ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/201730. Deutscher Psychotherapeutentag: Einigkeit für die Ausbildungsreform

POLITIK

30. Deutscher Psychotherapeutentag: Einigkeit für die Ausbildungsreform

PP 16, Ausgabe Juni 2017, Seite 255

Bühring, Petra

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Die Delegierten in Hannover beschäftigten sich detailliert mit der Reform der Psychotherapieausbildung. Sie hoffen, dass das Thema auch von der nächsten Bundesregierung aufgegriffen wird. Eine Reform der Bedarfsplanung erscheint ihnen angesichts der neuen Sprechstunde und Akutbehandlung wichtiger denn je.

Die Delegierten stimmen für eine Erweiterung der Musterweiterbildungsordnung um „Psychotherapie bei Diabetes“. Fotos: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Die Delegierten stimmen für eine Erweiterung der Muster­weiter­bildungs­ordnung um „Psychotherapie bei Diabetes“. Fotos: Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Die Reform der psychotherapeutischen Ausbildung war auch diesmal beherrschendes Thema des 30. Deutschen Psychotherapeutentages (DPT), der am 12. und 13. Mai in Hannover stattfand. Künftig soll es nach Vorstellungen der psychotherapeutischen Profession und des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) ein mindestens fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie geben, das mit Staatsexamen und Approbation abschließt. Daran anschließen wird eine ebenfalls fünfjährige Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten, die zur Niederlassung berechtigt und hauptberuflich an Weiterbildungsinstituten, Lehrpraxen, Kliniken und komplementären Einrichtungen durchgeführt werden soll. Zu den Details des Approbationsstudiums beziehungsweise den Änderungen im Psychotherapeutengesetz (PsychThG) hatte das BMG im November 2016 ein Eckpunktepapier vorgelegt (siehe PP, Heft 12/2016). In Bezug auf die Weiterbildung ist vieles noch offen, insbesondere die Finanzierung.

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Wie geht es nun weiter? „Wir haben die Zusage von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe, dass ein Arbeitsentwurf zum PsychThG bis Anfang Juni kommt“, berichtete der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), Dr. rer. nat. Dietrich Munz. Dieser müsse dann um Regelungen zur Organisation und Finanzierung ergänzt werden, dann könne das Stellungnahmeverfahren beginnen. Zum Ende dieser Legislaturperiode soll dann ein Referentenentwurf in den Schubladen des BMG liegen. „Es ist sehr wichtig, dass sich die Ausbildungsreform im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wiederfindet. Nur dann wird der Referentenentwurf aus der Schublade gezogen“, betonte Munz. Die BPtK will deshalb in der nächsten Zeit massiv Lobbyarbeit betreiben und forderte auch die Psychotherapeutenkammern auf, dies auf Landesebene zu tun.

Die niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) kündigte in einem Grußwort die Unterstützung der Landesregierung an. „Wir werden den Gesetzesprozess beim Bund begleiten, denn wir wollen sicher sein, dass auch in Zukunft jeder Patient versorgt werden kann.“ Zugleich verwies sie darauf, dass Psychologische Psychotherapeuten auch im Maßregel- und im Justizvollzug gebraucht werden. „Von ärztlicher Seite kann der Bedarf hier kaum mehr gedeckt werden – deshalb brauchen wir Sie umso mehr“, bekräftigte Rundt.

„Die Ausbildungsreform muss sich im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wiederfindet“, sagt BPtK-Präsident Dietrich Munz.
„Die Ausbildungsreform muss sich im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wiederfindet“, sagt BPtK-Präsident Dietrich Munz.

