ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2017Trauerbegleitung: Trauer erleben

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Trauerbegleitung: Trauer erleben

Dtsch Arztebl 2017; 114(22-23): A-1132

Ringwelski, Beate

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Für den Arzt, der Sterbende betreut, ist es oft eine zusätzliche Herausforderung, auch den Angehörigen helfend zu begegnen. Diese Aufgabe kann er sich erleichtern, indem er mehr über Trauerprozesse weiß und eine adäquate Haltung dazu für sich findet. Erst recht benötigt er dies bei der Betreuung von Trauernden nach einem Todesfall. Der personzentrierte Ansatz nach Carl Rogers scheint dafür besonders geeignet, lässt er doch viel Raum für die jeweils ganz individuellen Schwierigkeiten der Abschiednehmenden im Trauerprozess.

Ulrike Backhaus stellt in ihrem umfassenden Buch zunächst die Grundlagen des personzentrierten Ansatzes dar. Empathie, Akzeptanz und Echtheit werden erläutert und speziell auf die Begleitung von Trauernden bezogen. Aufmerksames Zuhören ist der Schlüssel zum Auffinden des Punktes, an dem der Betroffene Unterstützung braucht.

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Professionelle Trauerbegleitung oder Therapie benötigt längst nicht jeder Hinterbliebene. Oft sind das soziale Umfeld, Selbsthilfegruppen oder Mitarbeiter der Hospizbewegung ausreichend. Vielerlei Ressourcen gibt es auch im Trauernden selbst, die es freizulegen gilt.

Nach William Worden, einem amerikanischen Psychologieprofessor, sind vier Traueraufgaben zu meistern: 1. den Verlust als Realität akzeptieren, 2. den Schmerz verarbeiten, 3. sich an eine Welt ohne die verstorbene Person anpassen, 4. eine dauerhafte Verbindung zu der verstorbenen Person inmitten des Aufbruchs in ein neues Leben finden. Nach diesem Konzept lässt sich eine Trauerbegleitung flexibel und gleichzeitig zielgerichtet gestalten.

Ausführlich geht die Autorin auf erschwerte oder komplizierte Trauer und deren Begleitung ein. Diese entsteht häufig nach plötzlichen Todesarten, seien sie natürlicher oder gewaltsamer Art. Nach Unfällen, Mord oder Suizid wird die Trauer oft überlagert von Wut, Schuldzuweisungen, Selbstanklagen oder Rachegedanken.

Die Bewältigung der Situation ist oft erschwert bei Hinterbliebenen mit physischen oder psychischen Erkrankungen. Dasselbe gilt, wenn eine sehr enge oder umgekehrt eine ambivalente Beziehung zum Verstorbenen bestand. Auch frühere Verluste in der Lebensgeschichte spielen eine Rolle. Von traumatischer Trauer spricht man, wenn Traumata im Zusammenhang mit dem Sterben des Angehörigen den Trauerprozess überlagern.

Nachvollziehbar werden diese Situationen in den zahlreichen Fallbeispielen im umfangreichen zweiten Teil des Buches. Bei der konsequenten Anwendung des personzentrierten Ansatzes beschränkt sich die Autorin keineswegs auf ein eher passives Zuhören. Man kann von ihr lernen, ein Gespräch lebendig und kreativ zu führen. Die Autorin vermittelt das dem Leser in einem angenehmen Schreibstil.

Bei einem potenziell besonders belastenden Thema wie Trauer sind Selbstschutz und -pflege für die Trauerbegleiter ein wichtiges Thema, dem sich die Autorin in einem eigenen Kapitel widmet. Achtsamkeit mit sich selbst, der Blick auf eigene Verlusterfahrungen, Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Gemeinschaft sind dabei nützlich. So lässt sich die eigene Lebensfreude trotz allem
bewahren. Dr. med. Beate Ringwelski

Ulrike Backhaus: Personzentrierte Beratung und Therapie bei Verlust und Trauer. Reinhardt, München 2017, 188 Seiten, kartoniert, 24,90 €

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