POLITIK

Krankenhäuser: Der Markt ist in Bewegung

Dtsch Arztebl 2017; 114(26): A-1296 / B-1078 / C-1056

Osterloh, Falk

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Um ihr Krankenhaus finanziell zu sanieren, suchen derzeit viele Geschäftsführer ihr Heil in einer Fusion. Doch Fusionen führen nicht automatisch zum Erfolg, warnen Experten. In jedem Fall führen sie jedoch zu einer weiteren Konzentration auf dem Krankenhausmarkt.

Sebastian Krolop (links) und Boris Augurzky bei der Präsentation des Krankenhaus Rating Reports auf dem Hauptstadtkongress in Berlin. Foto: WISO / Schmidt-Dominé
Sebastian Krolop (links) und Boris Augurzky bei der Präsentation des Krankenhaus Rating Reports auf dem Hauptstadtkongress in Berlin. Foto: WISO / Schmidt-Dominé

Seit Jahren steht der deutsche Krankenhausmarkt unter finanziellem Druck. Die Folge: Etwa 30 Prozent der Krankenhäuser (nach Standorten) schrieben im Jahr 2015 rote Zahlen, wie es im aktuellen Krankenhaus Rating Report 2017 heißt. Im Kampf um das wirtschaftliche Überleben ihres Hauses müssen sich die Geschäftsführer bewegen. Auf dem Berliner Hauptstadtkongress Mitte Juni erklärten einige von ihnen, in welche Richtung der Markt tendiert.

Eine Fusion erscheine für viele Krankenhäuser attraktiv, um sich finanziell besser aufzustellen, erklärte Dr. rer. pol. Christian Heitmann von dem Unternehmen zeb, das Krankenhäuser bei der Planung und Durchführung von Fusionen berät. So sei der Markt derzeit in massivem Aufruhr. Im vergangenen Jahr habe es 20 Fusionen und Transaktionen in Deutschland gegeben, so Heitmann: 13 Transaktionen, also Käufe oder Übernahmen eines Krankenhauses durch ein anderes, und sieben Fusionen. Zudem gebe es viele Meldungen darüber, dass Krankenhäuser eine Fusion in Betracht ziehen. „Die Anzahl der Fusionen selbst ist da nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Heitmann.

Neue Konstellationen

„Wir erleben derzeit, dass der Markt nicht mehr so funktioniert wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten“, fuhr Heitmann fort. „Früher wurde ein kommunales Haus automatisch an einen privaten Träger verkauft. Jetzt gehen kommunale Häuser miteinander oder kommunale und konfessionelle fusionieren.“ Oder Universitätskliniken gingen in die Fläche. „Sie sind sehr aktiv in der Grund- und Regelversorgung“, erklärte Heitmann. „Und wir erleben, dass private Träger stärker selektieren: Es wird nicht mehr automatisch jedes kommunale Krankenhaus gekauft.“

Ein Beispiel für die Aktivitäten von Universitätsklinika gab Dr. rer. pol. Christoph Hoppenheit, der Kaufmännische Direktor des Universitätsklinikums Münster. „In Münster ist eine Gruppe von drei Krankenhäusern in die Insolvenz gegangen“, sagte er. Das Universitätsklinikum habe eines dieser Häuser übernommen. „Mit dem alten Krankenhaus hatten wir traditionell einen Austausch von Patienten, den wir erhalten wollten“, nannte Hoppenheit als Motiv. „Wir haben schon immer die komplexen Fälle aus diesem Haus bekommen.“ Bei der Zusammenarbeit zwischen Universitätskliniken und anderen Krankenhäusern gehe es zudem um den Austausch von Assistenzärzten, die in kleineren Häusern lernen könnten, was sie in Unikliniken nicht lernen.

Markus H. Funk, Geschäftsführer der kommunalen Hessing Stiftung aus Augsburg, hob die Erfolgsfaktoren einer Krankenhausfusion hervor. „Durch Fusionen erhält man die Möglichkeit, schnell im Sekundär- und Tertiärbereich Synergie- und Skaleneffekte zu erzielen: im Einkauf, in der Verwaltung, der Logistik und der Reinigung“, sagte er. „Aber ist das wirklich ein Kernerfolgsfaktor einer Fusion? Das Kerngeschäft eines Krankenhauses ist nicht die Reinigung.“

Entscheidend für eine Fusion sei es stattdessen, Gemeinsamkeiten zu entwickeln: gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Strategie. „Wenn man vier kommunale Krankenhäuser zu einem Verbund zusammen-bringt, werden die Vertreter der einzelnen Häuser darauf bestehen, zum Beispiel die Frauenklinik im eigenen Haus zu behalten.“ Erfolgreich sei eine Fusion dann, wenn man es schaffe, diese Themen in den Griff zu bekommen. Dabei müsse man versuchen, Ansatzpunkte für eine gemeinsame Unternehmenskultur zu finden. Und das funktioniere nur über Kompromisse. Ein Erfolgsgarant sei eine Fusion jedoch in keinem Fall.

Dieser Ansicht war auch Christian Heitmann von zeb. Viele Krankenhausmanager würden sich vor einer Fusion keine ausreichenden Gedanken über die wirtschaftliche und medizinische Strategie des neuen Unternehmens machen. „Sie wollen nur groß werden“, so Heitmann. „Einfach nur der Größe willen zu fusionieren, hat aber keinen Zweck.“ Aus seiner Sicht sind Krankenhäuser mit weniger als 500 Betten heutzutage für den Alleinbetrieb zu klein. Und Verbünde in regionaler Struktur sollten weit über 1 000 Betten haben.

Immer mehr große Gruppen

Einer der Treiber für Fusionen ist die unzureichende Investitionskostenfinanzierung durch die Bundesländer, meinte Christoph Hoppenheit vom Universitätsklinikum Münster. Dem Krankenhaus Rating Report zufolge betrug die Förderlücke 2015 etwa 2,6 Milliarden Euro. „Vor allem kleine Krankenhäuser haben große Probleme aufgrund der mangelnden Investitionskostenfinanzierung“, sagte Hoppenheit. In Nordrhein-Westfalen gebe es an vielen Orten Krankenhäuser, die zum Teil mit einer katastrophalen Substanz arbeiten müssten.

Thomas Isenberg, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, prognostizierte, dass die Bundesländer aus sich heraus ihrer Verpflichtung zur Finanzierung der Investitionskosten nicht nachkommen würden. Denn die Krankenhäuser, für die die Länder das ihnen zur Verfügung stehende Geld ausgeben könnten, konkurrierten immer mit anderen Bereichen, zum Beispiel Kitas oder dem Wohnungsbau.

Der Vorsitzende der Interessenvertretung kommunaler Krankenhäuser, Bernhard Ziegler, sprach sich für eine Zusammenführung von Krankenhäusern aus. „Es gibt zu viele kleine Einheiten in Deutschland“, sagte er. „Ich bin ein großer Freund von Leistungskonzentrationen. In unserem Landkreis mit 140 000 Einwohnern gab es früher drei Krankenhäuser. Jetzt gibt es ein großes Krankenhaus. Das sind zukunftsfähige Strukturen.“ Das müsse man der Bevölkerung und den Aufsichtsgremien von kommunalen Häusern klarmachen.

Dr. Rainer Norden, Vorstand der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, prognostizierte, dass sich die Krankenhauslandschaft in Deutschland in der Folge des staatlich organisierten Wettbewerbs auf dem Weg in eine Oligopolisierung befinde. Es werde immer mehr große Gruppen geben.

Der Krankenhaus Rating Report zeigt, dass sich die Zahl der Krankenhäuser im Jahr 2015 weiter reduziert hat: um 1,2 Prozent auf 1 956. Die Zahl der Betten sank leicht, jedoch erstmals auf unter 500 000. Die Krankenhausdichte variiert regional recht deutlich. In Sachsen kommen auf 10 Millionen Einwohner 179 Krankenhäuser, in Berlin 181. Auf der anderen Seite der Skala gibt es in Niedersachsen und Bremen 229 Krankenhäuser pro 10 Millionen Einwohner und in Bayern 246. „In Sachsen gibt es 15 Prozent weniger Standorte als im Bundesdurchschnitt“, erklärte Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, einer der Autoren des Reports. „Um diese Struktur überall im Land zu erreichen, müssten wir zum Abbau der Strukturen elf Milliarden Euro investieren.“

Trends setzen sich fort

Die Trends der vorigen Jahre setzten sich auch im Jahr 2015 fort. So variiert die wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser regional stark. „Es gibt ein deutliches Ost-West- sowie ein Nord-Süd-Gefälle“, sagte Dr. med. Sebastian Krolop von Deloitte, ein weiterer Autor des Reports. In Ostdeutschland lagen 92 Prozent der Krankenhäuser 2015 im grünen Bereich. Somit würden sie von einer Bank problemlos einen Kredit erhalten. Am schlechtesten geht es den öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern im Südwesten der Republik (siehe Grafik). In Ostdeutschland geht es hingegen auch öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern gut. „Kommunale Krankenhäuser in ärmeren Kreisen schneiden genauso gut ab wie freigemeinnützige“, erklärte Augurzky. Denn der Landkreis könne es sich nicht leisten, ihnen mit Zuschüssen zu helfen.

Wirtschaftliche Lage der öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser nach Bundesländern
Grafik
Wirtschaftliche Lage der öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser nach Bundesländern

Zudem sei es für ein Krankenhaus nicht per se ein wirtschaftlicher Nachteil, wenn es in einer ländlichen Region liege. Allerdings schnitten kleinere Krankenhäuser schlechter ab als große. Und Krankenhausketten ständen wirtschaftlich solider da als Solisten. Dies gelte jedoch nicht für kommunale Krankenhäuser. Schließlich sei die Spezialisierung auf bestimmte Fachbereiche „sehr vorteilhaft“, so Augurzky.

Falk Osterloh

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