DEUTSCHER ÄRZTETAG

Notfallversorgung: Die Patienten lassen sich nicht steuern

Dtsch Arztebl 2017; 114(22-23): A-1087 / B-905 / C-887

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Lange wurde auf dem Ärztetag über die Notfallversorgung diskutiert. Als Ursache der Probleme wurde die fehlende Patientensteuerung ausgemacht. Ihre Lösung könnte in einer besseren Information der Patienten liegen sowie in einer extrabudgetären Finanzierung der Leistungen.

Alle Fotos vom Ärztetag: Jürgen Gebhardt
Alle Fotos vom Ärztetag: Jürgen Gebhardt

Die Notfallversorgung ist derzeit der größte Zankapfel zwischen Krankenhäusern und Vertragsärzten. Weil sich immer mehr Patienten in den Notfallambulanzen der Krankenhäuser behandeln lassen, werfen Vertreter von Krankenhäusern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vor, den ambulanten Bereitschaftsdienst nicht gut genug zu organisieren. Die KBV rügte hingegen, dass die Krankenhäuser mit den Notfallpatienten nur ihre Betten füllen wollten – ohne überhaupt ausreichende Kapazitäten zu haben, um die Patienten zu behandeln. Hinter allem steht der Streit um eine ausreichende Finanzierung der Leistungen.

Der 120. Deutsche Ärztetag in Freiburg forderte Bund und Länder nun dazu auf, notwendige Investitionen, Vorhalteleistungen und Personalentwicklungskosten der Notfallversorgung durch eine extrabudgetäre Finanzierung sicherzustellen. „In den letzten zehn Jahren ist eine deutliche Steigerung der Inanspruchnahme der Notfallversorgungsstrukturen in Deutschland zu verzeichnen“, heißt es in dem Leitantrag des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), der von den Delegierten mit großer Mehrheit angenommen wurde. Der Anstieg auf rund 25 Millionen Patienten pro Jahr führe zu einer chronischen Überlastung des medizinischen Personals.

Runder Tisch bei der BÄK

Zusätzlich zu der extrabudgetären Finanzierung der Notfallversorgung seien Voraussetzungen für eine deutlich verbesserte Kooperation und Abstimmung zwischen dem ambulanten und stationären Sektor zu schaffen. „Neben einer Harmonisierung der Strukturen, unter anderem durch eine medizinische Dringlichkeitseinschätzung, sollte in einer gemeinsamen Kampagne aller relevanten Akteure unter Federführung des Bundesministeriums für Gesundheit über Art und Zugang zu den Notfallversorgungsstrukturen und deren Erreichbarkeit informiert werden“, heißt es in dem Beschluss.

Auf der Eröffnung des Ärztetages hatte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery zuvor die Einsetzung eines runden Tisches bei der Bundes­ärzte­kammer zu diesem Thema angeregt. „Einen innerärztlichen Streit um diese wichtige Strukturfrage kann niemand von uns wollen“, hatte er erklärt. Deshalb sei ein runder Tisch sinnvoll, an dem Ärzte aus Klinik und Praxis, die Krankenhausgesellschaft und die Krankenkassen einen gemeinsamen Lösungsvorschlag unter Moderation der BÄK erarbeiten könnten.

Vor dem Beschluss des Ärztetages diskutierten die Delegierten ausführlich über dieses Thema. Der Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen, Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, rief Klinik- und Vertragsärzte dazu auf, sich nicht gegenseitig zu beschimpfen. „Beide Seiten leisten Erhebliches, und zwar häufig bis an die Grenzen ihrer Kräfte“, betonte er.

Fehlende Patientensteuerung

Über die Ursache des Problems waren sich viele Delegierte einig. „Das Entscheidende ist das Patientenverhalten“, sagte der Vizepräsident der Ärztekammer Bremen, Dr. med. Johannes Grundmann. „Es entspricht dem aktuellen Zeitgeist: Man will alles gleich haben oder dann, wenn es in den eigenen Zeitplan passt.“

Norbert Metke: Die Abklärungspauschale ist nur für Patienten gedacht, die nicht in die Notaufnahme gehören. Foto: Jürgen Gebhardt
Norbert Metke: Die Abklärungspauschale ist nur für Patienten gedacht, die nicht in die Notaufnahme gehören. Foto: Jürgen Gebhardt

„Schuld an der Misere ist die nicht existente Patientensteuerung“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg, Dr. med. Norbert Metke. „Die KV betreibt in Baden-Württemberg 120 Notfallpraxen. Und während diese Praxen geöffnet haben, gehen trotzdem 600 000 Patienten in die Notaufnahme von Krankenhäusern.“

Christoph Emminger: Die Patienten gehen dorthin, wo sie in einer Notsituation am schnellsten behandelt werden. Foto: Jürgen Gebhardt
Christoph Emminger: Die Patienten gehen dorthin, wo sie in einer Notsituation am schnellsten behandelt werden. Foto: Jürgen Gebhardt

