POLITIK: Das Interview

Das Interview mit Hermann Gröhe (CDU), Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter: „Die Welt ist noch nicht ausreichend auf Gesundheitsgefahren vorbereitet“

Dtsch Arztebl 2017; 114(20): A-979 / B-815 / C-797

Beerheide, Rebecca; Maibach-Nagel, Egbert; Richter-Kuhlmann, Eva

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Beim ersten G20-Ge­sund­heits­mi­nis­tertreffen will Gröhe internationale Akzente setzen: Bei einer Krisenübung sollen die Minister gemeinsam neue Strategien entwickeln, erklärt er im Gespräch.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Herman Gröhe in seinem Berliner Büro: Gemeinsam mit den Gesundheits- ministern der G20-Staaten will er internationale Lösungen für Antibiotika- Resistenzen und das Krisenmanagement entwickeln. Fotos: Jürgen Gebhardt
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Herman Gröhe in seinem Berliner Büro: Gemeinsam mit den Gesundheits- ministern der G20-Staaten will er internationale Lösungen für Antibiotika- Resistenzen und das Krisenmanagement entwickeln. Fotos: Jürgen Gebhardt

Herr Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, das bevorstehende Treffen der G20-Ge­sund­heits­mi­nis­ter in Berlin ist kein alltäglicher Termin. Was sind die Ziele?

Gröhe: Die Staatengemeinschaft muss der globalen Gesundheitspolitik eine weit größere Rolle beimessen – denn Krankheiten kennen keine Grenzen. Die G20 vertreten zwei Drittel der Weltbevölkerung und drei Viertel des Welthandels. Ohne die großen Industrie- und Schwellenländer werden wir bei der Beantwortung von globalen Gesundheitsfragen nicht erfolgreich sein können. Es gab in einigen G20-Mitgliedsländern zunächst Vorbehalte, Gesundheit zum Thema zu machen. Aber Gesundheitskrisen können – das haben wir bei Ebola gesehen – die soziale, wirtschaftliche und politische Stabilität ganzer Regionen in Mitleidenschaft ziehen. Dass wir Gesundheit – mit dem ersten G20-Ge­sund­heits­mi­nis­tertreffen – jetzt auch zu einem Schwerpunkt unserer Präsidentschaft machen, ist ein starkes Zeichen der internationalen Verantwortung unseres Landes.

Der Präsident der Weltbank, Jim Yong Kim, hat darauf hingewiesen, wie schnell wir angesichts der heutigen Vernetzung in einen Notstand geraten können, wenn eine Pandemie wie die Spanische Grippe Anfang des 20. Jahrhunderts auftreten würde. Sind wir für solche Gesundheitskrisen gerüstet?

Gröhe: Noch nicht ausreichend. Die Spanische Grippe kostete kurz nach dem Ersten Weltkrieg mehr Menschen das Leben als dieser Weltkrieg selbst. Das ist uns heute gar nicht mehr so bewusst. Durch die Verdopplung des Reiseaufkommens in den letzten 20 Jahren können sich auch Krankheiten schneller grenzüberschreitend verbreiten. Auch der Ebola-Ausbruch in Westafrika hat gezeigt, dass die Welt nicht ausreichend auf solche Gesundheitsgefahren vorbereitet ist. Man stelle sich eine tödliche Erkrankung vor, die sich über die Atemwege überträgt …

Wie wollen Sie eine Vorbereitung für so einen Fall in Angriff nehmen?

