ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1996Paderborn: Zwischen König und Computer

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Paderborn: Zwischen König und Computer

Dressler, Günther

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LNSLNS Endlich tritt Er hervor, umdrängt von dichtem Gefolge, Europas ehrwürdiger Leuchtturm schreitet ins Freie. Herrlich leuchtet das Angesicht, strahlt die Gestalt; auf seinem edlen Haupt trägt einen Reif kostbaren Goldes König Karl, alle überragt sein hoher Wuchs." So überschwenglich preist der Dichter im "Paderborner Epos" Karl den Großen, als der im Jahre 799 in seiner Pfalz an den Paderquellen weilt und dem aus Rom geflohenen Papst Leo III. Schutz und Bleibe bietet. Über Monate sind König und Papst im Gespräch; dann sind die Weichen gestellt für die Restauration des weströmischen Kaisertums. Zurück in Rom und mit seinen Gegnern ausgesöhnt, krönt Leo an Weihnachten 800 den Frankenkönig Karl zum Kaiser. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation hat in Paderborn seinen geistig-politischen Ursprung.
Über tausend Jahre später steht Paderborn ein zweiter Papstbesuch ins Haus. Johannes Paul II. wird am 21. Juni auf dem nahen Regionalflughafen einschweben und, von Bundespräsident Herzog geleitet, die zwölfhundertjährige ostwestfälische Domstadt besuchen. Nur wenige der zahlreichen historischen Sehenswürdigkeiten, die Paderborn als Reiseziel auszeichnen, wird der Papst besichtigen können – gewiß aber die Bartholomäuskapelle von 1017, älteste Hallenkirche nördlich der Alpen, den mächtigen romanischgotischen Dom und die in den 1970er Jahren wiedererrichtete ottonisch-salische Kaiserpfalz. (Das Museum in der Kaiserpfalz zeigt unter anderem Grabungsfunde aus karolingischer Zeit). Vor dem bruchsteinernen Saalbau die Mauerreste der älteren karlinischen Residenz; im Vorhof, unter einem Überbau konserviert, der Stufensockel eines Freithrons Karls des Großen – jenes Herrschers, dem der frühe Vorgänger des heutigen Pontifex maximus die Kaiserkrone aufs Haupt setzte.
Vielleicht wird der Papst – wie Tausende Touristen, die das Jahr über nach Paderborn kommen – nach der Bedeutung des Stadtnamens fragen. Er leitet sich her von Padarbrunna: Brunnen (Quell) des Paderflusses. Ein Flüßchen ist sie eher, die nur vier Kilometer lange Pader, doch reich an Quellen wie kein anderes vergleichbares deutsches Gewässer. Wer Geduld hat, wird über zweihundert zählen, zusammen schütten sie bis zu 9 000 Litern in der Sekunde.
Wer nicht ins Besuchsprotokoll eingespannt ist wie ein Papst oder ein Bundespräsident, mag sich Zeit nehmen für einen längeren Spaziergang in den Grenzen der alten Stadtmauer. Am Wege liegen: die Busdorfkirche mit romanischem Kreuzgang; das Erzbischöfliche Palais von 1716, ein Frühwerk des großen westfälischen Barockbaumeisters Johann Conrad Schlaun; das eindrucksvolle Ensemble von Theologischer Fakultät, Gymnasium Theodorianum und Jesuitenkirche; das dreigiebelige Rathaus von 1616, ein Prachtbau der Weserrenaissance; die romanische Abdinghofkirche über den Paderquellen. In der belebten Westernstraße ein architektonischer Kontrapunkt zur funktionalen Stadtgestalt der 1990er Jahre: die Franziskanerkirche mit ihrer Fassade in römischem Barock, einer malerischen Treppenanlage und einem "Kump" (Brunnen), aus dem die Paderborner früher ihr Wasser schöpften. Stadtabwärts (Paderborn erwandert man in Höhenlagen zwischen 347 und 94 Metern über NN) die frühere Domdechanei (heute Stadtbibliothek) und eine lauschige Zeile von restaurierten Fachwerkhäusern. Das älteste hier erhaltene Exemplar dieser Gattung ist das Adam-und-EvaHaus aus dem 16. Jahrhundert. Es beherbergt das Museum für Stadtgeschichte.
Natürlich hat Paderborn auch einen Schutzheiligen: St. Liborius. Seine Gebeine überführte man 836 von Le Mans in das junge Bistum im damaligen Sachsen. Die Legende erzählt, ein Pfau habe der Prozession den Weg gewiesen; nach Erreichen des Ziels sei er, entkräftet, tot umgefallen. Als Symbol der Opferbereitschaft begegnet uns der Pfau mehrmals in plastischen Darstellungen an Gebäuden wie auf Straßen und Plätzen Paderborns. In der Domschatzkammer des Diözesanmuseums schimmert unter Glas der kunstvoll gearbeitete goldene Liborischrein von 1627. Einmal imJahr, zur "Libori-Woche", trägt man ihn hinüber in den Dom; dort bleibt er mit den Gebeinen des Heiligen vier Tage lang ausgestellt. Ganze neun Tage aber feiern Paderborner und Gäste aus nah und fern "Libori", ein Kirchen- und Volksfest, bei dem sich halb Europa ein Stelldichein gibt. Heimatverbunden und traditionsbewußt ist man in dieser Stadt, doch zugleich weltoffen und zukunftsorientiert. Ein führender deutscher High-Tech-Konzern hat hier seinen Sitz, und die noch junge Paderborner Universität hat sich auf etlichen Technologiefeldern einen Namen geschaffen. Carolus Rex und Computer – dazwischen liegt vielerlei, was den Besuch Paderborns zum spannenden Vergnügen macht. Günther Dressler
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