THEMEN DER ZEIT

Angsterkrankungen: Großes Leid und hohe Kosten

Dtsch Arztebl 2017; 114(20): A-991 / B-823 / C-805

Goddemeier, Christof

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Neueste Erkenntnisse zu Epidemiologie, Neurobiologie und Therapie von Angsterkrankungen

Angststörungen stehen hinsichtlich der 12-Monats-Prävalenz in Deutschland mit 15,3 Prozent an der Spitze der psychischen Erkrankungen. Damit sind jedes Jahr 9,8 Millionen Menschen betroffen, davon etwa zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer. Prof. Dr. phil. Hans-Ulrich Wittchen, Dresden, nennt durchschnittlich drei bis fünf YLD (years lived in disability) (2010). Dabei ergibt sich die Behinderungslast aus der Prävalenz, dem häufig frühen Beginn, dem anhaltenden Verlauf und der unzureichenden Behandlung. Neben dem individuellen Leid verweist Prof. Dr. Dr. med. Katharina Domschke, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg, auf die Kosten, die sich europaweit jährlich auf circa 63 Milliarden Euro belaufen. Aufgrund ihrer hohen Prävalenz sind Angststörungen die viertteuersten psychischen Erkrankungen. In einem Vortrag präsentierte Domschke im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen neueste Erkenntnisse zu Epidemiologie, Neurobiologie und Therapie dieser psychischen Störungen.

Gleichzeitige Depression oder Suchterkrankung häufig

Nicht selten leiden Menschen mit einer Angststörung auch an einer Suchterkrankung oder Depression. Domschke zitiert aus Wilhelm Buschs „Die fromme Helene“: „Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ Die Heritabilität der Störung ist hoch – bis zu 48 Prozent bei der Panikstörung. Zudem zeigen Angehörige ersten Grades von Patienten mit einer Angststörung ein drei- bis fünffach erhöhtes Erkrankungsrisiko im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung. Kinder mit Trennungsangst entwickeln im Verlauf ihres Lebens signifikant häufiger eine Panikstörung. Darüber hinaus scheint es eine Trennungsangststörung im Erwachsenenalter als eigene Krankheitsentität zu geben.

Während die Genetik einen Teil unseres Schicksals ausmacht, sind epigenetische Prozesse flexibel und werden wesentlich von der Umwelt beeinflusst. Katharina Domschke erläutert den Mechanismus der Methylierung des Cytosins in Cytosin-Guanin-Dinukleotiden der DNA. Diese gehe meistens mit einer verminderten Gentranskription einher. Damit ist ein nichtmethylierter Genort ein „Risikogen“, ein methylierter Genort hingegen nicht. Epigenetische Studien zeigen zum Beispiel eine verminderte Methylierung des Monoaminooxidase-A-(MAO-A-)-Gens bei Frauen mit einer Panikstörung. Dabei korrelieren negative Lebensereignisse mit einer verminderten MAO-A-Methylierung und positive Lebensereignisse mit einer erhöhten MAO-A-Methylierung.

Auf der Ebene neuronaler Netzwerke zeigt laut Domschke eine Studie die Funktion des „bed nucleus of the stria terminalis“ (BNST), der neben der Amygdala und dem erweiterten limbischen System bei der Verarbeitung angstrelevanter Stimuli von Bedeutung ist. Dabei scheint der BNST bildgebenden Verfahren zufolge besonders bei der Vorwegnahme von Bedrohung („threat anticipation“) eine Rolle zu spielen (Avery S et al. 2015). Neben einer vor allem bei Frauen nachweisbaren Angstsensitivität gelten Persönlichkeitsmerkmale wie Neurotizismus, ein pessimistischer Attributionsstil, Schadensvermeidung sowie abhängige und vermeidende Persönlichkeitszüge als Risikofaktoren für das Auftreten von Angststörungen.

Bessere Belege für kognitive Verhaltenstherapie

Was bedeuten diese Befunde für die Psychotherapie? Den Leitlinien zufolge ist der Effekt der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) besser belegt als tiefenpsychologische Verfahren – Domschke zufolge heißt das jedoch nicht, dass letztere nicht wirken. Nobelpreisträger Eric Kandel sagte bereits 1998, dass Psychotherapie eine Veränderung der Genexpression anstoße. Neuere Studien zeigen etwa bei der Panikstörung eine Erhöhung der MAO-A-Methylierung bei Klienten, die auf KVT ansprechen. Zum Teil scheint Metakognitives Training (MKT) der KVT überlegen zu sein.

Pharmakologisch werden etwa Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Lavendelöl und Pregabalin eingesetzt. Domschke macht auf das „jitteriness“-Syndrom bei zu rascher Aufdosierung von SSRI und auf das hohe Missbrauchspotenzial von Pregabalin aufmerksam. Einen großen Stellenwert hat ihr zufolge die Prävention: zum Beispiel mithilfe des FRIENDS-Programm, Gesundheit und Optimismus GO! speziell für Jugendliche oder mit dem australischen Programm „Cool little kids“ (https://coollittlekids.org.au).

Christof Goddemeier

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