Gröhe: Wir müssen die Zeit jetzt nutzen, um vorzusorgen: Beim G20-Ge­sund­heits­mi­nis­tertreffen werden alle Ministerinnen und Minister gemeinsam mit Vertretern etwa der WHO und der Weltbank eine Krisenübung durchführen. Es geht darum, die Verbreitung eines tödlichen Virus zu stoppen, das sich über die Atemwege überträgt. Da geht es um Fragen: Wie sind die Informations- und Entscheidungswege? Wie lässt sich die wirkliche Gefahr ohne Zeitverlust feststellen? Welche Ängste stehen einer frühen Anforderung von internationaler Hilfe im Weg? Wie kann Hilfe vor Ort organisiert werden? Wir brauchen mehr Klarheit darüber, welche Verantwortlichkeiten es vor Ort gibt, wenn eine Krise auftritt, wie wir sicherstellen, dass Informationen schnell weitergegeben werden, wer zügig Hilfe bereitstellt und welche Kontrollen erforderlich sind.

Soll für den Ernstfall eine Art „Befehlskette“ aufgebaut werden, die man bei der Ebola-Krise ja nicht hatte?

Gröhe: Ich würde eher von Verantwortlichkeiten sprechen und wir brauchen mehr schnell einsetzbare Experten. Die European Medical Corps, die nach der Ebola-Ausbruch gegründet wurden, haben beispielsweise beim Gelbfieber-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo im letzten Jahr geholfen. Der Einsatz wurde fast vollständig von Experten aus dem Robert Koch- und Bernhard-Nocht-Institut durchgeführt. Und wir haben weitere Institute, wie das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, die wir jetzt für den Aufbau international benötigter Fähigkeiten stärken. Sicherlich wird es am Ende des G20-Treffens auch Hausaufgaben für uns alle geben. Es ist gut, dass uns Argentinien, das nächste G20-Vorsitzland, bereits zugesagt hat, ebenfalls die globale Gesundheitspolitik voranzutreiben.

Aufgaben für das Treffen haben Sie quasi auch von den Wissenschaftsakademien der G20-Staaten erhalten, die erstmals gemeinsam Empfehlungen zur verbesserten globalen Gesundheitsversorgung erarbeitet haben?

Gröhe: Den Aufbau von belastbaren Gesundheitswesen vor Ort zu unterstützen, wie es die Wissenschaftsakademien empfehlen, ist ein ganz wichtiger Punkt. Denn ein starkes Gesundheitswesen ist Voraussetzung dafür, Gesundheitsgefahren erkennen und eindämmen zu können. Wir haben uns im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft 2015 darauf verständigt, 76 Ländern Hilfe zur Verfügung zu stellen. Das ist ebenfalls eine Lehre aus der Ebola-Krise und ich werde diesen Punkt auch mit meinen G20-Kolleginnen und -Kollegen in Berlin besprechen. Neben der Stärkung der Gesundheitswesen und einem besseren internationalen Krisenmanagement wird ein Schwerpunkt unseres G20-Treffens die Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen sein. Der Kampf darum, dass Antibiotika nicht ihre Wirkung verlieren, muss vor Ort genauso wie weltweit geführt werden: Es fängt bei der Händedesinfektion im Krankenhaus und der richtigen Verschreibung in der Arztpraxis an und hört bei der Frage auf, wie wir weltweit eine Verschreibungspflicht für Antibiotika oder den Verzicht ihres Einsatzes als Wachstumsförderer in der Tierhaltung durchsetzen. Es ist ein großer Erfolg, dass sich die G20-Agrarminister auf das Ziel verständigt haben, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auf therapeutische Zwecken zu beschränken.

In Deutschland haben wir DART, die Deutsche Antibiotikaresistenz-Strategie, über die Sie in dem Kreis berichten können. Welches Resümee ziehen Sie nach der bisherigen Laufzeit?

Gröhe: Wir haben bereits Wichtiges erreicht und werden allen G20-Teilnehmern einen Zwischenbericht zum Stand der Umsetzung zur Verfügung stellen. Das zeigt auch, wie ernst wir die Umsetzung nationaler Pläne nehmen. Zudem helfen wir anderen Ländern, solche Pläne zu entwickeln und umzusetzen. Auch im Bereich der G20 gibt es Länder, die noch keine eigenen Strategien zur Vermeidung von Resistenzen haben.

Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Umsetzung in Deutschland?

