ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2017Von schräg unten: Krankenhausmitarbeiter

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Krankenhausmitarbeiter

Böhmeke, Thomas

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Moderne Medizin ist für viele unserer Patienten ein Mysterium. Kein Wunder, wenn sie sich mit unaussprechlichen Ungetümen von A wie Abciximab über P wie Pentaerythrityltetranitrat bis Z wie Zafirlukast konfrontiert sehen, die eher verbale Kompressionsfrakturen vermuten lassen als hilfreiche Medikamente. Da hilft nur A wie Aufklärung, um über V wie Verständnis Z wie Zufriedenheit zu erreichen. Dies ist gelegentlich ein weiter Weg, den man als Arzt heute leisten muss, wie ich bei meinem Patienten, der gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Ich studiere zunächst den Entlassungsbericht und bin hochzufrieden, dass der geplante Eingriff erfolgreich war. Es scheint alles in Ordnung zu sein, aber offensichtlich nicht für meinen Patienten, dessen Mimik einer Bandenwerbung für „Krankenhausgeschädigte aller Länder, wehrt euch!„ gleicht.

Nun, im niedergelassenen Alltag ist es tägliche Übung, des Patienten Groll über abgehetzte Schwestern, absente Ärzte oder enthaltsames Essen zu erden. Krankenhäuser, so erläutere ich ihm, müssen heutzutage vielfältigsten Aufgaben gerecht werden und sind nicht mit den Spitälern vergangener Jahrhunderte vergleichbar, in denen Erkrankte monatelang auf Spontanheilung warten mussten. Er hört mir interessiert zu, ich habe offensichtlich den strittigen Punkt getroffen. Den meisten Gesundheitssuchenden, so fahre ich fort, ist gar nicht gegenwärtig, welch umfangreiche Organisation notwendig ist, wie viele Angestellte mit unterschiedlichsten Aufgabenbereichen in den Kliniken tätig sind! Er schaut mich fragend an. Ja, es sind nicht nur Schwestern, Pfleger und Ärzte, die sich um ihn kümmern, nein, Heerscharen in den Sekretariaten, im Controlling, in der Wirtschaft und Logistik, in der Medizintechnik und Instandhaltung sind alle für ihn da! Seine Miene hellt auf, mein Redestrom ist so ungebremst wie der Blutfluss in der gestenteten Koronararterie. Kaum jemand weiß, dass Krankenhäuser über eigene Abteilungen für Rechtsfragen, für strategische Infrastrukturentwicklung, für Organisation und operative Unternehmensentwicklung, für Arbeitszeitmanagement, für das stationäre und ambulante Patientenmanagement, für das Konzern- und Berichtswesen, für den Datenschutz und den sicherheitstechnischen Dienst, für das Rechnungswesen und den Einkauf verfügen!

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Er ist beeindruckt, ich aber noch lange nicht fertig: Auch für ihn, der sich nur kurz in der Klinik befand, sind emsige Mitarbeiter für den Umweltschutz, für die gärtnerische Gestaltung der Außenanlagen, für die Verkehrssicherheit auf den Zuwegungen, für Genderfragen Tag und Nacht im Einsatz! PR-Abteilungen, die regelmäßig hochinformative Zeitschriften über das Haus und die Mitarbeiter herausgeben! Gleichstellungsbeauftragte! Qualitätssicherungskontrolleure! Zertifizierungsabteilungen! „Das ist ja unglaublich, Herr Doktor Böhmeke, das hätte ich nie gedacht!“ Ja, so ein Krankenhaus ist ein großes Unternehmen, in dem unendlich viele Hände ineinander greifen, nur mit dem einzigen Ziel, Ihnen möglichst schnell zur Heilung zur verhelfen! „Dem Himmel sei Dank, dass unsere Krankenhäuser heute so umfassend aufgestellt sind! Aber, wissen Sie, was mich am meisten beeindruckt hat?“ Was denn? „Dass die fleißige Schwesterschülerin, zeitweise ganz allein auf der Station, sich unendliche Mühe gegeben hat, den Eindruck zu vermitteln, dass diese Heerscharen auch tatsächlich für die Patienten tätig sind!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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