ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2017Von schräg unten: Carotisstenose

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Carotisstenose

Dtsch Arztebl 2017; 114(22-23): [68]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber beim Studium von Fachartikeln fühle ich mich immer so unwohl wie ein Helicobacter unter Eradikationstherapie. Weil mir immer die Evidenzklassen um die Ohren gehauen werden. Nur RCTs zählen, Expertenmeinungen sind das Allerletzte. Aber ich bin noch nicht mal ein Experte, sondern habe nur studiert und ein Vierteljahrhundert Erfahrung. Das ist wohl noch weniger wert als mediterrane Kaffeesatzkunde oder schamanisches Würfelwerfen.

Vor lauter Angst, dies auch noch explizit um die Ohren gehauen zu kriegen, beschäftigte ich mich lieber mit den ausgewiesenen Zahlen in den Fachartikeln statt dem Text. Und bin kürzlich auf eine Zahl gestoßen, die meine Erfahrung über Carotisstenosen gründlichst disqualifiziert hat. In der JAMA Neurology 2015; 72 (11): 1261–1267 steht, dass bei 316 Patienten mit Carotisverschluss nur ein einziger einen Apoplex erlitten hatte. Mein angiologisches Weltbild ist erschüttert! War ich doch immer davon ausgegangen, dass die progredient obliterierende Carotisstenose ab einem Stenosegrad über 70 Prozent mit einem relevanten Risiko der Plaqueruptur und arterioembolischem Insult einhergeht! Und jetzt das: Es macht so gut wie nichts aus, wenn die Carotis interna zugeht! Irre!

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Das hat natürlich gravierende Konsequenzen: Man braucht sich nicht mehr über anämische Texte oder hypoxische Kommentare zu wundern, denn das Gehirn braucht kein Blut. Studenten können Examensfragen nach der zerebrovaskulären Anatomie kontern: Hat keinerlei klinische Relevanz, nächste Frage, bitte! Gefäßchirurgische Abteilungen können sich Bäuchen und Beinen widmen und müssen dem Patienten nicht mehr an den Hals fallen, Carotisstents können woanders hingesteckt werden. Und ich muss keinen Carotis-Duplex mehr machen, super!

Aber gleich dem heißem Knoten unter Radiojodtherapie beschleicht mich wieder dieses unsägliche Unbehagen: Ist das wirklich wahr? Ich krame also in den Dateien meiner Praxis und finde Folgendes: Bei 81 Patienten mit Carotisverschluss auf dem Boden einer obliterierenden Atheromatose hatten 53 Prozent einen zuzuordnenden Insult beziehungsweise TIA, bei 23,5 Prozent war das neurologische Defizit nicht sicher zuzuordnen, 23,5 Prozent der Patienten blieben asymptomatisch. Ja gut, das sind halt nur die dürren Daten von irgendjemandem, dessen Expertise nachrangiger ist als gewürfelter Kaffeesatz, aber trotzdem stecke ich in einem Dilemma: Haben wir im Ruhrgebiet keinen Schimmer von Schlaganfällen, stellen wir fatale Fehldiagnosen? Und überhaupt, hat mein Ultraschallgerät noch alle beisammen? Und ich erst?

Ach, was soll ich nur tun, ich weiß jetzt gar nicht mehr, was los ist ... meine Fachangestellte reißt mich aus meinen hirnzerreißenden Gedankengängen: „Herr Doktor, unser Neurologe schickt uns grade einen Patienten, der gestern eine kurz anhaltende Hemiparese erlitten hat!“ Ehrlich? Ehrlich gesagt, ich fühle mich grade völlig inkompetent. „Nix da! Sie kriegen noch einen Kaffee, und dann gucken Sie nach!“ Ich ahne es schon, ich fürchte es, auf dem Bildschirm meines Ultraschallgerätes kommt eine höchstgradige, exulzerierte Carotis-interna-Stenose zur Darstellung. Nein, das kann jetzt nicht wahr sein!

„Herr Doktor“, meint mein Patient, „haben sie etwas gefunden?“ Äh ... eine Carotisstenose! „Und, ist dies die Ursache für die Halbseitenlähmung!“ Äh, ja. Nein! Ja. Nein! „Muss ich denn einen kompletten Schlaganfall befürchten?“ Ich winde mich wie ein Koronardraht durch eine torquierte Herzkranzarterie. Die Wissenschaft sagt: Nein! Meine Erfahrung, die nichts gilt, sagt: Ja! „Aber was soll ich jetzt tun?“ Ja, was nur, was nur ... da kommt mir der rettende Einfall: Ziehen Sie sofort in die USA um! Dort kann Ihnen nichts passieren!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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