ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2017Literarische Orte: Fantastische Abenteuer

KULTUR

Literarische Orte: Fantastische Abenteuer

Jachertz, Norbert

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Eduard Mörike (1804–1875) liebte Gespenster und ließ gleich einen ganzen Gespensterzug in den Mummelsee hinabsteigen. Dieser genoss seit dem „Simplicissimus“ einen einschlägigen Ruf.

„Ein merkwürdiger Weiher“: Inzwischen ist Mörikes unergründlicher Mummelsee vermessen und maximal touristisch erschlossen. Foto: JürgenWackenhut/stock.adobe.com
„Ein merkwürdiger Weiher“: Inzwischen ist Mörikes unergründlicher Mummelsee vermessen und maximal touristisch erschlossen. Foto: JürgenWackenhut/stock.adobe.com

Nebenbei arbeitete Eduard Mörike 1828 bei der Stuttgarter „Damen-Zeitung“. Der junge Mann kränkelte mal wieder und hatte sich von dem ungeliebten Job als Vikar für ein Jahr beurlauben lassen. Gerne hätte er sich als freier Schriftsteller betätigt, doch er traute sich nicht. Auch dürften ihm die Mutter und die beiden Schwestern, unter deren Fuchtel er stand, eingeheizt haben, die sichere Pfarrerslaufbahn weiter zu verfolgen. Der Test bei dem Damenblatt ging jedenfalls schief. Die Brotschreiberei und der damit einhergehende Zeitdruck lagen Mörike nicht. Den Pfarrdienst beendet er 14 Jahre später. Wegen allerlei psychosomatischer Beschwerden wird er 1843 pensioniert.

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Dank der Beziehung zur „Damen-Zeitung“ erscheint dort 1829 Mörikes Gedicht „Die Geister am Mummelsee“, damals noch unter dem Titel „Der Mummelsee. Gesang zu Zweien“ und der Vorbemerkung: „Der Mummelsee ist ein merkwürdiger Weiher im Schwarzwald, worüber sich das Volk mit manchen Sagen trägt.“ Welche „zwei“ da singen, erfährt der treue Mörike-Leser drei Jahre später, als „Maler Nolten“ erscheint. Das ist ein verschachtelter Roman, in dem es um entsagungsvolle Liebe, unstandesgemäße Liebe und leidenschaftliche Liebe sowie deren Bewältigung mittels der Kunst geht.

Verglichen mit Mörikes Meisterstück „Mozart auf der Reise nach Prag“ (1855) wirkt „Maler Nolten“ als Fingerübung. Denn der Mörike von 1830 packte in das Werk viel zu viel hinein: ein „phantasmagorisches Zwischenspiel“, diverse Gedichte, dazu eine Musikbeilage. Bei dem Zwischenspiel handelt es sich um ein kleines, in sich abgeschlossenes Drama. In dieses wiederum sind die „Geister am Mummelsee“ hineingeschachtelt.

Warten auf Erlösung

Das Dramolett in „Maler Nolten“ trägt den Titel „Der letzte König von Orplid“. Es handelt von einer Amour fou. Sie kulminiert am Mummelsee. Mörike hat ihn in das sagenhafte Land Orplid verlegt, das er und sein Freund Ludwig Bauer während ihrer Studienzeit im Tübinger Stift ersonnen hatten. Es handelt sich um einen idealen Staat auf einer Insel im Pazifischen Ozean. Orplid ist längst untergegangen. Einer überlebte, König Ulmon. Er zählt schon tausend Jahre und kann nicht sterben, solange ihn die Fee Thereile mit ihrer heißen Liebe umgarnt. Nun sitzt er am Ufer des Mummelsees, beobachtet den Zug der Geister und hofft, von ihnen mitgenommen zu werden.

Mörike beschreibt die Szenerie so: „Waldiges Tal. Mummelsee. Im Hintergrund den Berg herab gegen den See schwebt ein Leichenzug von beweglichen Nebelgestalten. Vorne auf einem Hügel der König, starr nach dem Zuge blickend. Auf der anderen Seite, unten, den König nicht bemerkend, zwei Feenkinder.“ Deren „Gesang zu Zweien“ entspricht in etwa dem Gedicht „Die Geister am Mummelsee“.

Mörikes Amour fou

Im Dramolet folgt auf den Dialog der Feenkinder ein verzweifelter Ausruf des Königs Ulmon: „Halt! Halt! Steht! Hier ist der König Ulmon! Ihr habt den leeren Sarg versenkt, o kommt! Ich, der ihn füllen sollte, bin noch hier.“ Zu Ulmons Glück taucht als Dea ex machina das Feenkind Silpelitt auf. Sie schießt einen Pfeil in einen Baum, der die Seele Thereiles symbolisiert. Damit ist deren Wirkung auf Ulmon dahin. Er darf sterben und stürzt „verzückt“ in den See.

