DEUTSCHER ÄRZTETAG

Digitalisierung: Ärzte stellen Weichen für die Zukunft

Dtsch Arztebl 2017; 114(22-23): A-1094 / B-911 / C-892

Krüger-Brand, Heike E.

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Sascha Lobo: Die Ärzte sind aufgefordet, die digitale Zukunft im Sinne des Patientenwohls mitzugestalten und nicht zu verteufeln. Foto: Jürgen Gebhardt
Sascha Lobo: Die Ärzte sind aufgefordet, die digitale Zukunft im Sinne des Patientenwohls mitzugestalten und nicht zu verteufeln. Foto: Jürgen Gebhardt

Die Ärzteschaft will die Digitalisierung im Gesundheitswesen aktiv mitgestalten und unter sicheren und patientenorientierten Rahmenbedingungen voranbringen.

Anders als noch vor wenigen Jahren hat sich der 120. Deutsche Ärztetag in Freiburg in vielen Entschließungen mit großer Mehrheit für eine aktive Mitgestaltung bei der Einführung und Nutzung digitaler Technologien im Gesundheitswesen ausgesprochen. Dabei ging es keineswegs nur um den Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur und die Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte. Vielmehr diskutierten die Delegierten intensiv über das gesamte Spektrum digitaler Technologien im Gesundheitsbereich, wie Telemedizin, Gesundheits-Apps und Big Data und ihre Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung.

Franz-Joseph Bartmann: Die Rolle des Arztes wandelt sich vom Informationsgeber zum Begleiter und Navigator für Patienten. Foto: Jürgen Gebhardt
Franz-Joseph Bartmann: Die Rolle des Arztes wandelt sich vom Informationsgeber zum Begleiter und Navigator für Patienten. Foto: Jürgen Gebhardt

„Der eigentliche disruptive Prozess liegt im Smartphone“, betonte einleitend Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Dieses werde zum Stethoskop des 21. Jahrhunderts in der Hand des Patienten und nicht mehr des Arztes. Es werde genutzt als Zugang zur Cyberworld, der Informationen liefere, „die Meyers Enzyklopädie an Umfang, Präzision und Aktualität geradezu in den Schatten stellt“. Als Vernetzungsmedium werde es zudem die Rolle des Arztes von der des Informationsgebers deutlich ändern zu der des Begleiters und Navigators für die Patienten. „Wenn wir diese Rolle anzunehmen und wahrzunehmen bereit sind, werden wir neben Dr. Apple, Dr. Google oder IBM Watson als Ärzte genauso unverzichtbar sein wie heute“, so Bartmann.

Neue Arzt-Patient-Beziehung

Christiane Woopen: In einer Zukunftswerkstatt könnten die Ärzte ein Leitbild des digitalen Gesundheitswesens entwickeln. Foto: Jürgen Gebhardt
Christiane Woopen: In einer Zukunftswerkstatt könnten die Ärzte ein Leitbild des digitalen Gesundheitswesens entwickeln. Foto: Jürgen Gebhardt

Auf die Veränderungen der Arzt-Patient-Beziehung durch die Digitalisierung gingen auch die beiden Gastredner, der prominente Autor und Blogger Sascha Lobo und Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Professorin für Ethik und Theorie der Medizin, Universität Köln, ein.

Lobo zufolge leben wir in einer Zeit des exponentiellen Fortschritts. Das Smartphone als „Kristallisationspunkt des Lebens“ hat die Gesellschaft erobert. Es sei hip, sich damit mobil um die eigene Gesundheit zu kümmern. Aus dem Foto einer Mahlzeit, das im Social Network geteilt wird, lassen sich etwa per Google-App der Kalorien- und Nährstoffgehalt berechnen. Aus harmlosen Daten werde ein Datenstrom, „der potenziell massive Auswirkungen auf das tägliche Gesundheitsempfinden der Menschen hat“, der aber auch ökonomisch ausgewertet werden kann, etwa von der Ernährungs- und der Fitnessindustrie.

