POLITIK

131. Haupt­ver­samm­lung des Marburger Bundes: In der Notfallversorgung kooperieren, Digitalisierung gestalten

Dtsch Arztebl 2017; 114(21): A-1036 / B-863 / C-845

Korzilius, Heike

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Um das Problem der überfüllten Notfallambulanzen zu lösen, setzt der Marburger Bund auf die Zusammenarbeit mit den Vertragsärzten. In Sachen Digitalisierung wollen die Ärzte nicht länger als Bremser wahrgenommen werden.

„Kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander“: Rudolf Henke will die Strukturprobleme bei der Notfallversorgung angehen. Der Marburger Bund hat dazu Eckpunkte vorgelegt. Foto: Jürgen Gebhardt
„Kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander“: Rudolf Henke will die Strukturprobleme bei der Notfallversorgung angehen. Der Marburger Bund hat dazu Eckpunkte vorgelegt. Foto: Jürgen Gebhardt

Konzentriert, sachlich und zukunftsgewandt – so könnte man die Arbeitsatmosphäre im Freiburger Konzerthaus beschreiben. Am 20. und 21. Mai trafen sich dort die 200 Delegierten des Marburger Bundes (MB) zu ihrer 131. Haupt­ver­samm­lung, die traditionell im Vorfeld des Deutschen Ärztetages stattfand. Themenschwerpunkte waren diesmal die auch im Gesundheitswesen fortschreitende Digitalisierung und die Notfallversorgung.

Immer mehr Patienten suchen dem MB zufolge die Notaufnahmen der Krankenhäuser auf, obwohl sie ebenso gut von einem niedergelassenen Arzt versorgt werden könnten. Dass Millionen Patienten im Jahr den direkten Weg in die Notaufnahmen wählten, weise auf strukturelle Probleme in der arbeitsteilig organisierten Notfallversorgung hin, erklärte der 1. Vorsitzende des MB, Rudolf Henke. Offenbar seien die jeweiligen Zuständigkeiten, Öffnungszeiten und Erreichbarkeiten des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes nur unzureichend bekannt. Der MB begrüße es deshalb sehr, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ebenso wie einige Kassenärztliche Vereinigungen zusätzliche Anstrengungen unternähmen, um ihren Notdienst und die zentrale Bereitschaftsdienstnummer 116117 bekannter zu machen.

Notaufnahmen entlasten

Damit allein sei es aber nicht getan, sagte Henke. Nötig sei eine Strukturreform der medizinischen Notfallversorgung, für die der MB vor Kurzem Eckpunkte vorgelegt habe. Diese waren jedoch bei der KBV und einigen KVen auf heftige Kritik gestoßen. „Wir brauchen kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander“, betonte Henke jetzt in Freiburg und spielte damit auf den Vorwurf an, die Krankenhäuser nutzten die Notaufnahmen, um ihre Betten zu füllen. „Wir wollen nicht mehr Patienten in den Notaufnahmen“, erklärte der MB-Vorsitzende. Die Notaufnahmen müssten vielmehr entlastet werden, damit die Ärztinnen und Ärzte dort wieder Zeit hätten, sich um die wirklich dringlichen und schweren Fälle zu kümmern. Zentrale Anlaufstellen und ein koordiniertes Vorgehen der Beteiligten könnten dazu beitragen und eine medizinisch sinnvolle Inanspruchnahme der Notfallversorgung fördern. Hierzu benötige man jedoch einheitliche Standards für die Ersteinschätzung der Behandlungsdringlichkeit. „Dieses Triage-System muss für Rettungsdienste, Notdienstpraxen, Notaufnahmen und Rettungsleitstellen gleich sein“, forderte Henke. Der MB sei an einem echten Dialog zur Lösung des Problems interessiert. Er nehme deshalb auch gerne das Gesprächsangebot des Vorsitzenden der KBV, Dr. med. Andreas Gassen, an. Möglicherweise komme es schon im Juli zu einem ersten Treffen.

Kritik übte Henke auch an der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Sie hatte erklärt, dass den Krankenhausärzten für die Abklärung von Notfällen künftig nur noch zwei Minuten zur Verfügung stünden. Für mehr reiche die Pauschale in Höhe von 4,74 Euro nicht aus, die seit Kurzem für die Erstbegutachtung von Patienten gezahlt wird, die danach an Vertragsärzte verwiesen werden. Die Aussage der DKG habe die Patienten zutiefst verunsichert, sagte Henke. Zwar lege die unzureichende Vergütung eine solche betriebswirtschaftliche Kalkulation nahe. „Wenn Patienten aber für die Abklärung ihrer Beschwerden mehr Zeit benötigen, werden Ärzte sich diese nehmen“, versicherte Henke. „Sie werden eher einen Bilanzschaden der Krankenhäuser in Kauf nehmen als einen Gesundheitsschaden der Patienten.“

Ärzte sind überlastet

Henke ging auch auf die unzureichende Personalausstattung in den Krankenhäusern ein. Überlastung, Zeitdruck und Millionen von Überstunden bei Ärzten und Pflegepersonal seien die Folge. Diese Probleme würden von den Krankenkassen aber regelmäßig unter den Tisch gekehrt. Sie sprächen lieber von Mindestmengen, die die Krankenhäuser erfüllen müssten, als von Mindestpersonalbesetzung, wenn sie über Qualitätsanforderungen diskutierten. Der MB begrüße deshalb die gesetzlich geplante Regelung für Untergrenzen bei der Zahl von Pflegekräften in den somatischen Krankenhäusern. Das sei aber nur ein erster Schritt. Auch für die Zahl der Ärzte müsse es Mindestgrenzen geben. Nur dadurch ließen sich unerwünschte Wirkungen des DRG-Systems verhindern.

