ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2017Prof. Dr. med. Gerhard Trabert, Allgemeinarzt, Sozialpädagoge und Gründer des Vereins „Armut und Gesundheit“: Armutsmedizin darf sich nicht etablieren

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Prof. Dr. med. Gerhard Trabert, Allgemeinarzt, Sozialpädagoge und Gründer des Vereins „Armut und Gesundheit“: Armutsmedizin darf sich nicht etablieren

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Seit 30 Jahren setzt sich Prof. Dr. med. Gerhard Trabert für Menschen ein, die in Not geraten sind. Doch individuelle Hilfe ist für ihn nur die eine Seite der Medaille. Ebenso unermüdlich weist er auf gesellschaftliche Missstände hin. Denn seine Arbeit ist für ihn Erfüllung und Mission zugleich.

Aufsuchende Hilfe: Gerhard Trabert versorgt Menschen in Not, nicht nur in Deutschland, sondern auch bei Auslandseinsätzen wie hier in Pakistan. Foto: privat
Aufsuchende Hilfe: Gerhard Trabert versorgt Menschen in Not, nicht nur in Deutschland, sondern auch bei Auslandseinsätzen wie hier in Pakistan. Foto: privat

Müsste man Prof. Dr. med. Gerhard Trabert (60) mit drei Worten charakterisieren, wären „bescheiden“, „demütig“ und „beharrlich“ die treffendsten. Diese Eigenschaften treiben den Allgemeinarzt und Diplom-Sozialpädagogen seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn an, sich der medizinischen und psychosozialen Versorgung von Menschen in Notsituationen zu widmen. Der Keim, Ungerechtigkeiten nicht einfach hinzunehmen, wurde bereits in der Kindheit gelegt. Als kleiner Junge begleitete er seinen Vater oft ins Waisenhaus, in dem dieser als Erzieher tätig war. Das Schicksal der Waisenkinder ging ihm, dem Privilegierten, nahe. „Daraus entstand das tiefe Bedürfnis, als Erwachsener etwas gegen die soziale Benachteiligung von Menschen zu tun“, erklärt Trabert.

Geradlinig war seine berufliche Laufbahn dennoch nicht. Nach Hauptschulabschluss und Fachabitur studierte Trabert zunächst Sozialpädagogik. Die Arbeit im Krankenhaussozialdienst weckte in ihm jedoch den Wunsch, auch noch Medizin zu studieren. Mithilfe eines Begabtenstipendiums des Evangelischen Studienwerks Villigst konnte er dies zwischen 1983 und 1989 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz auch umsetzen.

Mit eiserner Disziplin

„Es war ein steiniger Weg bis dahin“, räumt Trabert ein. Geholfen haben ihm dabei seine eiserne Disziplin und ein gesundes Selbstbewusstsein, das er nicht zuletzt aufgrund seiner sportlichen Erfolge als jugendlicher Leichtathlet entwickelt hatte. So gewann er unter anderem die Silbermedaille im 4-mal-400-Meter-Lauf bei den Leichtathletik-Junioreneuropameisterschaften 1975 in Athen sowie zwei Jahre später die Bronzemedaille in derselben Disziplin bei der Universiade in Sofia.

Engagement für Obdachlose

In seiner Dissertation zur „Gesundheitssituation und medizinischen Versorgung von wohnungslosen Menschen“ spannte Trabert den Bogen zwischen seinen beiden beruflichen Werdegängen. Geweckt wurde sein Interesse an dem Thema, während er in einem Heim für Wohnungslose eine Sportgruppe leitete. „Nach Abschluss der Dissertation war für mich klar, dass daraus auch ein konkretes Engagement erwachsen muss“, erklärt Trabert.

Ein Auslandseinsatz in Indien, den er während seines Medizinstudiums absolviert hatte, brachte ihn auf die Idee, das Konzept der aufsuchenden medizinischen Betreuung, das er dort kennengelernt hatte, auf Deutschland zu übertragen. Mittels Daten und Fakten konnte er die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz von der dringenden Notwendigkeit eines kostenfreien niedrigschwelligen Versorgungsangebots überzeugen. 1994 erhielt Trabert als erster Arzt in Deutschland die offizielle Ermächtigung zur Behandlung von Wohnungslosen, bekannt auch als „Mainzer Modell“.

„Zunächst bin ich immer nur mit meinem Arztköfferchen losgezogen, ab 1997 dann mit dem ,Arztmobil‘, um das Versorgungsangebot ausweiten zu können“, erinnert sich Trabert. Als Träger fungiert der von ihm gegründete Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“, dessen Vorsitzender er bis heute ist.

Doch obgleich es für Trabert selbstverständlich ist, sozial benachteiligten Menschen zu helfen, ärgert er sich, dass es in einem Land wie Deutschland nicht möglich ist, sämtliche Bevölkerungsgruppen in das reguläre Gesundheitssystem zu integrieren. Der Umgang mit kranken und armen Menschen ist für ihn zugleich der Maßstab, an dem sich ein demokratisch-humanistischer Staat und seine Gesellschaft messen lassen müssen.