Der Präsident der einladenden Psychotherapeutenkammer Niedersachsen, Roman Rudyk, sagte in seiner Begrüßungsansprache: „Wir sind stolz darauf, dass es uns immer gelungen ist, die Heterogenität der Psychotherapie als befruchtend zu erleben. Uns gelingt es meist, bei grundlegenden Beschlüssen an einem Strang zu ziehen.“ Die Reformkonzepte, die von der BPtK vorgelegt wurden, seien „die ausgereiftesten, die es auf dem Markt aktuell gibt“. Der Kammerpräsident wies zudem darauf hin, dass es in einer künftig mehr stationär ausgerichteten Weiterbildung „andere Dynamiken“ geben werde. „Doch Ärzte und Institutionen sind ebenso wichtige Teile der Heterogenität, die wir als Herausforderung sehen sollten.“ Nichtsdestotrotz sollten Modelle der ärztlichen Weiterbildung nicht einfach übernommen werden. „Das Spezifische der Profession müssen wir nach außen hin vertreten“, forderte Rudyk.

„Der Politik ist es nicht wichtig, dass alle Ausbildungsinstitute überleben, aber ihr ist die Versorgung wichtig“, betont Peter Lehndorfer, BPtK-Vorstandsmitglied.
„Der Politik ist es nicht wichtig, dass alle Ausbildungsinstitute überleben, aber ihr ist die Versorgung wichtig“, betont Peter Lehndorfer, BPtK-Vorstandsmitglied.

Die neuesten Vorstellungen zu Inhalten und Strukturen des Approbationsstudiums aus dem sogenannten Projekt Transition stellte BPtK-Vizepräsident Dr. phil. Nicolaus Melcop vor. Das Studium der Psychotherapie soll mindestens elf Semester umfassen. In einem ersten Studienabschnitt (mindestens sechs Semester) sollen zwei Drittel des Curriculums von der Approbationsordnung vorgegeben werden, der Rest verbleibt der Hochschule zur Schwerpunktsetzung, insbesondere in den Bachelorstudiengängen. Externe Praktika ergänzen die Theorie. Ein erstes schriftliches Staatsexamen ist nach diesem Abschnitt vorgesehen. Danach folgt ein zweiter Studienabschnitt (mindestens fünf Semester), inklusive Praxissemester und Zeit für eine Masterarbeit. Im Anschluss ist dann ein mündlich-praktisches Staatsexamen und die Möglichkeit zur Approbation vorgesehen. Für die einzelnen Studienabschnitte werde es Kompetenzprofile geben. Das Studium soll bestehende Bachelor- und Masterstudiengänge integrieren sowie Quereinstiege ermöglichen. „Die Studienkapazitäten sollen sich am Nachwuchsbedarf für die Versorgung orientieren sowie an den verfügbaren Weiterbildungsplätzen“, erläuterte Melcop.

Cornelia Rundt, niedersächsische Sozialministerin, will die psychotherapeutische Versorgung gesichert wissen.
Cornelia Rundt, niedersächsische Sozialministerin, will die psychotherapeutische Versorgung gesichert wissen.

Fünfjährige Weiterbildung in Praxis und Klinik

Inhalte und Strukturen einer geplanten fünfjährigen Weiterbildung stellte Dr. phil. Andrea Benecke, Beisitzerin im Vorstand der BPtK, vor. Der Psychotherapeut in Weiterbildung (PiW) wird sich entweder auf Erwachsene oder Kinder und Jugendliche spezialisieren und sich dabei die Fachkompetenz in mindestens einem wissenschaftlich anerkannten Verfahren aneignen. Die Weiterbildung (WB) soll in einem Verbund stattfinden, bestehend aus einem Weiterbildungsinstitut, an dem Theorie und Selbsterfahrung gelehrt wird, der ambulanten WB-Stätte, der stationären WB-Stätte und gegebenenfalls dem komplementären Bereich. Eine Berufsbezeichnung könnte dann zum Beispiel heißen: „Fachtherapeut für Kinder und Jugendliche (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie)“. Die Weiterbildung soll nach den Vorstellungen der BPtK obligatorisch zwei Jahre (1 600 Behandlungsstunden) im ambulanten Bereich stattfinden, „um für das gesamte Spektrum der Richtlinien-Psychotherapie zu qualifizieren“, erläuterte Benecke. „Hier gibt es allerdings noch Klärungsbedarf.“ Obligatorisch ist auch eine zweijährige WB in psychiatrischen oder psychosomatischen Kliniken (800 Behandlungsstunden), wo eigenständig Behandlungen durchgeführt werden. Optional kann auch für sechs Monate bis ein Jahr (500 Behandlungsstunden) der „komplementäre“ Bereich gewählt werden, also die Jugendhilfe, Suchthilfe, Sozialpsychiatrische Dienste oder Behindertenhilfe. Wolfgang Schreck, Beisitzer im Vorstand der BPtK, der diesen Bereich vorstellte, betonte, der Begriff „komplementär“ sei tatsächlich „unglücklich“ und man sei auf der Suche nach einem neuen. Auch Jörg Hermann, Delegierter aus Niedersachsen, hält es für unbedingt notwendig, sich von dem Begriff zu trennen: „Das sind eigenständige Bereiche – es wird sonst sehr schwierig mit den einzelnen in Kommunikation zu treten.“