Dr. med. Christoph Emminger aus dem Vorstand der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer berichtete von den Ergebnissen einer Studie: „Eine Untersuchung von 14 Notaufnahmen in einer bayerischen Großstadt hat ergeben, dass zwei Drittel der Patienten wieder nach kurzer Behandlung nach Hause geschickt wurden. Und die meisten der Patienten, die die Notaufnahme der Krankenhäuser aufgesucht haben, kamen nicht in der Nacht oder am Wochenende, sondern Montag bis Freitag zwischen 7 und 17 Uhr, also während die Praxen der niedergelassenen Kollegen offen waren.“ Er zeigte sich allerdings skeptisch, dass es gelingen könne, Patienten zu steuern oder zu erziehen: „Sie gehen dorthin, wo sie ihrer Überzeugung nach in einer Notsituation am schnellsten behandelt werden.“

Notfallgebühr wird abgelehnt

Um eine bessere Steuerung der Patienten zu erreichen, schlug Dr. med. Anne Gräfin Vitzthum von Eckstädt von der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg die Einführung einer Notfallgebühr vor: „Jeder Patient, der sich in der Notaufnahme behandeln lassen will, muss 50 Euro bezahlen.“ Dann werde schnell klar, wer wirklich krank sei und wer nicht.

Dr. med. Angelika Koßmann von der Ärztekammer Hamburg war dagegen. Sie erinnerte daran, dass es ein großer Aufwand gewesen sei, die Praxisgebühr in den Notfallambulanzen einzuziehen. Der Verwaltungsaufwand dafür sei so groß gewesen, dass die Gebühr nichts gebracht habe. Und Steuerungseffekte habe sie auch nicht gehabt.

Julian Veelken von der Ärztekammer Berlin meinte, die Praxisgebühr habe wahrscheinlich keine Steuerungswirkung gehabt, weil sie nicht hoch genug war. Er sprach sich gegen eine Notfallgebühr aus, da aus seiner Sicht möglicherweise notwendige Behandlungen verhindert werden könnten.

Den Vorschlag, von den Patienten eine Gebühr bei Eintritt in das medizinische Notfallsystem zu verlangen, lehnten die Delegierten schließlich ab. Stattdessen sprachen sich mehrere Delegierte dafür aus, die Patienten besser zu informieren.

Kai Sostmann: Am besten wäre es, wenn wir die Patienten informieren, bevor sie in die Notaufnahme kommen. Foto: Jürgen Gebhardt
Kai Sostmann: Am besten wäre es, wenn wir die Patienten informieren, bevor sie in die Notaufnahme kommen. Foto: Jürgen Gebhardt

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Patienten nicht nur deshalb ins Krankenhaus kommen, weil sie keinen Termin beim niedergelassenen Arzt bekommen haben“, sondern auch deshalb, weil sie bezüglich ihres Gesundheitszustandes unsicher seien, meinte Kai Sostmann von der Ärztekammer Berlin.

Eine Möglichkeit, die Patienten stärker zu steuern, sei, ihre Gesundheitskompetenz zu verbessern. „Heute geben wir ihnen Informationsmaterial mit, wenn sie bei uns in der Notaufnahme stehen“, sagte Sostmann. „Am besten wäre es aber, wenn wir die Patienten schon vorher informieren könnten, damit sie gar nicht erst in die Notaufnahme zu kommen brauchen“, zum Beispiel über E-Health-Angebote.

Emotional diskutierte der Ärztetag auch über die sogenannte Abklärungspauschale, die seit April dieses Jahres gilt. Krankenhausärzte können demnach 4,74 Euro abrechnen, wenn sie tagsüber einen Patienten, der in die Notaufnahme gekommen ist, an niedergelassene Ärzte weiterleiten, weil dieser Patient keine dringende Behandlung benötigte. Schon im Vorfeld des Ärztetages wurde diese Pauschale heftig diskutiert. Dabei ging es sowohl um die Höhe der Pauschale als auch um die Zeit, die Krankenhausärzten für die Abklärung zur Verfügung steht, wenn sie betriebswirtschaftlich erfolgen soll. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hatte errechnet, dass dies bei der Höhe der Pauschale nur möglich sei, wenn die Abklärung in zwei Minuten erfolge.

Schutz vor den Ökonomen

Andreas Botzlar: Wichtig ist eine vernünftige Diagnose und nicht die Erfüllung der Zeitvorgaben von Arbeitgebern. Foto: Jürgen Gebhardt
Andreas Botzlar: Wichtig ist eine vernünftige Diagnose und nicht die Erfüllung der Zeitvorgaben von Arbeitgebern. Foto: Jürgen Gebhardt

„Uns geht es nicht um die Bezahlung, uns geht es um die Zeit und die Zeitvorgabe“, sagte Dr. med. Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des Marburger Bundes und Delegierter aus Bayern. „Wir möchten Kollegen und ihre Patienten davor schützen, dass Krankenhausärzte von ihren Arbeitgebern die Vorgabe bekommen, ihre Diagnose in zwei Minuten stellen zu müssen.“ Denn ein Urteil könne man sich in dieser Zeit nicht bilden. „Wir brauchen eine Grundlage, mit der wir all den Ökonomen im System sagen könnten: Wichtig ist eine vernünftige Diagnose und nicht die Erfüllung der Zeitvorgaben unserer Arbeitgeber“, forderte Botzlar.