Gröhe: Es bleibt natürlich eine große Herausforderung. Es gibt aber Bereiche, in denen wir große Schritte gemacht haben: Wir haben eine enorme Nachfrage nach Weiterbildungsangeboten für Ärzte, wir haben die Überwachung des Antibiotikaverbrauchs in der Human- und in der Veterinärmedizin verbessert, wir haben ein Hygieneförderprogramm, mit dem wir Krankenhäuser bei der Einstellung und Ausbildung von Hygienefachpersonal und Fachärzten unterstützen. Und wir haben gesetzlich festgelegt, dass im Rahmen der Preisbildung bei neuen Antibiotika auch die Resistenzsituation bei den Antibiotika berücksichtigt werden muss, die schon auf dem Markt sind. Wir müssen noch besser werden bei der Entwicklung von Diagnostikverfahren und dem gezielten Einsatz von Antibiotika. Gut ist, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema zugenommen hat und alle Beteiligten bei der Bekämpfung von Resistenzen an einem Strang ziehen. Diese Anstrengungen dürfen nicht nachlassen. Auch in unserem Land, in dem wir stolz auf Hightechmedizin sind, müssen wir zum Beispiel tagtäglich an einer guten Hygiene im Krankenhaus arbeiten.

Wie gehen Sie damit um, dass es so viele unterschiedliche Handhabungen mit Antibiotika gibt und was erwarten Sie von den Gesprächen mit Ihren Amtskollegen?

Gröhe: Wir müssen beharrlich an einem gemeinsamen Bewusstsein von der Größe der Herausforderung arbeiten. Ich verstehe, dass Schwellenländer sagen, bei uns sterben weit mehr Menschen am mangelnden Zugang zu moderner Medizin als am Fehlgebrauch. Und wenn wir eine weltweite Antibiotika-Verschreibungspflicht fordern, dann müssen wir einigen Ländern auch Zeit geben, dafür zu sorgen, dass es genügend Fachkräfte gibt, die Medikamente verschreiben können.

Wenn wir den Kreis noch größer ziehen: Wie ist die Rolle Deutschlands in der WHO und bei den anstehenden Reformen der Organisation?

Gröhe: Wir sind mitten in einer umfassenden Reform der WHO. Und wir Deutschen treiben die Stärkung der Handlungsfähigkeit der WHO entschlossen voran. Deshalb haben wir auch unsere freiwilligen Beiträge massiv erhöht. Denn wir brauchen eine starke WHO. Und es muss klar sein, dass dafür alle Mitgliedsstaaten Verantwortung tragen.

Gesetz dem Fall, diese Nation möchte Sie in den nächsten vier Jahren wieder als Ge­sund­heits­mi­nis­ter hier haben ...

Gröhe: ... dann setze ich die erfolgreiche Arbeit gerne fort.

Was wäre denn ein Herzenswunsch, den Sie umsetzen wollen?

Gröhe: Wir müssen aus den vielen gute Leistungen in unserem Gesundheitswesen ein noch überzeugenderes Mannschaftsspiel machen, brauchen Brücken statt Mauern zwischen den Versorgungsbereichen, Fachrichtungen und Berufsgruppen. Für eine bessere Vernetzung müssen wir die Chancen der Digitalisierung viel beherzter nutzen. Und wir müssen noch mehr Menschen für einen Beruf im Gesundheits- und Pflegebereich gewinnen.

Das Interview führten Rebecca Beerheide,
Egbert Maibach-Nagel und
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Hermann Gröhe

Seit 2013 ist Hermann Gröhe (56) Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter. Zuvor war der CDU-Politiker Generalsekretär der Partei. Seit 1994 ist er Mitglied des Bundestages. Für die Bundestagswahl 2017 ist er Spitzenkandidat auf der Landesliste in Nordrhein-Westfalen. Seinen Wahlkreis Neuss hat er 2013 zum dritten Mal direkt gewonnen. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

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