ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2017Telemedizin: Ferndiagnose unter ärztlicher Regie

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Telemedizin: Ferndiagnose unter ärztlicher Regie

Dtsch Arztebl 2017; 114(22-23): A-1098 / B-914 / C-895

Krüger-Brand, Heike E.

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Telemedizin eröffnet große Chancen für die medizinische Versorgung. Ärzte wollen jetzt auch die Fernbehandlung ohne vorherigen Patientenkontakt erproben. Die Bundes­ärzte­kammer soll daher eine Änderung der (Muster-)Berufsordnung prüfen.

Telemedizinische Anwendungen, wie Telekonsultationen und Teleradiologie, sind längst ein fester Bestandteil der Versorgung und berufsrechtlich unproblematisch. Bislang sah das Berufsrecht der Ärztekammern jedoch ein Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung vor. In Baden-Württemberg ist das seit Ende 2016 anders. „Modellprojekte, insbesondere zur Forschung, in denen ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze durchgeführt werden“, sind dort nach dem geänderten § 7 Abs. 4 der Berufsordnung künftig erlaubt, sofern die Lan­des­ärz­te­kam­mer (LÄK) die Projekte genehmigt hat und evaluiert. In einem Modellprojekt wird dort jetzt die Fernbehandlung erprobt, ohne dass vorab ein direkter Arzt-Patient-Kontakt stattgefunden haben muss.

<b>Interview mit Ulrich Clever,</b> Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg Start

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Interview mit Ulrich Clever, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg

Mit der Telemedizin können die Ärzte nahe bei ihren Patienten bleiben, sagte Ulrich Clever in einem Video-Interview.

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Dr. med. Ulrich Clever, Präsident der LÄK Baden-Württemberg, berichtete vor dem Deutschen Ärztetag in Freiburg über die neuen Möglichkeiten. Danach sind nach dem Modell etwa die Erstanamnese und Befunderhebung per Telefon erlaubt. „Wir wollen für unsere Kammermitglieder dieses Geschäftsfeld seriös und unter Wahrung der berufsrechtlichen Rahmenbedingungen sichern“, erläuterte Clever. „Und wir wollen für unsere Patienten eine moderne und allzeit verfügbare Methode der Kontaktaufnahme, der Beratung, der medizinischen und therapeutischen Hilfe schaffen.“

Clever zufolge dient dies vor allem auch dem Patientenschutz: Dadurch werde vermieden, dass Patienten in Amerika, Indien oder London anrufen und nicht wissen, „ob sich am anderen Ende der Leitung ein Arzt befindet, ob dieser richtig dokumentiert, ob er haftpflichtversichert ist, die Daten nicht an Big Data weiterleitet und das Patientengeheimnis verrät“. Deshalb gelte es, dies als ärztliche Aufgabe unter dem Genehmigungsvorbehalt der LÄK selbst in die Hand zu nehmen. Mehrere Projekte für baden-württembergische Ärzte und Patienten seien in der Pipeline und würden geprüft, berichtete der Kammerpräsident. Ein Kriterienkatalog soll dabei die Einhaltung von medizinischen Standards und Datenschutzanforderungen sicherstellen. Die Fernbehandlung werde den Arzt nicht ersetzen, betonte er. Vielmehr sei diese auch ein Weg, Patientenbindung herzustellen. Unnötige Arztbesuche ließen sich so eher herausfiltern, Patientenströme vorsortieren und triagieren.

Die in der Aussprache vorgebrachten Bedenken einzelner Delegierter, mit dem Verbotswegfall der ausschließlichen Fernbehandlung werde „die Büchse der Pandora geöffnet“ (Dr. med. Susanne Blessing, Baden-Württemberg), konnten sich im Plenum nicht durchsetzen. Bei der Frage der Fernbehandlung gehe es um etwas, „dass uns wirklich einen praktischen Nutzen bringt“, konstatierte Dr. med. Lothar Rütz, Nordrhein. Er plädierte dafür, das Thema „sehr zügig“ anzupacken und umzusetzen. Allerdings seien Rechtssicherheit und klare Regelungen nötig. Die ausschließlich digital abgefragte individuelle Behandlung sei „ein Zeichen der Zeit“, meinte auch Dr. med. Frank J. Reuther, Baden-Württemberg. „Das wollen die Patienten, und die Ärzteschaft kann diese Nachfrage nicht ignorieren.“

Mit deutlicher Mehrheit schlossen sich die Delegierten diesen Argumenten an und votierten dafür, Modellprojekte zur Fernbehandlung zu fördern. Zudem forderten sie mit 214 zu zwölf Stimmen die Bundes­ärzte­kammer auf zu prüfen, ob die (Muster-)Berufsordnung für Ärzte so erweitert werden kann, dass die Ärztekammern Ausnahmen für definierte Projekte mit wissenschaftlicher Evaluation zulassen können. Dabei müsse aber sichergestellt sein, dass berufsrechtliche Belange nicht beeinträchtigt werden. Die Möglichkeit des direkten Arzt-Patienten-Kontaktes sei zudem flächendeckend weiter zu gewährleisten.

Heike E. Krüger-Brand

FAZIT

TOP II: Digitalisierung in der Medizin – Fernbehandlung

  • Der Deutsche Ärztetag hat sich für die Förderung von Modellprojekten zur Fernbehandlung ausgesprochen.
  • Die Bundes­ärzte­kammer soll prüfen, ob § 7 Abs. 4 der (Muster-)Berufsordnung dahingehend erweitert werden kann, dass die Ärztekammern im Ausnahmefall definierte Projekte zur ausschließlichen Fernbehandlung zulassen können.

Die Entschließungen zu TOP II im Internet: www.aerzteblatt.de/2017top2f
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/AK71

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