Hinzu kommt laut Lobo das Phänomen der Datenbegeisterung der Menschen: „Sie lieben es, ihre Daten zu teilen. Die Datenbegeisterung kennt keine natürliche Grenze, vor allem im Gesundheitsbereich.“ So entstehen ihm zufolge nutzergetrieben neue Datenströme mit potenziell disruptiver Wirkung, häufig auch „im Austausch gegen die ,Weltmacht Convenience‘, denn für etwas mehr Bequemlichkeit bezahlten die Menschen selbst mit intimsten Daten.

Die Diagnosekompetenz der Ärzte werde von immer mehr Sensoren und immer mehr Datenströmen außerhalb ihrer Kontrolle eingekreist, meinte der Netzexperte. Ein Teil der ärztlichen Kompetenz wird abgelöst, zum Beispiel von Firmen wie Apple oder Google, die im Gesundheitsbereich forschen, aber auch von einem Autohersteller wie Mercedes, der das Auto zum „Health Hub“ entwickeln will, um künftig etwa den Gesundheitszustand des Fahrers zu überwachen. Mit Methoden der künstlichen Intelligenz und ihren Möglichkeiten der „Mustererkennung auf Speed“ seien im Kontext der Diagnose letztlich aus nahezu allen Daten Muster zu berechnen.

Vor diesem Hintergrund sieht Lobo die Digitalkompetenz als neue Aufgabe des Arztes. Die Menschen wählen den Arzt künftig danach aus, ob er „mit ihren Daten etwas anfangen“ kann. Technologieentwicklung sei zudem immer ambivalent. „Nicht die Technologien verändern die Welt, sondern die Art und Weise, wie wir sie nutzen“, so Lobo. Die einzige wirksame Methode, dem „Gruselfaktor der Digitalisierung“ zu begegnen, bestehe darin, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Der Fortschritt lasse sich nicht aufhalten. „Es kann nicht darum gehen, Digitalisierung abzuwehren oder ,klein zu hoffen‘. Sie als Ärzte sind verpflichtet, diese mitzugestalten“, appellierte er eindringlich an die Delegierten.

Ethisch begründete Ziele

Durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen werden sich unter anderem die Grenzen zwischen Medizin und Lifestyle weiter auflösen, prognostizierte die Medizinethikerin Woopen. Die traditionelle Krankheits- werde zunehmend zu einer Gesundheitsorientierung. „Klassische Methoden der Diagnostik und Therapie werden hinter Methoden der Prädiktion, Prävention und des Monitorings zurücktreten.“ Der Patient werde zum Nutzer oder Kunden.

Die Ärztin stellte in ihrem Vortrag drei ethisch begründete Ziele einer Digitalisierung des Gesundheitswesens vor. „Als ethische Leitplanken dienen dabei die Selbstbestimmung des Patienten, der Schutz der Privatheit, eine evidenzbasierte Behandlungsqualität einschließlich Patientensicherheit und die gesellschaftliche Solidarität“, erläuterte sie.

Digitalisierung im Gesundheitswesen: Umfrage unter den Ärztetags-Delegierten Start

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Digitalisierung im Gesundheitswesen: Umfrage unter den Ärztetags-Delegierten

Das erste Ziel besteht nach Woopen in der Förderung der Selbstbestimmung des Patienten. Dazu seien mehrere Voraussetzungen nötig. So erfordere der Umgang mit digitalen Medien etwa bestimmte Kompetenzen. Hinzu komme die Informiertheit sowohl im Hinblick auf die eigenen Gesundheitsdaten als auch hinsichtlich allgemeiner Gesundheitsinformationen. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung könne etwa mittels digitaler Medien erheblich einfacher umgesetzt werden. „In Zeiten digitaler Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten ist überhaupt nicht einzusehen, warum der Patient, der das möchte, nicht selbst über alle seine Daten, und zwar integriert, verfügen können soll – und das ohne überdimensionierte technische Hürden und auch ohne die zusätzliche Präsenz eines Arztes“, betonte Woopen mit Blick auf eine elektronische Patientenakte.

Es gelte dabei, zwischen dem Nutzen einer möglichst umfassenden Datensouveränität des Patienten einerseits und einem möglichst hohen Schutz persönlicher Daten andererseits abzuwägen. Daten könnten zum Beispiel dadurch geschützt werden, dass Hürden eines unautorisierten Zugriffs auf technisch höchstmöglichen Niveau gehalten werden. Außerdem könnten ein unautorisierter Zugriff und eine missbräuchliche Verwendung „so hart bestraft werden, dass es sich einfach nicht lohnt“, so Woopen.

