ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1996Drogensubstitution in Australien: „Keep them alive“ – Mit Methadon überleben

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Drogensubstitution in Australien: „Keep them alive“ – Mit Methadon überleben

Hünnemeyer, F.

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LNSLNS Die Diskussion darüber, ob die Methadon-Substitution sinnvoll ist oder nicht, beschäftigt seit einigen Jahren deutsche Ärzte. Ein Blick nach Brisbane in Australien zeigt, daß es eine sinnvolle Therapie sein kann, wenn das Umfeld stimmt. Dr. med. Andreas Hünnemeyer berichtet im folgenden über die Arbeit des dortigen Methadon-Projekts, wo er zwei Wochen lang hospitierte.


Am Hauptbahnhof von Brisbane, der Endstation für Züge aus ganz Australien, liegt BIALA, eine bekannte Adresse für Junkies und Alkoholiker. Hier sind die Brisbane North Alcohol and Drug Services zu Hause. In der Sprache der Ureinwohner heißt BIALA "Ort des Verständnisses". Für viele Abhängige ist es gleichbedeutend mit Neubeginn.
"Keep them alive until they are 25", ist das Motto von Charles, einem der Ärzte, die dort das Methadon- Programm betreuen. "Das mit der Abhängigkeit ist eine Frage des Alters", sagt er. "Wenn die kids in die Jahre kommen, wächst sich das häufig von selbst aus. Wichtig ist, daß sie diese Phase heil überstehen".
Dabei hilft Methadon. Als orales Opioid muß es nicht gespritzt werden. "Needle-sharing", der gemeinsame Gebrauch des Spritzbestecks, ist deshalb kein Thema. Außerdem wird Methadon unentgeltlich verschrieben, was der Beschaffungskriminalität den Boden entzieht. Die Substituierten haben wieder Zeit für Familie, Sozialleben und Beruf. Auffallend ist, wie normal sie aussehen. Sauber gekleidet und unauffällig im Auftreten, entsprechen sie oft gar nicht dem Bild vom heruntergekommen Junkie.
Die Umstellung von Heroin auf Methadon erfolgt ambulant. Die Atmosphäre bei BIALA ist entspannt, der Umgangston locker. Trotzdem wird das Medizinische peinlich genau genommen. Zu Beginn der Substitutionsbehandlung wird der Patient täglich vom Arzt untersucht, damit er auf seine individuell richtige Methadon-Dosis eingestellt werden kann. Dabei werden viele Aspekte einbezogen. Intoxikationszeichen und Entzugssymptome spielen ebenso eine Rolle wie das subjektive Befinden des Abhängigen. Als Faustregel gilt, daß die Methadon-Dosis so lange gesteigert wird, bis der Patient frei von Entzugserscheinungen ist und sich wohlfühlt.


"Schadensbegrenzung" heißt die Devise Der Beigebrauch von Heroin wird am Anfang toleriert, kann später aber zum Abbruch der Behandlung führen. Bei aller Vorsicht wird großzügig substituiert. Tagesdosen von 60 Milligramm sind keine Seltenheit, häufig liegen sie wesentlich höher. Klinische Erfahrungen zeigen, daß die Gefahr eines Beigebrauchs in dem Maße steigt, wie der Behandelte unter Entzugserscheinungen leidet, auch wenn sie nur subjektiver Natur sind. Ein heimlicher Beigebrauch macht die Therapie unübersichtlich und gefährdet den Patienten.
Gefahr droht aber auch von anderer Seite. Die reine Heroinabängigkeit ist die Ausnahme. Polytoxikomanie ist weit verbreitet. Hoch einfallsreiche "Cocktails" aus Alkohol, Benzodiazepinen, Amphetaminen und Cannabis erschweren die richtige Dosierung von Methadon erheblich. Dazu kommen noch körperliche, aber auch seelische Krankheiten. Die Ärzte achten auf die häufigen Begleiterkrankungen wie Tuberkulose, Hepatitis oder AIDS. Daß viele Drogenabhängige aber unter latenten Depressionen leiden, geht oft im Durcheinander von Polytoxikomanie und chaotischen Lebensumständen unter. Depressionen erschweren nicht selten Diagnostik und Therapie
In Brisbane führte die Angst vor AIDS und Hepatitis B und C vor Jahren dazu, daß ein sogenanntes Nadelprogramm für Heroinabhängige eingerichtet wurde. Das inzwischen weltweit größte Projekt dieser Art ist am "Ort des Verständnisses" untergebracht und versorgt Fixer unentgeltlich mit Einwegspritzen, Kanülen, Injektionswasser und Alkoholtupfern. Das Konzept ist simpel: Wenn die Abhängigen nicht auf Heroin verzichten können, sollen sie es wenigstens unter "sauberen" Bedingungen spritzen. Solange noch Behandlungsmöglichkeiten für AIDS und Hepatitis fehlen, leistet Prävention den größtmöglichen Beitrag zur öffentlichen Gesundheit. Schadensbegrenzung ("Harm-Minimization") ist das Credo von Dr. Reynolds, dem medizinischen Direktor der "Alcohol and Drug Services". Als Mitte der 80er Jahre klar wurde, daß AIDS nicht zu heilen ist, sahen er und seine Mitarbeiter den einzigen Weg in der Prävention. Sie organisierten Aufklärungskampagnen und setzten gegen alle Widerstände Nadelprogramme und die Methadon-Substitution durch. Die BIALAMitarbeiter sind überzeugt, daß der Drogenkonsum in einer freiheitlichen Gesellschaft mit ordnungspolitischen Maßnahmen allein nicht verhindert werden kann. Mutige Alternativen sind gefragt, die vor allem der Schadensbegrenzung dienen sollen. In einem solchen konzeptionellen Umfeld macht Methadon-Substitution Sinn.


Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Andreas F. Hünnemeyer
P. O. Box 6
Cheung Chau Post Office
Cheung Chau
Hong Kong

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