POLITIK

Unabhängige Patientenberatung: Kritik an Betreiber reißt nicht ab

Dtsch Arztebl 2017; 114(24): A-1174 / B-980 / C-958

Beerheide, Rebecca

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Weniger persönliche Beratungen, keine Hausbesuche und undurchsichtige Geschäftsbeziehungen: Die Grünen kritisieren Vorgänge bei der UPD.

Callcenter statt persönlicher Beratung? Die Grünen kritisieren die Abläufe bei der Unabhängigen Patientenberatung (UPD). Foto: picture alliance
Callcenter statt persönlicher Beratung? Die Grünen kritisieren die Abläufe bei der Unabhängigen Patientenberatung (UPD). Foto: picture alliance

Die Unabhängige Patientenberatung (UPD) kommt nach eineinhalb Jahren unter dem neuen Betreiber Sanvartis nicht aus der Kritik heraus. Nachdem im vergangenen Herbst bekannt wurde, dass die Beratungsleistungen noch nicht an die Menge der früheren Betreiber heranreichen, wird offenbar nun deutlich, dass die Zahl der Beratungen vor Ort deutlich zurückgegangen sind. Nach Angaben der Bundesregierung gab es 2016 zu 91,6 Prozent telefonische Beratungen, in nur zwei Prozent der Fälle war dies ein persönliches Treffen vor Ort. 1,7 Prozent der Beratungen fanden in UPD-Mobilen vor Ort statt. Die Beratung bei Ratsuchenden zu Hause – ein Versprechen, das im Vergabeverfahren als besonders innovativ angesehen wurde – hat offenbar noch gar nicht stattgefunden.

In der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen gibt es hierzu keine Angaben. Nach Berechnungen der Grünen sind die Beratungen vor Ort um 80 Prozent im Vergleich zu den vorherigen Betreibern zurück gegangen. „Sanvartis hat die UPD in ein anonymes Callcenter verwandelt und unterscheidet sich kaum mehr von den üblichen Beratungsangeboten der Kassen“, sagt Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen.

Rückblick: Die UPD wurde als Modellprojekt in der rot-grünen Regierungszeit im Jahr 2000 gestartet. 2011 wurde sie Teil der Regelversorgung, seit Anfang 2016 organisiert mit der Sanvartis AG erstmals ein Unternehmen eine aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement entstandene Organisation. Die bisherigen Betreiber – der Sozialverband VdK Deutschland, die Verbraucherzentrale Bundesverband sowie der Verbund unabhängiger Patientenberatung – sind bei einer europaweiten Ausschreibung nicht zum Zug gekommen. Bis 2022 zahlen die Krankenkassen pro Jahr neun Millionen Euro für die UPD, zwei Millionen mehr als zuvor. Die Kritik an der Sanvartis AG bezieht sich auf die Callcenter-Dienstleistungen, die sie für Pharmaunternehmen, Kassen oder Kassenärztliche Vereinigungen anbietet. Auch Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung hatten das Vergabeverfahren kritisiert.

Unklare Geschäftsbeziehung

Kritisch werden außerdem die unklaren Geschäftsbeziehungen zwischen Sanvartis und der UPD betrachtet. Vonseiten der UPD-Betreiber und der Geschäftsführung wird die Unabhängigkeit betont. Allerdings werden Telefonanrufe zu Stoßzeiten an ein sogenanntes „Überlaufteam“ weitergeleitet, deren Mitarbeiter bei Sanvartis angestellt sind. 2017 wurden im Januar 238 weitergereichte Anrufe gezählt, im März landeten 2 712 Anrufe zunächst beim Überlaufteam.

Außerdem gab es bis Februar 2017 Kommunikationsschulungen für Mitarbeiter der UPD, die ebenfalls von Sanvartis angeboten wurden. Seit März 2017 werden diese Schulungen intern durchgeführt, erklärt die Bundesregierung. Nach deren Darstellung habe „die Auditorin die Tätigkeiten des Überlaufteams geprüft und keine Verstöße gegen Neutralität und Unabhängigkeit festgestellt“. Gleiches gelte für die Schulungsunterlagen. Der Posten eines Auditors wurde nach der Kritik an der Vergabe vom zuständigen Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), eingerichtet.

Seit dem Start ihrer Tätigkeit im September 2016 hat Auditorin Gabriele Fellermayer 38 Prüfungen durchgeführt. Laut ihrem Bericht an den Gesundheitsausschuss wurden zwar keine Verstöße festgestellt. „Jedoch wurden von der Auditorin Empfehlungen gegeben, die sich vor allem auf eine verbesserte Organisation und Eigenständigkeit der UPD bezogen“, heißt es in dem Dokument vom März 2017, das dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt.

Welche Finanzmittel für Schulungen oder das „Überlaufteam“ zwischen UPD und Sanvartis fließen, dazu gibt die Bundesregierung keine Auskunft. Auch bei Gesprächen im Ausschuss für Gesundheit konnten Bundestagsabgeordnete keine Informationen erhalten: „Ebenso wie in der Kleinen Anfrage blieb unklar, wie viel Sanvartis durch die von der UPD erteilten Aufträge verdient“, sagte Grünen-Politikerin Klein-Schmeink dem Deutschen Ärzteblatt.

Rebecca Beerheide

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