ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1996Sexualberatung Pro Familia: Neue Angebote für ausländische Frauen

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Sexualberatung Pro Familia: Neue Angebote für ausländische Frauen

Glöser, Sabine

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LNSLNS Auf der Mitgliederversammlung in Bonn diskutierte die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V., Pro Familia, weitere Schritte zur Integration ausländischer Bürger. "Multikultur und Sexualität" ist einer der neuen Arbeitsschwerpunkte der Organisation.


Etwa 180 000 Frauen und Männer suchten im Jahr 1994 eine Beratungsstelle von Pro Familia auf; von diesen hatten 31 000 eine ausländische Staatsangehörigkeit. Damit war der Ausländeranteil doppelt so hoch, wie nach der Bevölkerungsstruktur in Deutschland zu erwarten gewesen wäre. Die meisten ausländischen Bürger (21 000) kamen wegen einer ungewollten Schwangerschaft zur Beratung. Sie machten ein Viertel der insgesamt zu diesem Thema um Rat Suchenden aus. Demgegenüber nahmen die Ausländerinnen nur in relativ geringem Umfang Beratungen zur Schwangerschaftsverhütung in Anspruch, was für Pro Familia nach wie vor eine ernstzunehmende Herausforderung darstellt.
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen will die Organisation zukünftig verstärkt die Betreuung ausländischer Bürger weiterentwickeln. Dem Jahresbericht 1995 zufolge ist Pro Familia bislang Hauptanbieter für Informationsmaterialien für Ausländer zum Thema Familienplanung. Im Rahmen des Arbeitsschwerpunktes "Multikultur und Sexualität" werden nun vermehrt auch moderne Kommunikationstechnologien eingesetzt. Dies soll die Zugangsvoraussetzungen für Ratsuchende anderer Kulturen erleichtern und niedrigschwellige Angebote schaffen. So gibt es erste Überlegungen, ein Familienplanungstelefon in verschiedenen Sprachen einzurichten und eine Mädchen- und Frauenmailbox aufzubauen. Im Hinblick auf die internationale Ausrichtung und die Mitgliedschaft in der International Planned Parenthood Federation (IPPF) gewinne auch der Einstieg ins Internet an Bedeutung. Daher hat sich der Bundesverband jetzt für eine zunächst auf zwei Jahre befristete Präsenz im Internet entschieden.

Ausländische Mitarbeiterinnen
Ferner beabsichtigt die Organisation, durch Fortbildungsangebote die Mitarbeiter in den Beratungsstellen verstärkt für den Umgang mit Frauen und Männern aus anderen Kulturkreisen zu sensibilisieren. Darüber hinaus ist geplant, vermehrt ausländische Mitarbeiter einzustellen, die ein spezielles kulturelles Fachwissen in die Beratungsarbeit einbringen könnten.
Über ihre Arbeit in einer Berliner Beratungsstelle berichtete die Ärztin Rosario Flores. Dort biete Pro Familia eine Sprechstunde für Ausländer an, insbesondere für Türkinnen und Kurdinnen. Die Sprechstunde, die gut frequentiert werde, mache deutlich, daß der unterschiedliche Umgang mit Sexualität in den verschiedenen Kulturen immer wieder Probleme schafft: "Kurdinnen gehen als Jungfrau in die Ehe. Konfliktstoff ist vorprogrammiert, wenn diese Mädchen in Deutschland aufwachsen und mit den hier herrschenden Denkweisen konfrontiert werden."
Als besonders positiv bewertete die Ärztin, daß in der Beratungsstelle auch türkische und kurdische Mitarbeiterinnen arbeiten. Der Arzt stehe zwar als Fachkraft zur Verfügung, doch die Beratung sei nicht auf den medizinischen Bereich beschränkt: "Die Ganzheit des Menschen steht im Mittelpunkt." Dr. Sabine Glöser

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