Roman Rudyk, Präsident der Kammer Niedersachsen, will Heterogenität als Herausforderung erfahren wissen.
Roman Rudyk, Präsident der Kammer Niedersachsen, will Heterogenität als Herausforderung erfahren wissen.

Die Überlegungen zur Finanzierung der Weiterbildung skizzierte Peter Lehndorfer, ebenfalls im BPtK-Vorstand. Die künftigen PiW sollen – im Unterschied zu heute – in den Weiterbildungsstätten angestellt und entsprechend der TVöD- Entgeltgruppe 13 (4 638 Euro) entlohnt werden. In der ambulanten WB rechnet Lehndorfer bei geschätzten 5 000 PiW pro Jahr mit einem Finanzierungsbedarf von 552 Millionen Euro jährlich (9 193 Euro pro Kopf) für Tarifgehälter und notwendige Weiterbildungselemente. Für erbrachte Therapieleistungen würde die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) davon 361 Millionen Euro (pro Kopf 6 015 Euro) zahlen. Somit ergibt sich eine Deckungslücke von 191 Millionen Euro im Jahr. Die BPtK schlägt vor, diese Summe aus einem Förderfonds zu finanzieren, der vom Bundesversicherungsamt verwaltet werden könnte. „Der Förderfonds könnte zum Beispiel aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds gespeist werden“, erklärte Lehndorfer.

In der anschließenden Diskussion zur Weiterbildung stand zunächst Kritik an der Höhe der Behandlungsstunden im Vordergrund. So findet unter anderem Karl Stricker, Delegierter aus NRW, 1 600 Behandlungsstunden (20 Wochenstunden) in der ambulanten WB zu viel. „Bisher waren 600 Stunden ausreichend – und die Kollegen sind hoch qualifiziert“, sagte er. Die Verquickung von inhaltlicher Weiterbildung und Finanzierung sei „unglücklich“. Heike Winter, Hessen, zeigte Verständnis dafür, dass man, um Tarifgehälter zu fordern, Leistungen anbieten müsse, wie eben 1 600 Behandlungstunden. „Doch viele wollen gleichzeitig wissenschaftlich arbeiten und auch promovieren – ich frage mich, wie man das unterbringen kann?“ Jürgen Thorwart, Bayern, der für die psychoanalytischen Ausbildungsinstitute sprach, forderte: „Wir brauchen Teilzeitmodelle im psychoanalytischen Bereich, und ein Entgegenkommen für unser Verfahren in der stationären Weiterbildung.“

Lehndorfer entgegnete, dass die PiW künftig in den Weiterbildungsinstituten angestellt würden und neben den 20 Stunden am Patienten ja auch 20 weitere Stunden zur Verfügung hätten. Bernhard Moors, NRW, forderte: „Wir müssen uns von unserer jetzigen Ausbildung lösen und neu denken.“Auch Barbara Lubisch, NRW, findet eine fünfjährige Weiterbildung unerlässlich: „Man braucht diese lange Erfahrung. Viele können jetzt zum Beispiel keine Gruppentherapien anbieten, weil ihnen die Praxis fehlt. Diese Kenntnisse müssen sie künftig erwerben.“ BPtK-Präsident Munz betonte: „Die Inhalte der Psychotherapie haben sich verändert, vieles ist neu hinzugekommen. Auch die geänderte Psychotherapierichtlinie stellt höhere Anforderungen an Psychotherapeuten.“ Zudem stünden Befugniserweiterungen vor der Tür, die ebenfalls mehr Kompetenz verlangten als bisher nötig. Zudem würden Fachpsychotherapeuten künftig auch verstärkt in Kliniken gebraucht: „Die Klinikdirektoren sind der Ansicht, dass die Psychotherapie in psychiatrischen Kliniken ausgebaut werden muss. Sie wissen, dass das nicht allein durch Ärzte sichergestellt werden kann.“ Auch hierfür sei eine so umfangreiche Weiterbildungszeit erforderlich.

Befürchtungen, dass die Politik das Konzept der Weiterbildungsinstitute nicht übernimmt und damit die Ausbildungsinstitute gefährdet werden, entgegnete der BPtK-Präsident: „Die Institute haben in der Psychotherapie von je her eine wichtige Rolle, anders als bei den Ärzten. Das ist Politikern auch zu vermitteln.“ Lehndorfer fügte hinzu: „Der Politik ist es nicht wichtig, dass alle Ausbildungsinstitute überleben, aber der Politik ist die Versorgung wichtig: Und wer wenn nicht wir, können die Versorgung sicherstellen.“

Wartezeitenproblem nach wie vor nicht gelöst

Susanne Walz-Pawlita, Hessen, die einem mit Ärzten gemischten Berufsverband angehört, war wichtig darauf hinzuweisen: „Wir sollten auch die Interessen der ärztlichen Psychotherapeuten mit im Blick haben.“ Und Cornelia Beeking, Delegierte aus NRW, betonte abschließend: „Das Konzept zur Ausbildungsreform löst bei mir Visionen aus, keine Ängste. Ich freue mich auf die Arbeit.“

Das zweite große Thema, das die Delegierte des 30. DPT beschäftigte, war die (fehlende) Reform der Bedarfsplanung. Im Bericht des Vorstands ging Präsident Munz auf die damit einhergehenden Probleme ein: „Die Reform der Psychotherapierichtlinie war leider nicht von einer Reform der Bedarfsplanung begleitet. Das heißt, die Wartezeiten sind nach wie vor lang, denn die Terminservicestellen können nur die Plätze vermitteln, die es auch wirklich gibt.“ Die Zahl der Behandlungsplätze erhöhe sich mit der Reform der Psychotherapierichtlinie nicht. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (GBA) habe die vom Gesetzgeber gesetzte Frist, die Bedarfsplanung zum 1. Januar 2017 zu überarbeiten, nicht eingehalten, sondern stattdessen ein Gutachten zur Reform der Bedarfsplanung aller Arztgruppen in Auftrag gegeben. Bisher hätten sich die Patienten auf § 13 SGB V (Systemversagen) berufen können, wenn sie keinen Therapieplatz finden konnten, um dann Kostenerstattung bei den Krankenkassen zu beantragen. „Jetzt werden immer mehr Anträge auf Kostenerstattung von den Kassen abgelehnt – diese Rückmeldung geben uns Kollegen“, sagte Munz.