Norbert Metke erklärte, dass die Abklärungspauschale nur für die Fälle gedacht sei, in denen klar sei, dass der Patient nicht in die Notaufnahme des Krankenhauses gehöre: „Wenn er seine Krankmeldung verlängern will oder wenn er seit vier Wochen Schmerzen im Sprunggelenk hat.“ Wenn Notärzte den leisesten Verdacht auf eine schwer-
wiegendere Erkrankung hätten, könnten sie eine höhere Pauschale abrechnen sowie weitere Leistungen wie eine Röntgendiagnostik.

Zweifel am Konzept

Rudolf Henke: Bei der Abklärungspauschale sind gerade die Patienten gemeint, bei denen gar keine Abklärung stattfinden soll. Foto: Jürgen Gebhardt
Rudolf Henke: Bei der Abklärungspauschale sind gerade die Patienten gemeint, bei denen gar keine Abklärung stattfinden soll. Foto: Jürgen Gebhardt

Und Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein und 1. Vorsitzender des Marburger Bundes, erklärte die Hintergründe zu dem Terminus Abklärungspauschale. „Der Begriff, der auf einen Vorschlag der DKG zurückgeht, führt in die Irre“, sagte er. „Denn gemeint sind gerade die Fälle, bei denen gar keine Abklärung stattfinden soll, weil evident ist, dass der Patient nicht in die Notaufnahme des Krankenhauses gehört.“ Bei diesen Patienten sei es vernünftig, sie auf den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst zu verweisen. Sie hätten die Krankenhausärzte bisher ohne Honorar weggeschickt. Der Terminus Abklärungspauschale löse aber bei den Krankenhäusern die Vorstellung aus, bei abklärungsbedürftigen Patienten innerhalb von zwei Minuten eine Abklärung herbeiführen zu müssen. Bei einer unklaren Situation sei das aber unmöglich.

„Die große Frage ist nicht die Abrechnungsziffer, sondern das Konzept, das dahintersteht“, sagte Dr. med. Christian Köhne von der Ärztekammer Nordrhein. „Und da haben viele berechtigte Zweifel.“ Einem Patienten innerhalb von zwei Minuten zu sagen, er sei kein Notfall, sei inhuman. „Wir sollten uns gemeinsam ein gutes Konzept überlegen“, meinte Köhne. Einen Antrag, der eine Korrektur der Abklärungspauschale forderte, wurde an den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer überwiesen.

Falk Osterloh

FAZIT

TOP Ia: Notfallversorgung

  • Extrabudgetäre Finanzierung der Notfallversorgung
  • Deutliche Verbesserung der Kooperation und Abstimmung zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor
  • Kampagne über Art und Zugang zu Notfallversorgungsstrukturen und deren Erreichbarkeit
  • Keine Einführung einer Notfallgebühr
  • Vorstand der BÄK soll über eine Korrektur der Abklärungspauschale beraten

Die Entschließungen zu TOP Ia im Internet: www.aerzteblatt.de/2017top1a4
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/AK71

Treffen von KBV und MB

Auch die Ver­tre­ter­ver­samm­lung (VV) der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und die Haupt­ver­samm­lung des Marburger Bundes (MB) befassten sich im Vorfeld des Deutschen Ärztetages mit der Notfallversorgung. Beide Verbände sprachen sich dafür aus, das Problem gemeinsam zu lösen. Die KBV betonte dabei vor allem die Bedeutung des ambulanten Sektors. „Dem gesetzlich verankerten Prinzip ‚ambulant vor stationär‘ muss durch eine kooperative Weiterentwicklung des ambulanten Not- und Bereitschaftsdienstes mit allen Beteiligten Geltung verschafft werden“, heißt es in dem Acht-Punkte-Wahlprogramm der KBV, das auf der VV verabschiedet wurde.

„Wir brauchen kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander“, betonte der 1. Vorsitzende des MB, Rudolf Henke, auf der Haupt­ver­samm­lung des Verbandes. Das Hauptanliegen des MB sei es, die Notfallversorgung zwischen Krankenhaus und kassenärztlichem Bereitschaftsdienst besser zu vernetzen und die Behandlung der Patienten über eine zentrale Anlaufstelle zu koordinieren. Da der MB an einem echten Dialog interessiert sei, habe er gerne das Gesprächsangebot der KBV angenommen. Möglicherweise könne es schon im Juli zu einem ersten Treffen kommen.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige