ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2017Arbeitsmarkt Schweiz: Ohne Deutsche geht es nicht

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Arbeitsmarkt Schweiz: Ohne Deutsche geht es nicht

Dtsch Arztebl 2017; 114(22-23): [54]

Spielberg, Petra

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Die Schweiz ist für viele Ärztinnen und Ärzte immer noch ein attraktiver Arbeitsort, auch wenn der Anteil der Auswanderer leicht rückläufig ist. Eine Anpassung an die Schweizer Mentalität und Sprache wirken sich positiv auf die Integration aus.

Foto: niroworld 123RF [m]
Foto: niroworld 123RF [m]

Auch das Schweizer Gesundheitssystem leidet schon seit Jahren unter einem Fachkräftemangel. Ähnlich wie bei uns fehlt vor allem im hausärztlichen Sektor Personal, da über die Hälfte der Allgemeinärzte in den nächsten Jahren pensioniert wird und die Zahl der nachrückenden Mediziner nicht ausreicht, um die Lücken zu füllen. Expertenschätzungen zufolge stehen in drei Jahren 2 000 Hausärzte zu wenig zur Verfügung.

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Aber auch die Krankenhäuser haben zunehmend Probleme, vakante Stellen zu besetzen, unter anderem aufgrund langer und unregelmäßiger Arbeitszeiten und der fehlenden Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit beziehungsweise Familie. Der Schweizer Ärzteverband FMH fordert daher eine Begrenzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf 50 Stunden und mehr Teilzeitstellen sowie betriebsnahe Kinderbetreuungsplätze.

Eine Umfrage der Schweizer Forschungsanstalt GfS zusammen mit dem Politikforschungs- und -beratungsunternehmen Vatter ergab zudem, dass etwa jeder zehnte Arzt im Laufe seiner Karriere aus der Patientenversorgung aussteigt und in eine andere Branche wechselt.

Unser Nachbarland dürfte somit auch künftig auf die Zuwanderung von qualifiziertem Personal angewiesen sein – auch aus Deutschland. Die Attraktivität des Arbeitsmarktes Schweiz hat unter deutschen Ärztinnen und Ärzten in jüngster Zeit gleichwohl etwas nachgelassen. Gründe hierfür sind die Sorge vor Ressentiments aber auch verbesserte Arbeitsbedingungen in Deutschland. So haben im Jahr 2015 nach Angaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) 126 deutsche Ärzte ihre Berufserlaubnis für die Schweiz wieder zurückgegeben. Die Mehrheit von ihnen war noch keine 50 Jahre alt, ist also nicht in Rente gegangen, sondern dürfte heimgekehrt sein, mutmaßt das BAG.

Derzeit arbeiten in Spitälern und Praxen der Alpenrepublik nach einer aktuellen Statistik des FMH 6240 deutsche Ärztinnen und Ärzte. Das entspricht einem Anteil von 56 Prozent gemessen an allen ausländischen Ärzten. Vor fünf Jahren betrug die Quote noch 60 Prozent.

Allerdings hängt es sehr vom Einzelfall ab, ob und wie gut sich ein deutscher Arzt oder eine deutsche Ärztin in das Schweizer Gesundheitssystem und ihr persönliches Lebensumfeld integrieren.

So gehen beispielsweise im Onlinenetzwerk Coliquio, in dem sich rund 170 000 Ärztinnen und Ärzte über relevantes Wissen und die Herausforderungen ihres Jobs austauschen, die Erfahrungsberichte über die Schweiz recht weit auseinander.

Positiv heben Ärztinnen und Ärzte hervor, dass der Verdienst im Nachbarland gut, angemessen und höher als in Deutschland ist. Zudem profitierten gut verdienende Ärzte von steuerlichen Vorteilen. Auch mit dem weniger bürokratischen Gesundheits- und einfacheren Abrechnungssystem sind viele Auswanderer zufrieden. Ein weiterer Vorteil, so ist dem Forum zu entnehmen, ist die Möglichkeit, in der Praxis ein eigenes Labor oder eine Apotheke zu betreiben, ebenso wie die umfassende Erlaubnis zur Telemedizin. Besonders in ländlichen Gegenden besteht den Aussagen zufolge ein hoher Freizeitwert, die Arbeit ist weniger hektisch und wird von den Patienten geschätzt.

Das Verhältnis zu Schweizer Kollegen beschreiben zahlreiche Ärztinnen und Ärzte dagegen oft als distanziert und wenig herzlich. Mehreren Beiträgen zufolge herrscht Missgunst und unkollegiales Verhalten, wenngleich dies nach Meinung einiger überall vorkommen kann.

Als nachteilig wird auch angesehen, dass dem Mehrverdienst höhere Lebenshaltungskosten gegenüberstehen, vor allem in Städten wie Zürich, Basel oder Bern. Beim Einkommen und Lebensstandard gibt es indes den Angaben zufolge große kantonale Unterschiede. Einige Forumsteilnehmer wiederum bemängeln, dass die Arbeitsbelastung in Schweizer Kliniken sehr hoch ist, mit langen Arbeitszeiten und meist weniger Urlaubstagen als in Deutschland.

Viele haben zudem die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, Schweizerdeutsch zu verstehen oder idealerweise auch zu sprechen, um von Patienten und Kollegen anerkannt zu werden. Eine Anpassung an die Mentalität wird ebenso als wichtig angesehen.

Dass die Schweiz für deutsche Ärzte dennoch ein interessanter Arbeitsort ist, zeigt eine Kurzumfrage von Coliquio. Demnach gaben von 842 Teilnehmern 58,1 Prozent an, dass sie die Möglichkeit eines beruflichen Wechsels in die Schweiz in Betracht ziehen. Für 36,5 Prozent kommt dies nicht in Frage. Eine berufliche Tätigkeit in einem anderen Land außer der Schweiz ist lediglich für 5,5 Prozent interessant.

Petra Spielberg

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