Krankenkassen verbreiten „alternative Fakten“

Der BPtK-Präsident kritisierte weiter, das „mit den alternativen Fakten der Krankenkassen keine Versorgungsprobleme gelöst werden“. Die Kassen würden immer wieder betonen, dass es zu viele Psychotherapeuten gebe, dabei „sprechen die langen Wartezeichen für sich“. Die Kassen betonten zudem, dass es keine Versorgungsprobleme geben würde, wenn Psychotherapeuten mehr arbeiteten. Dabei habe das Zentralinstitut (ZI) für die Kassenärztliche Versorgung bereits 2014 mit dem ZI-Praxispanel festgestellt, dass Psychotherapeuten im Durchschnitt 45 Wochenstunden tätig seien. „Jetzt muss die Politik aktiv werden und einen neuen Auftrag zur Reform der Bedarfsplanung an den GBA geben“, forderte Munz. „Wir müssen deutlich machen, dass jeder Psychotherapeutensitz wichtig für die Versorgung ist und mit Nachdruck die Einzelfallprüfung fordern.“ Denn aktuell seien immer noch mehr als 4 000 Psychotherapeutensitze bundesweit in Gebieten mit einem nominellen Versorgungsgrad von über 140 Prozent von der Schließung bedroht. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer habe auf der Grundlage des Gutachtens vom IGES-Institut und Prof. Dr. phil. Frank Jacobi zur morbiditätsorientierten Bedarfsplanung psychotherapeutischer Praxen (siehe auch PP, Heft 12/2016), erste Überlegungen für ein Gesamtkonzept zur Reform der Bedarfsplanung erarbeitet, berichtete Munz.

„Ohne Quotenregelung gelingt es uns nicht, mehr Frauen in berufspolitische Gremien zu bringen“, erklärte Andrea Benecke, BPtK-Vorstandsmitglied.
„Ohne Quotenregelung gelingt es uns nicht, mehr Frauen in berufspolitische Gremien zu bringen“, erklärte Andrea Benecke, BPtK-Vorstandsmitglied.

Die Delegierte Heike Peper, Hamburg, kritisierte indes, dass die BPtK bisher kein schlüssiges Konzept für eine Reform der Bedarfsplanung vorgelegt habe. „Mit den Zahlen wird auch Politik gemacht. Die Kassen wissen auch, dass die Zahlen nicht stimmen. Es ist deshalb sehr wichtig, mit welcher Position die BPtK nach außen geht.“ Gebhard Hentschel, NRW, sprach sich dafür aus, das IGES-Institut an dem Prozess zu beteiligen, eine neue Bedarfsplanung zu entwickeln. Rudi Bittner, Bayern, stellte klar: „Wir müssen ganz klar fordern, dass keine Psychotherapeutensitze abgebaut werden. Das ist sehr wichtig.“ Peter Lehndorfer, Bayern, bekräftigte: „Wir haben mit dem Gutachten von IGES und Jacobi versucht, dem Bundestag eine Vorlage zu liefern, wie eine morbiditätsorientierte Bedarfsplanung aussehen könnte – und das ist immer noch eine kluge Idee.“ Die Delegierten verabschiedeten schließlich eine Resolution, mit der die Politik aufgefordert wird, dem G-BA eine gesetzliche Frist für eine vorgezogene Reform der psychotherapeutischen Bedarfsplanung zu setzen und zugleich detaillierte Vorgaben zur konkreten Lösung der Versorgungsprobleme im Bereich der Psychotherapie zu machen.

Zusatzqualifizierung Psychotherapie bei Diabetes

Für die Kommission Zusatzqualifizierung stellte Dr. phil. Bruno Waldvogel, die dritte Entwurfsfassung für eine Erweiterung der Muster-Weiter­bildungs­ordnung um den Bereich „Psychotherapie bei Diabetes“ vor. Die erste Fassung hatte die Kommission bereits im September 2016 der Delegiertenversammlung vorgelegt, ein Beschluss wurde jedoch zweimal vertagt. Psychotherapie bei Diabetes befasst sich mit den psychischen Faktoren bei einer Diabeteserkrankung und -behandlung. Ziel ist eine erfolgreiche Therapie des Diabetes bei Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen bezogen auf die psychische Gesundheit, die Prävention von Folgekomplikationen, den Erhalt der Lebensqualität und die soziale Integration. Eine Weiterbildung soll zur Führung der Zusatzbezeichnung „Psychotherapie bei Diabetes“ berechtigen. Grundlage des Entwurfs sei die Weiter­bildungs­ordnung der Landeskammer Rheinland-Pfalz, wo die Weiterbildung bereits angeboten wird, betonte Waldvogel. „Dort haben sieben Psychotherapeuten die Weiterbildung absolviert, weitere 15 Absolventen befinden sich kurz vor der Prüfung.“

