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120. Deutscher Ärztetag: Mehr als nur „Lobo-ismus“

Dtsch Arztebl 2017; 114(22-23): A-1079 / B-899 / C-881

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Technik per se ist weder gut noch schlecht. Sie wird es erst durch die Art, wie der Mensch sie nutzt. Diese Missio nutzt Digitalexperte Sascha Lobo als vortragsreisender Mahner für einen bewussten Umgang mit dem digitalen Wandel. Er hat diese Argumentation nicht erfunden. Als „Lobo-ist“ bringt er die Argumente aber mit dem populistischen Geschick des Entertainers in die Köpfe reflektierter Zeitgenossen.

Zu Recht: Denn die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Gefahren der digitalen Revolution zählt zu den aktuell wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft auf dem Weg in eine bessere, vor allem auch human geprägte und gesteuerte Zukunft.

Dass Deutschlands Ärzteschaft bisher oft die Rolle als Bremser des digitalen Fortschritts im Gesundheitswesen zugeschrieben wurde, war und ist in dieser platten Pauschalität falsch. Inzwischen erkennen immer mehr Menschen, wie gefährlich es ist, sich einfach im digitalen Mainstream treiben zu lassen. Das Für und Wider abzuwägen, es immer auf die Effekte für die Patienten zu prüfen, ist in Zeiten digitaler Revoulution ethische Aufgabe ärztlichen Selbstverständnisses.

Trotzdem kommt das, was auf dem 120. Deutschen Ärztetag in Freiburg (23. bis 26. Mai) an Diskussion stattfand, was an Beschlüssen gefasst wurde, einem Paradigmenwechsel gleich: Deutschlands Ärzte wollen es künftig nicht bei ihrer selbst gewählten Rolle des reflektierten Mahners vor möglichen Gefahren der Digitalisierung belassen. Die Ärzteschaft will definitiv eine aktive, den Prozess mitsteuernde Aufgabe in der digitalen Gestaltung des Gesundheitswesens wahrnehmen. Die Erkenntnis, dass es für die ärztliche Selbstverwaltung auf Dauer nicht reichen kann, sich aufgrund erkannter Gefahren aus dem Prozess herauszuhalten, ist mehr als nur populistischer Anspruch.

Was die Medizin-Ethikerin und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, den Delegierten mit auf den Weg gab, ist Ansporn zu konkretem Handeln. Dass sie die Schriftstellerin Julie Zeh mit der Aussage zitiert, „totalitäre Systeme“ kämen „heute im Gewand von Service-Angeboten“, ist eine eindeutige Mahnung. Und ihre Einschätzung, dass „die Ethik“ des Digitalen „in den Algorithmen liegt“, Aufforderung zur Teilhabe am Gestaltungsprozess. Mehr noch: „Wer die Daten hat, hat die Macht. Daten sind die neue Währung unserer Zeit.“

Dass das Ärzteparlament die Auffassungen der Experten Lobo und Woopen teilt, wird aus den Beschlüssen zur Steuerung und Teilhabe an der digitalen Gestaltung deutlich (siehe Berichte ab Seite 1094). Die Chance, die auch für Ärzte in der Digitalisierung liegen kann, machten Delegierte wie der sächsische Ärztekammerpräsident Dr. med. Erik Bodendiek in Freiburg deutlich: „Wir werden nicht durch Digitalisierung abgeschafft, aber wir kommen wieder näher an unsere Patienten heran.“ Westfalen-Lippes Kammerpräsident Dr. med. Klaus Theo Windhorst appellierte an etwaige Zögerliche, „den Zug nicht zu stoppen, sondern aufzuspringen“. Bezüglich alltäglicher Hilfsmittel wie Gesundheits-Apps seien doch „Ärzte die Lotsen, die Entscheidungen an die Patienten heranbringen“. Ob Fernbehandlungsmodelle wie das, das Baden-Württembergs Kammerpräsident Dr. med. Ulrich Clever den Delegierten ausführlich darstellte, ob sinnvoll gesteuerte Triage oder Gütesiegel für Gesundheits-Apps: Der Weg für die Austestung und Etablierung digitaler Hilfe ist frei.

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