ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1996Therapeutische Prozesse

POLITIK: Die Glosse

Therapeutische Prozesse

Schell, Jürgen

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LNSLNS Der medizinische Fortschritt gedeiht seit einigen Jahrzehnten fast ausschließlich westlich des Atlantiks. Als besonders expandierender Bereich erweist sich die Begegnung der juristischen und medizinischen Kunst, eine verwickelte Beziehung voller Mißverständnisse. Welch ein vorsichtiger und neuartiger Umgang dadurch notwendig wird, erlebte ich kürzlich in meiner Praxis: Herr Mayer-Steckmann, ein neuer Patient, kam wegen plötzlich aufgetretener, heftiger Zephalalgien. Als der 52jährige Privatpatient, Inhaber einer Kette von Schnellrestaurants, ins Sprechzimmer eintrat, wurde er von einem wesentlich jüngeren Mann im gedeckten Anzug mit noch gedeckterer Krawatte begleitet. Bevor Herr Mayer-Steckmann meinen Gruß erwidern konnte, griff sein Begleiter ein: "Halt, bevor Sie mit der Untersuchung und Behandlung beginnen dürfen, müssen wir einen Behandlungsvertrag erarbeiten. Ich bin Dr. Dreher, der Rechtsbeistand von Herrn Mayer-Steckmann."
Mich noch dunkel an wenig fesselnde rechtsmedizinische Vorlesungen erinnernd, wonach jede Behandlung mit einem – wenngleich zumeist stillschweigend abgeschlossenen – Behandlungsvertrag beginnt, nahm ich an, daß es sich nur um eine Formalie handelt, und stimmte zu. Herr Mayer-Steckmann hielt sich den offenbar sehr schmerzhaften Kopf und stöhnte leise. Nach 35 Minuten, in denen die Arzthelferinnen mich schon mehrfach an die wartenden Patienten erinnert und zur Eile gemahnt hatten und ich mich durch die scharfen Fragen des Anwalts bedrängt fühlte, wurde es mir zuviel. Ich verweigerte jede weitere Aussage und zog meinen Praxisanwalt Werner Winkler zu Rate. Er übernahm die Verhandlungen, und die beiden Rechtsanwälte blockierten für die nächsten Stunden das Sprechzimmer. Herr Mayer-Steckmann, den ich nach ausdrücklicher Warnung durch seinen Anwalt – jede Berührung vor Zustandekommen des Behandlungsvertrages müsse als versuchte Körperverletzung betrachtet und zur Anzeige gebracht werden – nur von weitem sehen durfte, lag mit angezogenen Beinen und nach hinten überstrecktem Kopf opisthotonisch auf der Behandlungsliege.
Am frühen Abend waren die Verhandlungen der Anwälte endlich zum Abschluß gekommen. Herr MayerSteckmann wirkte inzwischen leicht stupurös. Während eine Helferin den dreizehnseitigen Vertrag tippen mußte, bat ich, auf den ausdrücklichen Rat von Herrn Winkler, per Telefax meine Berufshaftpflichtversicherung um eine Verdopplung der Versicherungssumme. Die Anwälte prosteten sich bereits mit Sekt auf ihre gelungene Arbeit zu.
Als die positive Antwort vorlag, stand der Untersuchung nichts mehr im Wege. Das heißt: Es hätte ihr nichts mehr im Wege gestanden, denn als ich mich endlich dem Patienten zuwenden konnte, war sein Koma in einen asystolischen Ruhezustand übergegangen. Bevor jedoch auch nur die einfachste Reanimationsmaßnahme möglich gewesen wäre, wies mich Dr. Dreher sehr deutlich darauf hin, daß der zustandegekommene Vertrag nur für den lebenden Herrn Mayer-Steckmann gegolten habe. Für Leichen gälten andere, leider etwas kompliziertere Paragraphen, so daß eine erneute Verhandlung über das Ausmaß, die Bedingungen und Zielsetzungen von medizinischen Manipulationen an derselben notwendig würden. Gerne hätte ich gewußt, ob der arme Mann nun einer Subarachnoidalblutung oder einer fulminanten Meningoenzephalitis erlegen war: In Anbetracht der ungünstigen Prognose über das Zustandekommen eines allseits befriedigenden Behandlungsvertrages verzichtete ich.
Mehrere Wochen später las ich in der Zeitung, daß ein Kollege aus der Pathologie Berufung gegen ein Gerichtsurteil, wonach ihm die Obduktion der Leiche von Herrn Mayer-Steckmann untersagt worden sei, eingelegt habe. Mein Schmunzeln über diese Meldung verflüchtigte sich schnell, als mir die Mitteilung zugestellt wurde, daß gegen mich ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung, angestrengt von Frau Mayer-Steckmann, der Witwe des unglücklichen Patienten, vertreten durch Dr. Dreher, eingeleitet worden sei. Werner Winkler, den ich inzwischen öfter sehe als meine Patienten, bot mir sofort freudig an, meine Verteidigung zu übernehmen.
Ich solle doch nicht so defensiv sein, riet er, und hatte bereits seinerseits vorsorglich Dr. Dreher angezeigt – wegen übler Nachrede und Behinderung von Hilfeleistungen.
Dr. med. F. Jürgen Schell, Köln
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