig den Diabetes verneinen, was natürlich meist taktisch klüger ist.

Schwerbehinderteneigenschaft im Vorstellungsgespräch

Auch die Frage nach einem Schwerbehindertenausweis muss nach neuester Rechtsauffassung nicht mehr wahrheitsgemäß beantwortet werden – denn eine wahrheitsgemäße Angabe führt in der Praxis oftmals dazu, dass es zu keiner Einstellung kommt5. Der Patient darf zur Vermeidung einer solchen Diskriminierung die Antwort auf eine solche Frage verweigern, was allein aber natürlich nicht sonderlich hilfreich wäre.

Es ist daher auch erlaubt, die Schwerbehinderteneigenschaft wahrheitswidrig zu verneinen; der Patient muss selbst dann keine rechtlichen Konsequenzen befürchten, wenn er später seine mit dem Schwerbehindertenstatus verbundenen Rechte geltend macht.

Selbstverständlich sollte der Patient dann aber seine (engsten) Kollegen über den Diabetes informieren, damit diese wissen, was im Notfall zu tun ist. Allerdings sollte man zumindest in der Probezeit noch vorsichtig sein, denn hier kann der Arbeitgeber problemlos und ohne Angabe von Gründen kündigen.

Diabeteserkrankung kann Kündigungsgrund sein

Nach Ablauf der Probezeit kann – zumindest in Betrieben mit mehr als 10 Arbeitnehmern – nicht mehr ohne Grund gekündigt werden6. Die Diabeteskrankheit allein reicht als solcher Grund nicht aus; allerdings ist eine Kündigung wegen Krankheit natürlich trotzdem möglich – nämlich dann, wenn (z. B. aufgrund hoher Fehlzeiten) eine sogenannte „negative Zukunftsprognose“ dahingehend besteht, dass der Arbeitnehmer die Tätigkeit krankheitsbedingt nicht mehr ausüben können wird.

Die Krankheit ist auch kein Freibrief für Fehlverhalten: Ein Koch mit Diabetes wird wohl mit einer Kündigung rechnen müssen, wenn er fortgesetzt nicht akzeptieren will, dass er den Blutzucker nicht neben offenen Lebensmitteln in der Küche kontrollieren darf. Auch eine Kassiererin im Supermarkt muss die Weisung des Arbeitgebers befolgen, dass an der Kasse und vor Kunden kein Blutzucker gemessen werden darf. Selbstverständlich darf die Blutzuckerkontrolle nicht verboten werden; der Arbeitnehmer hat aber sicherzustellen, dass Kollegen oder Kunden hierdurch nicht gestört oder belästigt werden.

In Betrieben mit bis zu 10 Mitarbeitern gibt es keinen gesetzlichen Kündigungsschutz. Dort kann jederzeit und ohne Angabe eines Grundes innerhalb der gesetzlichen beziehungsweise der im Arbeitsvertrag vereinbarten Frist gekündigt werden. Patienten, die in solchen Kleinbetrieben beschäftigt sind, sollten besonders zurückhaltend mit der Offenbarung der Krankheit sein.

DOI: 10.3238/PersDia.2017.05.19.04

RA Oliver Ebert

REK Rechtsanwälte Stuttgart, Balingen

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2017

1 § 5 ArbSchG

2 ZDV 46/1 „Bestimmungen für die Durchführung der ärztlichen Untersuchung bei Musterung und Dienstantritt von Wehrpflichtigen, Annahme und Einstellung von freiwilligen Bewerbern sowie bei der Entlassung von Soldaten“

3 EuGH für Menschenrechte, Urteil 13444/04 vom 30. April 2009, Glor. /. Schweiz

4 Bundesarbeitsgericht, BAG, 2 AZR 279/83

5 LAG Hamm, BeckRS 2010, 73793

6 § 1 KSchG i.V.m. § 23 Abs.1

1.
Rinnert R: Diabetes und Arbeit. In: Letzel S, Nowak D (Hrsg.): Handbuch der Arbeitsmedizin, 44. Aktualisierung. München: ecomed Medizin 2017.
2.
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Berufsempfehlungen. https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Ueber_uns/Ausschuesse_Kommisionen_Jury/Ausschuss_Soziales/Berufsempfehlungen_2007.pdf (last accessed on 24 April 2017).
3.
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Arztsuche. http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/arztsuche.html (last accessed on 24 April 2017).
4.
Finck H, Holl RW, Ebert O: Die soziale Dimension des Diabetes mellitus. In: Deutsche Diabetes-Gesellschaft, Deutsche Diabetes-Hilfe (Hrsg.): Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2017. Die Bestandsaufnahme. Mainz: Kirchheim 2016; 34–36.
5.
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Leitfaden für Betriebsärzte zu Diabetes und Beruf, 2. Aufl. 2012. http://publikationen.dguv.de/dguv/pdf/10002/diabetes-neu.pdf (last accessed on 24 April 2017).
1.Rinnert R: Diabetes und Arbeit. In: Letzel S, Nowak D (Hrsg.): Handbuch der Arbeitsmedizin, 44. Aktualisierung. München: ecomed Medizin 2017.
2.Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Berufsempfehlungen. https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Ueber_uns/Ausschuesse_Kommisionen_Jury/Ausschuss_Soziales/Berufsempfehlungen_2007.pdf (last accessed on 24 April 2017).
3.Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Arztsuche. http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/arztsuche.html (last accessed on 24 April 2017).
4.Finck H, Holl RW, Ebert O: Die soziale Dimension des Diabetes mellitus. In: Deutsche Diabetes-Gesellschaft, Deutsche Diabetes-Hilfe (Hrsg.): Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2017. Die Bestandsaufnahme. Mainz: Kirchheim 2016; 34–36.
5.Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Leitfaden für Betriebsärzte zu Diabetes und Beruf, 2. Aufl. 2012. http://publikationen.dguv.de/dguv/pdf/10002/diabetes-neu.pdf (last accessed on 24 April 2017).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote