ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2017Lindauer Psychotherapiewochen 2017: Angst, Ressentiment, Hoffnung

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Lindauer Psychotherapiewochen 2017: Angst, Ressentiment, Hoffnung

PP 16, Ausgabe Juni 2017, Seite 271

Goddemeier, Christof

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Mit den komplexen Folgen von Flucht und Migration, Anschlägen und Terror – für die Gesellschaft und die Psychotherapie – befassten sich Psychoanalytiker und Philosophen bei der Fortbildungswoche in Lindau am Bodensee.

Mit den Folgen von Flucht und Migration ist Deutschland seit 2015 in bisher nicht gekannter Weise konfrontiert. Foto: dpa
Mit den Folgen von Flucht und Migration ist Deutschland seit 2015 in bisher nicht gekannter Weise konfrontiert. Foto: dpa

Bereits 2013 widmeten sich die Lindauer Psychotherapiewochen dem Thema „Neuen Verunsicherungen begegnen“ – und blieben dabei eher beim „Kerngeschäft der Psychotherapie“, wie Prof. Dr. phil. Verena Kast, St. Gallen, damals zusammenfasste. Inzwischen ist viel geschehen: Seit 2015 ist Deutschland in bisher nicht gekannter Weise mit den Folgen von Flucht und Migration konfrontiert, und mit Anschlägen etwa in Ansbach und Berlin hat der weltweite Terror auch Deutschland erreicht. Gründe genug, sich mit Angst, Ressentiment und Hoffnung auf einem breiten Fundament auseinanderzusetzen.

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Was sollte man einem Kind sagen, das nach der Möglichkeit eines Terrorangriffs fragt, bedenkt Prof. Dr. med. Manfred Cierpka, Heidelberg, zu Beginn und betont das Recht des Kindes auf Entängstigung und Schutz. Eine Antwort könnte zum Beispiel sein: Ein solcher Angriff ist möglich, aber sehr selten.

Das Eigene und das Fremde sind aufeinander bezogen

Dem Eigenen und dem Fremden nähert sich Prof. Dr. med. Joachim Küchenhoff, Basel, im Eröffnungsvortrag. Ihm zufolge sind das Eigene und das Fremde gleich ursprünglich und aufeinander bezogen. Zwar werde die Differenz zwischen beiden konstruiert, sei also nicht in der Sache vorgegeben; dennoch lasse das Fremde sich nicht einfach in Eigenheit überführen. Denn dabei droht eine narzisstisch motivierte Vereinnahmung, die Fremdes nicht mehr als Eigenes neben sich duldet. Die Konstruktion der Differenz zwischen Eigenem und Fremdem verstärkt sich durch Projektion. Auf dem Boden einer einfachen Dichotomie – innen gut, außen schlecht – wird der andere affektgesteuert zum „Feind, Eindringling, Versager“. In Umfragen stimme etwa ein Drittel der Deutschen der Aussage zu, dass Ausländer hierher kommen, um unseren Sozialstaat zu plündern. Einen Ausweg aus solchen Ressentiments erzeugenden Affekten bietet die Anerkennung der eigenen Fremdheit: „Wir sind unsere eigenen Fremden, wir sind gespalten.“ Küchenhoff beharrt auf einer „Unzugänglichkeit des Fremden“ und darauf, dass die Grenze zwischen den anderen und dem Selbst „flüssig bleibt“ und immer wieder neu ausgehandelt wird. Damit entfalle allerdings die Möglichkeit, sich auf Kosten der anderen zu stabilisieren. Küchenhoff plädiert für neugierige Begegnung mit dem Fremden, ohne es aufheben zu wollen, und ermutigt zu „Erfahrungen, die gegen den Strich gehen“.

In ihrem Vortrag zum Leitthema beleuchtet Verena Kast Facetten der Angst – das Unheimliche an ihr, die Todesangst sowie die Angst, das eigene Leben zu verfehlen – und den Umgang damit, etwa Verleugnen, Bannen, Aggression und Destruktion. Komplexität kann überfordern und das Gefühl der Selbstwirksamkeit beeinträchtigen – das mache Angst. Doch Angst ist auch ein wesentlicher Motor unserer Kreativität – laut Kast resultieren alle schöpferischen Prozesse aus Problemen und Fragen. Entängstigend wirken Kontakt, Verlässlichkeit, Bindung, Schutz und „intrapsychische Helfer“. In der politischen Debatte sind Kast zufolge Gruppen mit einfachen Programmen Gruppen mit komplexen Programmen überlegen. Dabei sei es zutiefst unethisch, Ängste zu schüren. Aus einer „Gefangenschaft in der Angst“ resultiere schließlich das Ressentiment: Das Gefühl, immer Opfer zu sein und zu kurz zu kommen, führe zu einer „Verweigerung der Zukunft“. „Automatisiertes Zürnen“ und Feindseligkeit gehen auf schwierige Beziehungserfahrungen zurück – Carl Gustav Jung spricht von „dominierenden Komplexepisoden“. Der Philosoph Max Scheler bezeichnet das Ressentiment als „seelische Selbstvergiftung“. Dabei passieren Veränderungen wie Wetterumschwünge – Kast zitiert die Kulturhistorikerin Rebecca Solnit und ihr Buch „Hoffnung in der Dunkelheit“ (2005). Hier entspricht die Hoffnung der Vorstellungskraft als Potenzial zur Bewältigung schwieriger Lebenssituationen. Kast plädiert für die Vorfreude, denn auch bei Enttäuschung könne sie uns niemand nehmen. Mit Blick auf Ciceros „Dum spiro, spero (Solange ich atme, hoffe ich)“ ist Hoffnung für sie eine Funktion des Lebenden. Dabei gebiert Vertrauen gleichsam die Hoffnung, die Angst und Ressentiment überwindet – „Hoffnung ersäuft die Angst“, sagt der Philosoph Ernst Bloch. Nicht einem „platten Optimismus“ und „Wunschdenken“ redet Kast das Wort, sondern einem „Bezug auf Möglichkeitsräume“, „Klarheit und Fantasie“ sowie einem „Wissen, das es manchmal besser ist als erwartet“.

