ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1999Funktionelle Atemstörungen - Das Hyperventilationssyndrom: In der Regel Panikreaktionen

MEDIZIN: Diskussion

Funktionelle Atemstörungen - Das Hyperventilationssyndrom: In der Regel Panikreaktionen

Dtsch Arztebl 1999; 96(38): A-2367 / B-2023 / C-1899

Rendenbach, Ulrich

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Jörg M. Herrmann und Prof. Dr. med. Andreas Radvila in Heft 11/1999
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LNSLNS Da es beim akuten Anfall in der Regel zu einer Panikreaktion mit erheblicher Einengung intellektueller Fähigkeiten kommt (wie die Autoren unter zerebrale Symptome selbst angeben), kann die (kleine) Psychotherapie, sogar das einfache Beruhigen, nicht greifen.
Im Gegensatz zu der Meinung der Autoren ist die Therapie der Wahl ambulant, im Notfalldienst, beim akuten Anfall Diazepam i. v., denn Angst (Panik) ist eine emotionale Reaktion auf eine reale oder irreale Gefahr, die zu Anspannung, Nervosität, innerer Unruhe, Beengung und Verzweiflung führt. Wille und Verstand als Steuerfunktion versagen, die Umwelt wird fehlgedeutet; Handlungen sind nicht angemessen, sie enden maximal in Panik. Krankheitswert erhält die stärkere Angst, weil sie zu einer erhöhten Aktivität des vegetativen Nervensystems führt: Herzklopfen, Schwitzen, Tachypnoe bis zur Hyperventilationstetanie, Übelkeit, Zittern. Patient und Angehörige halten diese Symptome für die Krankheit selbst und rufen mit unterschiedlichen Diagnosen den (Dienst-)Arzt, der nur mit Geduld die psychosomatische Genese klären und entsprechend handeln kann. Die Hyperventilationstetanie ist für den Kranken und seine Angehörigen ein subjektiv bedrohlicher Zustand. Daher wird (zu) oft der Notarzt über 112 alarmiert. Die Anxiolyse erreicht man nicht durch Emotionsänderung, sondern medikamentös (Diazepam) wird die Vigilanz gedämpft. Dadurch werden Sinneseindrücke aus der Umwelt gleichmäßiger wahrgenommen, ihre Verarbeitung erfolgt entspannter, Handlungen sind ausgeglichener. Insgesamt wird eine Entfernung zur Angst erzeugt. Diese selbst und auch die auslösende Ursache werden nicht beeinflußt (Vorstellung beim Hausarzt, der nach dem akuten Anfall beim ruhigen Patienten die von den Autoren zu Recht angeführte Aufklärung durchführen muß). Erkauft wird die Anxiolyse akut durch eine Bewußtseinsminderung, die auch (unerwünscht) logisches Denken und sensomotorische Funktionen beeinträchtigt. !
Andere Therapien sind weniger wirksam und nicht von Dauer, zum Beispiel Rückatmung in eine Plastiktüte (Erhöhung des alveolären pCO2). Die Methode stößt stets auf Ablehnung, da der Patient ohnehin schon Angst hat. Außerdem wird damit die Angst und/oder der psychische Streß, die auslösende Ursache, nicht beseitigt, was bedeutet, daß die Symptome rasch wiederkehren und zum Schluß dennoch die unnötige Krankenhauseinweisung erfolgt . . .


Literatur
1. Rendenbach U: Hausärztliche Notfälle. In: Kruse W: Lehrbuch für Allgemeinmedizin, Berlin: W. de Gruyter, 1995.
2. Rendenbach U: Ärztlicher Notfalldienst. Heidelberg: Springer 1998.


Dr. med. Ulrich Rendenbach
Arzt für Allgemeinmedizin
Marktstraße 7
37115 Duderstadt


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