Ressourcen richtig verteilen

„Im Grunde ist es ein Skandal, dass es einen Verein wie meinen schon so lange gibt“, betont er. Selbstkritisch merkt er an, dass sein Engagement keinesfalls dazu führen dürfe, Armutsmedizin hierzulande zu etablieren. „Das wäre der falsche Weg, denn es sind ausreichend Ressourcen für eine Basisversorgung aller hier lebenden Menschen vorhanden. Sie müssten nur richtig verteilt werden.“

Doch statt kleiner würden die Versorgungslücken immer größer, da sich immer mehr Menschen eine Krankenversicherung nicht mehr leisten könnten. Inzwischen betreuen Trabert und seine Mitstreiter im Arztmobil und der 2013 von ihm in Mainz gegründeten Poliklinik nicht mehr nur Wohnungslose, sondern zunehmend auch Selbstständige und Kleinunternehmer ohne Versicherungsschutz, alleinerziehende Mütter, Haftentlassene oder Menschen ohne offizielle Papiere.

Wenn Trabert hierüber spricht, wird deutlich, dass hinter dem unermüdlichen Helfer auch ein hartnäckiger Kämpfer steckt. Er selbst sieht sich vor allem als Menschenrechtler und Aktivist, der neben seinem medizinischen Engagement immer wieder seine Finger in strukturelle Wunden und Entwicklungen legen möchte. „Geht nicht, gibt es bei mir nicht“, betont er.

Antrieb und Ideen holt Trabert sich auch bei seinen Auslandseinsätzen, da es ihm auch ein Anliegen ist, Armut global zu bekämpfen. Er empfindet es zugleich als Privileg, als Arzt in fremde Kulturen eintauchen und dort eine Zeit lang tätig sein zu dürfen. Neben Hilfseinsätzen in Indien, Bali, Grönland oder auf den Cook-Inseln führt ihn sein Engagement hauptsächlich nach Asien und Afrika. So war er jüngst auch in Nordsyrien, unter anderem in einer Rehaeinrichtung für verletzte kurdische Kämperinnen und Kämpfer in Qamishlo.

Besonders beeindruckt hat Trabert in dem Kriegsgebiet der respektvolle und fürsorgliche Umgang der Menschen miteinander. „Ich habe noch nie zuvor einen solchen Ort, eine solche zwischenmenschliche Atmosphäre, einen solchen Spirit kennenlernen und erfahren dürfen. Und dies bei all der Tragik des spürbaren Grauens des Krieges“, berichtet er. Verletzte und Kranke würden nicht ausgesondert, sie gehörten dazu und seien Garant für die Freiheit.

Wesentlich hierfür sei, so sein Eindruck, dass in der nordsyrischen Provinz Mitbestimmung auf Basis einer demokratischen Grundordnung quer durch alle gesellschaftlichen Ebenen sowie von Frauen und Männern gleichermaßen möglich sei und auch konkret gelebt werde. Dies alles trage dazu bei, dass es den dort lebenden Menschen gelänge, Optimismus und eine lebensbejahende Freude zu entwickeln und ihre Traumata zu verarbeiten.

Solidarität mit Syrien

Diese Grundstimmung sei auch in den Militär- und Zivilkrankenhäusern sowie den Flüchtlingslagern in der Region spürbar, in denen die Beschäftigten unter schwierigsten Bedingungen arbeiteten, da es an wichtigen medizinischen Geräten und Medikamenten mangele. „Die Gesundheitseinrichtungen, speziell die noch vorhandenen Krankenhäuser, benötigen dringend unsere Solidarität und unsere materielle und finanzielle Unterstützung“, mahnt Trabert.

Dort wie auch in weiteren Krisenregionen der Erde hat er Armut gleichwohl in erster Linie als physisches Problem erfahren, sei es in Form von Hunger oder anderen existenziellen Bedrohungen. Hierzulande dagegen würden sozial benachteiligte und traumatisierte Menschen oft psychisch ausgegrenzt, da sie nicht als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft gelten, moniert er. Das spiegele sich auch im deutschen Gesundheitssystem wider, das viel zu somatisch ausgerichtet sei. Die psychotherapeutische und psychosoziale Betreuung komme viel zu kurz und müsse dringend ausgebaut werden, fordert Trabert: „Ein erster wichtiger Schritt wäre, den Betroffenen authentisch zuzuhören und ihnen damit zu vermitteln, dass ihr Schicksal und ihre Traumatisierung gesehen und ernst genommen werden.“

Um sich selbst immer wieder zu erden und Kraft für seine Arbeit zu schöpfen, geht Trabert regelmäßig in den Weinbergen rund um seine Heimatstadt Selzen bei Mainz joggen. Darüber hinaus begeistert er sich für den Paartanz oder holt sich Inspirationen für neue Projekte und Ideen gerne auch bei seinen vier Kindern.

Petra Spielberg

Zur Person

Foto: dpa
Foto: dpa

Gerhard Trabert (60) sieht seine Berufung darin, in medizinischen Grenzbereichen zu arbeiten, um kranken und sozial benachteiligten Menschen ein Stück Würde zurückzugeben. Das ist auch das Ziel seines Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“. Für sein humanitäres Engagement im In- und Ausland hat er zahlreiche Ehrungen erhalten, darunter das Bundesverdienstkreuz und die Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft. Trabert ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Fachartikel und Bücher rund um das Thema Armut und Gesundheit sowie von Kinderbüchern über Krebs. 2003 gründete er den Verein „Flüsterpost – Hilfen für Kinder krebskranker Eltern“. Seit 2009 hat er eine Professur für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden inne.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Kennen Sie unsere Fachgebiet-Newsletter?

  • Dermatologie
  • Diabetologie
  • Gastroenterologie
  • Gynäkologie
  • Infektiologie
  • Kardiologie
  • Neurologie
  • Onkologie
  • Ophthalmologie
  • Pädiatrie
  • Pneumologie
  • Psychiatrie
  • Rheumatologie + Orthopädie
  • Urologie

Stellenangebote