Unbequeme Patienten

Das zweite Ziel besteht ihr zufolge in der Verbesserung der Arzt-Patient-Beziehung. Laut Gesundheitsmonitor von 2016 scheinen informierte Patienten unbequem zu sein, referierte Woopen. Mehr als die Hälfte der niedergelassenen Ärzte bewertete informierte Patienten danach als problematisch. Fast ein Drittel der Ärzte meinte, dass die Selbstinformation meist verwirrt und das Vertrauen zum Arzt beeinträchtigt. „Die Zeiten einer zumindest latent vorhandenen paternalistischen Grundhaltung der Ärzte scheinen noch nicht flächendeckend überwunden zu sein“, stellte die Medizinethikerin fest.

Als drittes Ziel nannte sie die Unterstützung der Evidenzbasierung einer inter- und multiprofessionellen Behandlung und die Nutzung der Digialisierung, um ein lernendes Gesundheitssystem aufzubauen. Es sei unverantwortlich, wenn vorhandene digitale Daten für die Verbesserung von Forschung und Versorgung nicht genutzt würden. Aus großen Datenmengen könnten durch Mustererkennung etwa Zusammenhänge bezüglich des Nutzens einer Behandlung und ihren Risiken gewonnen werden, meinte Woopen. Ein zentrales Element für die Verbindung von klinischer Forschung und Versorgung ist ihr zufolge dabei die einrichtungsübergreifende elektronische Gesundheitsakte, in die idealerweise auch der Patient Eintragungen vornehmen kann.

„Wer die Daten hat, hat die Macht. Daten sind die neue Währung unserer Zeit“, sagte Woopen. Das erfordere Wachsamkeit bezüglich der Entmachtung der Politik durch eine zunehmende Machtkonzentration im Silicon Valley, das seinen Einflussbereich mittlerweile auch auf den Gesundheitssektor ausdehne. „Gesellschaftliche Rahmen- und Entfaltungsbedingungen sollten in einem demokratischen Verfahren entwickelt werden, nicht durch wenige Datenmachthaber“, betonte die Forscherin. Um die Ziele der Digitalisierung im Gesundheitswesen zu erreichen, bedürfe es einer gemeinsamen Anstrengung von Staat, Gesellschaft, Gesundheitsberufen, Unternehmern et cetera auf Basis eines Mehr-Ebenen-Governance-Modells.

Vor diesem Hintergrund sollten sich die Ärzte jetzt auf die Digitalisierung vorbereiten, um in diesem Prozess eine wesentliche Rolle zu spielen, empfahl Woopen, ähnlich wie ihr Vorredner. Sie regte eine Zukunftswerkstatt der Ärzteschaft an, in der mit allen Beteiligten einschließlich der Patienten ein „Leitbild des digitalen Gesundheitswesens und eine Strategie dorthin“ entwickelt werden.

Stimmungswandel

Peter Bobbert: Seien wir doch der Taktgeber der Entscheidung darüber, wohin der Zug der Digitalisierung fährt. Foto: Jürgen Gebhardt
Peter Bobbert: Seien wir doch der Taktgeber der Entscheidung darüber, wohin der Zug der Digitalisierung fährt. Foto: Jürgen Gebhardt

In der Diskussion der mit viel Beifall bedachten Vorträge zeigte sich, dass die Skepsis und Abwehr der vergangenen Jahre gegenüber der Nutzung digitaler Technologien einer Aufbruchstimmung gewichen sind. So forderte etwa Priv.-Doz. Dr. med. Peter Bobbert, Berlin, „Offenheit und Mut“ von den Ärzten, um die Digitalisierung zum Wohle des Patienten, des Arztberufes und der Medizin zu nutzen. Es sei irritierend, „wie wenig wir die Digitalisierung für unseren Beruf bisher genutzt, wie wenig wir die Chancen erkannt haben“, so Bobbert. „Seien wir mutig. Seien wir doch der Taktgeber der Entscheidung, wohin der Zug der Digitalisierung fährt und wie schnell er fährt.“