Vom Fremdenhass in der Gegenübertragung

„Der Hass ist eine lästʼge Bürde“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe. Den Fremdenhass in der Gegenübertragung beleuchtet Prof. Dr. phil. Ralf Vogel, Ingolstadt. Dabei ist der Hass – laut Otto Kernberg ein „negativer Spitzenaffekt“ – aus den Basisaffekten Furcht/Panik, Wut/Zorn, Abscheu/Ekel sowie Überraschung/Erstaunen zusammengesetzt. Laut Vogel gehören zum Hass zudem Arroganz und Überheblichkeit. Zwar diene der Hass der Selbstwertsteigerung und -konsolidierung, doch auch dem Hassenden gehe es nicht gut. Nicht Menschen mit geringem Selbstwertgefühl neigen besonders zum Hass, sondern Menschen mit labilem Selbstwertgefühl. Gut belegt ist der Hass als „Distanzmacher“, der immer mit verminderter Empathie einhergeht (Alessio Avenanti 2010). Der Philosoph Byung Chul Han sieht einen Zusammenhang zwischen Fremdenhass und der Distanzlosigkeit durch den Verlust von Intimität in der globalisierten Welt. Der Abwehr von Hass in der Therapie dienen laut Vogel etwa Langeweile und Müdigkeit, übertrieben altruistisches Verhalten sowie übertriebene Angst vor Suizidalität. Während einer Therapie könne der Klient dem Therapeuten unsympathischer werden. In der Sprache C. G. Jungs gehe es um eine Konfrontation mit dem „Schatten“, dem Verdrängten, Verleugneten, Ungelebten sowie dem Fremden und Dunklen in uns.

Das Fremde kann Angst auslösen und uns faszinieren. Dr. med. Alf Gerlach, Saarbrücken, verweist auf den „Narzissmus der kleinen Differenz“ – uns Unvertrautes fassen wir als Kritik am eigenen Lebensstil auf und reagieren negativ darauf. Zudem erzeuge der wohlwollende Umgang mit in der eigenen Gesellschaft tabuisiertem Verhalten soziale Schuldgefühle. Auch Prof. emer. Dr. med. Wielant Machleidt, Hannover, betont die Ambivalenz dem Fremden gegenüber, die sich in „elysischer Heilserwartung“ und „Angst vor todbringender Apokalypse“ äußern könne. Migration sieht er als „anthropologische Konstante“ („homo migrans“). Ihm zufolge ist das Fremde vor allem eine „Beziehungsdefinition“ und umfasse das Von-weit-her-Sein, das Nichteigene und -zugehörige. Werden Fremde als Eindringlinge in den eigenen Raum wahrgenommen, resultieren „Gruppenkonflikte“ und „Revierreflex“. 1697 bezeichnete der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz Integration als „den Sprachen so nützlich als den Völkern“. Machleidt plädiert für einen „transkulturellen Übergangsraum“, in dem die Annäherung an das Fremde sich „spielerisch“ vollziehe, oszillierend zwischen Angst und Verführung, Nähe und Distanz. Migranten sind ihm zufolge „kulturelle Adoleszenten“ – bei der Integration in die Aufnahmekontexte brauchen sie „gute Ersatzeltern“. Dabei könnten sowohl humanitäre als auch Nützlichkeitserwägungen letztlich zu einer „Win-win“-Situation führen.

In ihrer Analyse der psychischen und interpersonellen Aspekte von Groll und Ressentiment subsummiert Dr. phil. Marga Löwer-Hirsch, Düsseldorf, Groll, Grimm, Hader und Rachsucht als „nachtragende Affekte“. Schuld und Scham seien Folge von Versagen. Ihr zufolge entsteht Scham beim Klienten bereits aus der Therapiesituation, die ihn als hilfsbedürftig ausweise.

Ohnmachtserfahrungen verstärken Überidentifizierung

Mehrere Vorträge beschäftigen sich mit der Situation geflüchteter Menschen in Deutschland, die zunehmend auch psychotherapeutisch behandelt werden. Laut Prof. Dr. med. Georg Romer, Münster, sind 50 Prozent aller Flüchtlinge jünger als achtzehn Jahre. In dieser Gruppe berichten 80 bis 97 Prozent von traumatischen Erfahrungen – vor dem Hintergrund einer meist „unklaren Bleibeperspektive“ eine große therapeutische Herausforderung. Dr. med. Oliver Schwald, Bern, verweist auf die „kumulative Wirkung von Traumatisierung“ (David Becker 2006): Die Ankunft im Aufnahmeland bedeute nicht das Ende der Traumatisierung, sondern leite eine neue traumatische Sequenz ein. In der Therapie verstärken ihm zufolge Ohnmachtserfahrungen die Gefahr der Überidentifikation. Dr. med. Ljiljana Joksimovic, Düsseldorf, plädiert dafür, Erwartungen und Ansprüche Geflüchteter als Ausdruck kultureller Identität und ihres Status als Flüchtlinge zu verstehen. Ihr zufolge erzeugt bei diesen Patienten das größte Leid, dass sie nicht imstande seien, ein „normales Leben zu führen“.

Christof Goddemeier

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