Als Mörike am „Maler Nolten“ arbeitete, hatte er gerade eine leidenschaftliche Liebe hinter sich, manche Mörike-Forscher vermuten, es sei seine einzige gewesen. 1823 hatte er in seiner Heimatstadt Ludwigsburg die 21 Jahre alte Maria Meyer kennengelernt. Sie arbeitete als Kellnerin, stand aber im Ruf, eine unstete Pilgerin zwischen den Welten zu sein. Maria war schön, anziehend und noch dazu belesen. Mörike verliebte sich heftig. Die Familie war alarmiert. Die jüngere Schwester, Luise, setzte ihm zu. Mörike brach die Verbindung zu Maria ab und versicherte gegenüber Luise, über diese Liebe hinwegzusein. Liest man aber die Peregrina-Gedichte in „Maler Nolten“, kommen einem Zweifel, zeugen sie doch von Sehnsucht nach der Geliebten und Schuldvorwürfen, sie verlassen zu haben. Doch „Maler Nolten“ lässt auch eine gegenteilige Interpretation zu: Der Dichter kann sich wie König Ulmon nicht aus den Liebesfesseln befreien. Das gelingt erst mithilfe einer guten Fee. So wie Ulmon erlöst im Mummelsee versinkt, kehrt der Dichter in den Schoß der Familie zurück.

Weiß der Himmel, weshalb Mörike den See im Pazifik mit dem Mummelsee im Schwarzwald gleichsetzte. Der echte Mummelsee liegt in über tausend Metern Höhe, ist fast kreisrund, ein „Auge“, umgeben von dunklen Tannen, dem Volksglauben zufolge unergründlich tief – also bestens geeignet als Heimat von Wassergeistern, Undinen und Rusalken. Mörike wird ihn gekannt haben, wenn er, der über seine engere Heimat nicht hinauskam, ihn auch nicht besucht haben dürfte. Doch wird er das dramatische Bild des Mummelsees von Athanasius Kirchner vor Augen und den „Simplicissimus“ im Ohr gehabt haben. Kirchners Mundus subterraneus (1678) war gebildeten Kreisen zu Mörikes Zeiten geläufig, der „Simplicissimus“, gekürzt um die drastischen Szenen, als Volksbuch bekannt. Man wusste freilich nicht, wer ihn verfasst hatte. Mörikes Freund Ulrich Kern wirkte an der Enträtselung des Autors Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen mit und bearbeitete dessen Buch wissenschaftlich.

Der „Simplicissimus“ erschien 1668. Eine der angeblich wahren Geschichten betrifft den Mummelsee. Simplicissimus steigt vom Rheintal – Grimmelshausen wohnte, als er den „Simplicissimus“ schrieb, im Renchtal bei Offenburg – zum Mummelsee auf. Dort wirft er einen eigenartig schweren Stein ins Wasser und lockt so die Wassergeister hervor. Der See öffnet sich und der Fürst vom Mummelsee geleitet unseren Simpl in die Tiefe. Seen wie der Mummelsee reichten bis zum Mittelpunkt der Erde, berichtet Simplicissimus. Dort, wo alle unergründlichen Seen der Erde endeten, lebe der König der Unterwelt. Weil die Seen im Erdmittelpunkt zusammenkämen, könne man im Schwarzwald hinab und irgendwo auf der Erde wieder hinauf kommen. Simplicissimus zieht den Rückweg zum Mummelsee vor.

Mittlerweile wurde die Tiefe des Sees ausgelotet – 18 Meter. Auch sonst hält der See nicht, was Mörike und Grimmelshausen erwarten lassen. Die B 500, bekannter als Schwarzwaldhochstraße, führt vorbei. Eine prima Piste für Biker. Linienbusse aus Baden-Baden, Freudenstadt und Achern steuern den See an. Die Ufer sind maximal touristisch erschlossen, barrierefrei zu umrunden, ein überdimensioniertes Hotel, Tretboote, Gulaschsuppe, Schwarzwälder Kirsch. Der reale Mummelsee. Der Mörike-Mummelsee liegt hingegen in der Fantasie. Nur im Kopf existieren See und Gespenster. Ist das weniger real als die Realität?

Norbert Jachertz

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät

Mit Fackeln so prächtig herunter?

Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?

Mir klingen die Lieder so munter.

O nein!

So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Todtengeleit,

Und was du da hörest, sind Klagen.

Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,

Sie bringen ihn wieder getragen.

O weh!

So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter in‘s Mummelseethal -

Sie haben den See schon betreten -

Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal -

Sie schwirren in leisen Gebeten -

O schau,

Am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Thor;

Gib acht, nun tauchen sie nieder!

Es schwankt eine lebende Treppe hervor,

Und – drunten schon summen die Lieder.

Hörst du?

Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!

Sie spielen in grünendem Feuer;

Es geisten die Nebel am Ufer dahin,

Zum Meere verzieht sich der Weiher -

Nur still!

Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten – o Himmel! ach hilf!

Nun kommen sie wieder, sie kommen!

Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;

Nur hurtig, die Flucht nur genommen!

Davon!

Sie wittern, sie haschen mich schon!

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