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120. Deutscher Ärztetag: Kein Gerechtigkeitsdefizit

Dtsch Arztebl 2017; 114(21): A-1023 / B-851 / C-833

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz vieler Demokratien: In Wahljahren stellt, wer nicht an der Macht ist, fest, dass die, die regieren, so gut wie alles falsch machen. Für das deutsche Gesundheitswesen, eines der besten auf diesem Globus, bedeutet das im Jahr einer Bundestagswahl Revision, Kontrolle und – so es irgendwie geht – gnadenlose Abrechnung seitens der Opposition. Man nennt das Wahlkampf.

Doch was tun, wenn es rund läuft, das Meiste stimmig ist? Dann wird abstrahiert: Das System sei ungerecht, die Player nur wegen des Geldes dabei, das „Volk“ sei empört und wolle alles anders . . .

Fakten? Was wollen Patienten, die in einem der weltbesten Gesundheitssysteme leben, wirklich? Das duale System abschaffen? Individuelle Betreuung durch den Arzt eigener Wahl, und das 24/7, also rund um die Uhr? Hilfe direkt vor der eigenen Haustür, wenn es mal zwickt oder zwackt?

Wer sich mit der Materie befasst, weiß anhand einschlägiger Befragungen, dass das anders ist: Deutschlands Patienten sind, anders als es ein Teil der Politik glauben machen will, mit der Versorgung zufrieden. Das System kriegt seitens der Bevölkerung in der Regel gute Noten. Wer ein „Gerechtigkeitsdefizit“ in der Gesundheitsversorgung ausmache, so hat es Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery in seiner Eröffnungsrede zum 120. Deutschen Ärztetag (23. bis 26. Mai in Freiburg/Breisgau) unter Beifall der rund 1 000 Delegierten, Politiker und geladenen Gäste erneut betont, „verschließe die Augen vor der Wirklichkeit“.

Deutschlands ärztliche Selbstverwaltung stellt sich auf dem 120. Ärztetag in diesem Wahljahr ganz pragmatisch Problemen, die Lösungen brauchen: die Überlastung der Notfallaufnahmen und Möglichkeiten, die stationären Bereiche wieder zu entlasten; das Ausloten digitaler Technik, deren Wirkung auf Patienten und ihre Ärzte, auf die Sicherstellung der Versorgung und deren Selbstverwaltung; die Aus- und Weiterbildung von Ärzten und deren Befähigung, künftigen Herausforderungen – trotz alternder Gesellschaft und gleichzeitiger Urbanisierung der Bevölkerung bei gleichzeitig wachsenden medizinischen Möglichkeiten und bei möglichst noch qualitativer Optimierung der Versorgung – gewachsen zu bleiben.

Die aktuelle Bilanz, die der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Gassen, auf der Ver­tre­ter­ver­samm­lung direkt vor Eröffnung des Deutschen Ärztetages ziehen konnte, zeigt, dass der mit Rückendeckung der gesetzlichen Krankenversicherer verspürte Drang von Politikern, die Gerechtigkeitsdebatte zu führen, haltlos ist: „Wir garantieren die flächendeckende Versorgung unserer Patienten bei hoher Qualität in Deutschland – und zwar 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche.“ „24/7“ funktioniert also. Das System brauche, so Gassen, keine Gerechtigkeits-, vielmehr eine Innovationsdiskussion: „Die Bürger wollen diese Versorgung, die wir ihnen bieten. Vielleicht sollte die Politik auf die Bürger hören.“ Kein schlechter Vorschlag in einem Wahljahr.

Bisher hat das Parlament der ärztlichen Selbstverwaltung nach offenen, auch kontrovers geführten Debatten konstruktive Wege gefunden, Lösungen für bestehende Probleme aufgezeigt und ist diese dann gemeinsam angegangen. Auch das ist Selbstverwaltung. Der 120. Ärztetag in Freiburg ist hier keine Ausnahme.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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