ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1996AG Umwelt und Gesundheit: Ärzte und Stadtplaner proben Zusammenarbeit

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AG Umwelt und Gesundheit: Ärzte und Stadtplaner proben Zusammenarbeit

Rose, Henny

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LNSLNS Stadtplanern fehlt oftmals das Wissen über die gesundheitlichen Auswirkungen ihrer Konzepte. Ärzte könnten hierzu einiges beisteuern, tun sich jedoch schwer mit der Interpretation von Umweltverträglichkeitsprüfungen und Immissionsbelastungskarten. Um die unterschiedlichen Disziplinen zusammenzubringen, hat sich vor kurzem eine "Arbeitsgruppe Umwelt und Gesundheit" gegründet. Ihre Mitglieder wollen langfristig herausfinden, ob es eine Abhängigkeit zwischen Umweltbelastung und regionalem Krankheitsgeschehen gibt.


Ende 1995 hat das Deutsche Ärzteblatt zuletzt über das "Umweltinformationsgesetz" berichtet, das 1994 in Kraft getreten ist. In diesem Zusammenhang wurde erneut deutlich, daß viele Umweltdaten und -karten zwar theoretisch für jedermann frei zugänglich sind. Somit hat auch jeder Arzt und jede Ärztin die Möglichkeit, sich über lufthygienische Belastungen oder bodenrelevante Schadstoffmengen vor Ort zu informieren. Welchen Nutzen aber kann ein Mediziner aus diesen Daten für seine eigene Arbeit ziehen? Wie müssen die umweltrelevanten Daten aufbereitet sein, damit sie auch im medizinischen Bereich Anwendung finden können?
Die Datenlage der einzelnen Städte und Gemeinden in Deutschland ist dermaßen heterogen, daß nur selten vergleichbare Umweltinformationen vorliegen. Flächendeckende Karten sind eher selten, punktuelle Meßwerte für Fachfremde schwer interpretierbar. Für die Erfassung der zahlreichen Umweltbelange liegen größtenteils weder standardisierte Erhebungsverfahren noch einheitliche Bewertungsmethoden vor. Auch aus diesem Grund ist es schwer herauszufinden, ob sich eine Abhängigkeit zwischen der jeweiligen Umweltsituation und entsprechenden Krankheitsarten und -häufigkeiten feststellen läßt.
All diese Probleme machen deutlich, daß lange Zeit versäumt wurde, einen Dialog zwischen den Umwelt- und den Gesundheitsdisziplinen herzustellen. Um diesem Defizit entgegenzuwirken, hat sich am 1. Juni 1995 die Arbeitsgruppe "Gesundheitsverträglichkeitsprüfung" in Hamm/Westfalen formiert. Ihr gehören Wissenschaftler verschiedener Disziplinen an, Fachleute aus Behörden (zum Beispiel der Gesundheitsämter) sowie Vertreter des Bereichs Stadtplanung (aus dem kommunalen Bereich sowie aus privaten Ingenieurbüros). In direkten Gesprächen sollen sowohl medizin- als auch umweltrelevante Fragen diskutiert werden, um zukünftig die umweltbezogenen Faktoren im Bereich der Gesundheitsvorsorge besser einschätzen zu können.


Keine Beteiligung der Ärzte vor Ort
Viele gesundheitliche Belastungsfaktoren des menschlichen Organismus sind bereits seit langem bekannt und müßten dementsprechend in verschiedene Konzepte zur Gesundheitsvorsorge sowie in die Stadtplanung einbezogen werden. Hier aber setzt bereits die Kritik an, da vielfach Datengrundlagen zur Beurteilung der gesundheitlichen Belastung fehlen. Obwohl zum Beispiel das "Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung" (UVPG) speziell den Menschen als "Schutzgut" benennt, werden heute nur in wenigen Fällen auch die Gesundheitsbehörden beziehungsweise Gesundheitsämter um eine Stellungnahme gebeten. Weiterhin findet bei den räumlichen Planungen in der Regel keine Beteiligung der ansässigen Ärzte statt, obwohl diese in vielen Fällen sicherlich in der Lage wären, wertvolle Hinweise zu geben.
Daß gesundheitliche Belange im Rahmen der städtebaulichen Planung (zum Beispiel bei der Ausweisung von Wohn- und Gewerbegebieten oder der Planung einer Umgehungsstraße) zu wenig Beachtung finden, hat verschiedene Ursachen. Stadtplaner sind oftmals nicht in der Lage, eine vorhandene oder zu erwartende Schadstoffbelastung im Hinblick auf ihre gesundheitliche Relevanz zu bewerten. Ärzten wiederum fehlt meist das Grundlagenwissen, um die Ergebnisse einer Umweltverträglichkeitsstudie sachgerecht beurteilen oder die einer Planung zugrundeliegenden Karten interpretieren zu können.
Genau an dieser Stelle muß der Dialog zwischen den einzelnen Fachdisziplinen ansetzen, um zukünftig – zum Wohle der Allgemeinheit – Konzepte für eine gesunde Umwelt erarbeiten zu können. Hier sind nicht nur Umweltexperten, sondern auch (Umwelt-)Mediziner gefragt, sich auf diesem Gebiet stärker als bisher zu engagieren. Als Diskussionsforum eignet sich die "AG Umwelt + Gesundheit", die aus der "Arbeitsgemeinschaft Gesundheitsverträglichkeitsprüfung" hervorgegangen ist und nunmehr unter Federführung des Umlandverbandes Frankfurt weiterarbeiten wird.
Der Umlandverband hat sich zum Ziel gesetzt, mit Hilfe eines räumlich bezogenen Gesundheitskatasters und vielfältiger Immissionsbelastungskarten ("Digitaler Umweltvorsorgeatlas") eine mögliche Abhängigkeit zwischen der Umweltbelastung und dem regionalen Krankheitsgeschehen aufzuzeigen. Die Umsetzung dieses recht hoch gesteckten Zieles ist mit zahlreichen Unwegsamkeiten und Problemen behaftet, die nur in der Zusammenarbeit aller Beteiligten gelöst werden können.

Gesucht: Interessierte Ärzte, Planer, Wissenschaftler
Bisher beschäftigt sich erst ein recht kleiner Kreis mit der hier angesprochenen Problematik, so daß im folgenden für weitere Interessenten die Kontaktadresse angegeben wird. Durch diesen Aufruf sollten sich insbesondere umweltmedizinisch interessierte oder erfahrene Ärzte und Planer sowie Gesundheitswissenschaftler aus dem Raum Rhein-Main/Rhein-Nekkar angesprochen fühlen, da zunächst am Beispiel dieser Region ein Modellprojekt entwickelt werden soll. Dennoch sind natürlich auch jederzeit Beiträge aus anderen Landesteilen willkommen. Die AG Umwelt und Gesundheit organisiert zudem im Herbst 1996 eine Fachtagung zum Thema "Gesundheitsbelange in der Planungspraxis". Ziel ist es auch, Wege zur möglichen Zusammenarbeit von Ärzten und Stadtplanern aufzuzeigen.


Anschrift der Verfasserin:
Dr. phil. Henny Rose
AG Umwelt + Gesundheit
Umlandverband Frankfurt
Am Hauptbahnhof 18
60329 Frankfurt/Main

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