„Die Weiterbildung ist genauso umfangreich wie die Psychotherapie für Ärzte und damit viel zu lang“, erklärte Klaus Ditterich, Niedersachsen. Fraglich sei, ob es sich um grundsätzlich neues Wissen handle oder um eine Vertiefung des bestehenden. Zudem gebe es kaum Nachfrage nach dieser WB. Georg Schäfer, NRW, kritisierte, dass in dem Entwurf die Bezugnahme auf psychodynamische Konzepte fehle, er erkenne nur verhaltenstherapeutische Ansätze. Andreas Pichler, NRW, regte an, von „spezieller“ Psychotherapie bei Diabetes zu sprechen. „Der Begriff hat vielfältige berufspolitische Implikation, die Spezifizierung ist vor allem für den stationären Bereich wichtig.“

Bernard Morsch, Delegierter aus dem Saarland, bedankte sich für den „langen Atem“ der Kommission. „Es ist ein Feld, in dem unsere Qualifizierung gefragt ist, deshalb würde ich eine solche Zusatzbezeichnung begrüßen.“ Heike Winter, Hessen, sagte: „Wer die Weiterbildung machen möchte, sollte sie machen können.“ Die Ärzte hätten 53 Zusatzbezeichnungen: „Wir können ruhig noch eine vierte Zusatzbezeichnung aufnehmen.“ Die Delegierten des 30. DPT stimmten schließlich mehrheitlich für eine Erweiterung der Musterweiterbildungsordnung um den Bereich „Psychotherapie bei Diabetes“.

Abschließend fand auch das Thema Frauen in der Berufspolitik Eingang in die Delegiertenversammlung. Andrea Benecke, einzige Frau im fünfköpfigen BPtK-Vorstand, skizzierte zunächst die aktuelle Situation: 72 Prozent der Kammermitglieder sind weiblich; die Bundesdelegiertenversammlung besteht zu 42 Prozent aus Frauen; in den Landeskammervorständen sind Frauen zu 44 Prozent vertreten; aber nur drei von zwölf Landeskammern haben eine Präsidentin; im BPtK-Vorstand gibt es nur eine Frau. „Wir denken, ohne Quotenregelung gelingt es uns nicht, mehr Frauen in berufspolitische Gremien zu bringen“, erklärte Benecke. Künftig sollen nach Vorstellung einer Arbeitsgruppe mindestens zwei Frauen im BPtK-Vorstand vertreten sein – aber auch mindestens zwei Männer. „Wir sehen auch eine Männerquote vor.“ Außerdem soll mindestens eine Frau im zweiköpfigen Bundespräsidium vertreten sein. Benecke kündigte ein „Round-Table-Gespräch“ zu diesem Thema an. Heike Winter, Hessen, sprach sich in der anschließenden Aussprache für die Quotenregelung aus: „Es geht nicht anders. Das ist nicht nur bei uns so.“ Auch Rainer Knappe, Bayern, schloss sich dieser Forderung an. Bruno Waldvogel, Bayern, findet es „nicht begründbar, warum mindestens zwei Männer im Vorstand sein sollen“. Josef Bailer, Baden-Württemberg, fragte sich indes: „Warum funktioniert Demokratie nicht? Warum wählen Frauen nicht Frauen?“ – womit er jedoch auf wenig Verständnis bei den meisten Delegierten stieß.

Der 31. Deutsche Psychotherapeutentag findet am 18. November in Berlin statt.

Petra Bühring

Begrenzung auf 120 Delegierte beschlossen

Weil die aktuelle Satzungsregelung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) zur Berechnung der Delegiertensitze keine Begrenzung vorsah, stieg die Anzahl der Delegierten – mit zunehmender Zahl der Kammermitglieder – in den letzten Jahren konstant an. 2017 hat der Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) 146 Delegierte, beim
1. DPT 2003 waren es noch 87. In der Folge wurde es immer schwieriger, geeignete Tagungsräume zu finden oder überhaupt Hotels, die solche großen Räume anbieten. Der finanzielle und organisatorische Aufwand stieg entsprechend für die BPtK und die Landeskammern, die die Delegiertenversammlungen ausrichten.