Auch der Leitantrag der BÄK betont die Chancen der neuen technischen Möglichkeiten und bekundet den klaren Willen der Ärzteschaft zur aktiven Mitgestaltung der Digitalisierung im Gesundheitwesen. Darin fordert der Ärztetag den Gesetzgeber und die Institutionen der Selbstverwaltung auf, eine Digitalisierungsstrategie zu schaffen, die unter anderem die ethischen Grundsätze zum Umgang mit neuem Wissen klärt, die Rolle digitaler Methoden und Verfahren in der Gesundheitsversorgung festlegt und sich mit den Grundsätzen des Datenschutzes im Zusammenspiel mit den Anforderungen von Big Data befasst. Auch die Finanzierung und die rechtlichen Rahmenbedingungen seien zu klären, heißt es in dem Antrag, den die Delegierten mit großer Mehrheit verabschiedeten.

Ein zentrales Thema war auch die Benutzerfreundlichkeit der Gesundheits-IT. Dr. med. Lars Bodammer, Hessen, verwies darauf, dass Digitalisierung Arbeitsprozesse vereinfachen und dadurch dem Arzt mehr Zeit für die Patientenbetreuung verschaffen soll. Der Einsatz von Technik könne jedoch auch zur Arbeitsverdichtung führen. Digitalisierung dürfe nicht zu mehr Bürokratie in Klinik und Praxis führen, forderten daher die Delegierten. Ebenso sind aus Sicht des Ärzteparlaments benutzerfreundliche und sichere IT-Systeme nötig, die nicht nur Verwaltungszwecken, sondern auch dem klinischen Nutzen dienen.

Gleiches gilt für E-Health-Anwendungen nach § 291 a Sozialgesetzbuch V: Die Delegierten sehen hier den Gesetzgeber in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die IT-Systeme für die Nutzung des elektronischen Medikationsplans, des Not­fall­daten­satzes und der Patientenakte sicher und anwenderfreundlich sind. Die Einführung dieser Anwendungen müsse „kontinuierlich wissenschaftlich untersucht und begleitet werden“. Der Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur sei zudem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die aus Steuermitteln zu finanzieren sei.

Digitalkompetenz erwerben

Darüber hinaus wird die Digitalkompetenz immer wichtiger für das Berufsbild Arzt. „Wir müssen als Ärzte profunde Kenntnis vom Thema Digitalisierung erlangen“, betonte Kai Sostmann, Berlin. Daher müsse das Thema in die Curricula integriert werden, „und zwar in Aus-, Weiter- und Fortbildung“. Einem entsprechenden Antrag stimmte das Ärzteparlament zu. Nur so werde sichergestellt, dass die Inhalte von Gesundheitstelematik, E-Health und Telemedizin zum festen Bestandteil ärztlichen Kompetenzerwerbs werden, heißt es in dem Beschluss.

Für Gesundheits-Apps forderten die Delegierten ein bundeseinheitliches Gütesiegel, das zum Schutz der Patienten Datensicherheit und Datenzuverlässigkeit gewährleisten soll. Zur Einführung neuer Technologien und digitaler Anwendungen seien zudem eindeutige und zuverlässige Datenschutzanforderungen unter Einbeziehung der EU-Datenschutzverordnung zu gestalten.

Heike E. Krüger-Brand

www.aerzteblatt.de/video76008 oder
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FAZIT

TOP II: Digitalisierung im Gesundheitswesen

  • Der Ärztetag fordert eine Digitalisierungsstrategie, die unter anderem ethische und datenschutzrechtliche Grundlagen umfasst, die Rolle digitaler Methoden in der Versorgung klärt und Finanzierungsfragen beantwortet.
  • Die Delegierten votierten für die zeitnahe Einführung einer einrichtungsübergreifenden elektronischen Patientenakte.
  • Schulungen in der digitalen Gesundheitsversorgung müssen Teil der ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung werden.
  • Der Deutsche Ärztetag fordert die Einführung eines bundeseinheitlichen Gütesiegels für Gesundheits-Apps.

Die Entschließungen zu TOP II im Internet: www.aerzteblatt.de/2017top2
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/AK71

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