Selbstkritisch und aufgeschlossen widmeten sich die Delegierten dem zweiten Schwerpunktthema der Haupt­ver­samm­lung: der fortschreitenden Digitalisierung im Gesundheitswesen. Sie stand auch beim anschließenden 120. Deutschen Ärztetag ganz oben auf der Tagesordnung. „Es ist höchste Zeit, über das Thema zu sprechen“, erklärte MB-Vorstand Dr. med. Peter Bobbert. Die Digitalisierung verändere das gesamte Leben. Doch in der Medizin sei diese Revolution noch gar nicht angekommen. Die Ärzteschaft müsse sich aktiv an den Entwicklungen beteiligen und auch die Chancen der Digitalisierung erkennen. „Bisher waren wir immer die Mahner und Bremser“, kritisierte Bobbert. Das habe den Prozess der zukunftsgerichteten Strukturierung der Telematik eher behindert, heißt es dazu in einem Antrag, dem die Delegierten mit großer Mehrheit zustimmten. Die Digitalisierung könne durch effektivere und effizientere Arbeitsprozesse die Gesundheitsversorgung verbessern. Die Informationstechnologie dürfe sich aber nicht vorrangig an der Optimierung administrativer Prozesse orientieren, sondern müsse auf die Erfordernisse der klinischen Tätigkeit abgestimmt werden. Deshalb sei es auch wichtig, dass die Ärzte ihren Sachverstand früher und konstruktiver einbrächten.

Zehn Milliarden Euro für IT

Um die Chancen der Digitalisierung nutzen zu können, sei es zudem unabdingbar, benutzerfreundliche und sichere ärztliche IT-Arbeitsplätze zu schaffen. Das geht nach Ansicht der MB-Haupt­ver­samm­lung jedoch nicht ohne zusätzliche Finanzmittel. Neben der längst überfälligen Aufstockung der Krankenhausinvestitionsmittel durch die Bundesländer müsse ein staatliches Sonderprogramm für die Modernisierung der Krankenhaus-IT in Höhe von zehn Milliarden Euro über die nächsten sechs Jahre aufgelegt werden, verlangten die Delegierten. Außerdem forderten sie den Gesetzgeber auf, eine Positivliste für digitale Gesundheitsanwendungen zu erarbeiten, die deren Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und medizinische Qualität bewertet. Nur so könne man Transparenz über die Sinnhaftigkeit der Angebote schaffen. MB-Vorstand Bobbert lobte die konstruktive Diskussion der Delegierten. „Wir dürfen uns nicht von unseren Ängsten leiten lassen“, sagte er. Denn die Frage sei nicht mehr, ob, sondern wie sich die ärztliche Arbeitswelt durch die Digitalisierung verändern werde.

Heike Korzilius

Weiterbildungsnovelle: Weiter so

Die Haupt­ver­samm­lung des Marburger Bundes (MB) forderte den Deutschen Ärztetag auf, bei der anstehenden Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen und die Weiterbildung künftig an Inhalten und Kompetenzen statt an Richtzahlen und -zeiten zu orientieren. Außerdem forderten die Delegierten den Ärztetag auf, den Zeitplan zur Verabschiedung der Weiterbildungsnovelle im Jahr 2018 einzuhalten. Über Inhalte, die konsentiert seien, könne bereits in diesem Jahr abgestimmt werden.

Die Delegierten betonten zudem, dass Ärztinnen und Ärzte sich weiterbildeten, während sie ihren Beruf ausübten. Ihre Arbeitsleistungen müssten deshalb durch die Kostenträger entsprechend vergütet werden. Das gelte auch für die Tätigkeit in der ambulanten Versorgung. Fördergelder, die beispielsweise für die ambulante Weiterbildung in der Allgemeinmedizin flössen, seien „systemwidrig“ und keine Dauerlösung. „Ärztliche Leistung muss vergütet werden“, forderte der 1. Vorsitzende des MB, Rudolf Henke, vor der Presse in Freiburg. Die Honorarverteilung der Kassenärzte müsse entsprechend angepasst und Mengenbegrenzungen abgeschafft werden, sodass die sich weiterbildenden Ärzte auch in den Praxen niedergelassener Ärzte ihr Gehalt erwirtschaften könnten.

Darüber hinaus sprach sich die Haupt­ver­samm­lung dafür aus, insbesondere in großen Einrichtungen Weiterbildungsbeauftragte einzusetzen, die die Weiterbildung koordinierten und die Weiterzubildenden unterstützten. Um den Stand der Weiterbildung fortlaufend dokumentieren zu können, sollen nach dem Willen des MB künftig elektronische Logbücher geführt werden.

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