Der 30. DPT verabschiedete deshalb eine Satzungsänderung, die die Zahl der Bundesdelegierten auf 120 begrenzt. Jede Landeskammer erhält künftig zwei Basissitze. Die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer erhält zusätzlich für jedes weitere repräsentierte Bundesland einen Basissitz zusätzlich (2 + 4). Die übrigen Sitze werden, bezogen auf die Zahl der Landeskammermitglieder, nach dem Hare-Niemeyer-Verfahren ermittelt.



Resolutionen des 30. Deutschen Psychotherapeutentages*

Respekt zeigen, Toleranz leben, Demokratie schützen: Die Zunahme von Hass, Bedrohung, Gewalt, Diskriminierung und Entwertung in Äußerungen und im Verhalten in der Öffentlichkeit, im Internet und in der Politik nehmen die Delegierten „mit großer Besorgnis“ wahr. Werte wie Respekt, Toleranz, Solidarität und zwischenmenschliche Empathie seien unverzichtbar für ein Zusammenleben und Grundlage für die Demokratie. Für diese Werte wollen sich die Psychotherapeuten weiter aktiv einsetzen.

Wissenschaftliche Grundlage unverzichtbar: „Zu wissenschaftlich begründeten Forschungsergebnissen gibt es keine Alternative.“ Mit dieser Erklärung wollen die Delegierten den Protest von Wissenschaftlern gegen politisch motivierte Einschränkungen der Freiheit von Wissenschaft und Forschung unterstützen. Die Verwendung von „alternativen Fakten“ lehnen sie entschieden ab. Auch für die Behandlung von psychisch Kranken seien wissenschaftlich begründete und überprüfte Verfahren und Methoden die einzig akzeptable Grundlage.

Versorgung psychisch kranker Flüchtlinge sicherstellen: „Die gesetzlichen Grundlagen stellen keine ausreichende psychotherapeutische Versorgung für psychisch kranke Flüchtlinge sicher“, heißt es in der Resolution. So würden zum Beispiel Psychotherapien in den ersten 15 Monaten des Aufenthaltes von den Sozialbehörden häufig nicht bezahlt. Ebenso selten würden die Kosten für Sprach- und Kulturmittler – die Voraussetzung für eine Psychotherapie mit Flüchtlingen – übernommen, und von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung gar nicht. Auch die Ermächtigungsregelung für psychotherapeutische Privatpraxen und psychosoziale Zentren sei aufgrund der extrem einschränkenden Bedingungen gescheitert.

Absoluter Schutz psychotherapeutischer Gespräche notwendig: Der 30. DPT fordert, das Bundeskriminalamtgesetz dringend zu überarbeiten. Das Gesetz schützt zwar die Gespräche von Geistlichen, Strafverteidigern, Abgeordneten und Rechtsanwälten, aber nicht die von Ärzten und Psychotherapeuten. Die Delegierten fordern, dass auch letztere in die Gruppe der zu schützenden Berufsgeheimnisträger aufgenommen werden.

Bedarfsgerechte psychotherapeutische Versorgung sichern: Die zum 1. April eingeführte psychotherapeutische Sprechstunde und die Akutbehandlung sollen nach einem Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses schlechter honoriert werden als die Richtlinienpsychotherapie. Die Delegierten fordern das Bundesministerium für Gesundheit auf, diesen Beschluss zu beanstanden. Darüber hinaus würden durch die neuen Angebote die Behandlungsplätze für eine Richtlinientherapie noch knapper. „Eine Reform der psychotherapeutischen Bedarfsplanung ist deshalb dringender denn je erforderlich“, heißt es in der Resolution.

* In von der Redaktion gekürzter Fassung

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