ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1996Telemedizin: Realität eher ernüchternd

VARIA: Technik für den Arzt

Telemedizin: Realität eher ernüchternd

Müllges, Kay

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LNSLNS Herbert May vom Vorstand der Deutschen Telekom AG hat eine Vision für die ärztliche Praxis: "Bevor Sie Ihren Patienten zu sich ins Arbeitszimmer bitten, liegen Ihnen schon gebündelte Informationen aus unterschiedlichen Datenbanken über das Krankheitsbild des Patienten vor. Sind Sie sich in einer bestimmten Frage unsicher, wählen Sie Ihren Kollegen – online – in München, Stuttgart, Köln oder auch New York an. Die Röntgenaufnahme, die auf Ihrem PC gespeichert ist, schicken Sie per Mausklick zu Ihrem Kollegen, so daß Sie gemeinsam mit ihm dieses Röntgenbild betrachten und besprechen können."
Virtuelle Praxisgemeinschaften, weltweite Vernetzung, elektronische Patien-tenakten – spätestens im Jahre 2005, so May, werde dies Alltag auch für den niedergelassenen Arzt sein. Tatsächlich dringt die Telemedizin mehr und mehr in den ärztlichen Alltag ein. Als die Telekom vor drei Jahren ihr erstes Symposium Telemedizin veranstaltete, diskutierten die Teilnehmer über vier, fünf aufwendige Pilotprojekte an großen Universitätskliniken und Forschungseinrichtungen. Im Mittelpunkt der diesjährigen Tagung hingegen stand die Anwendung der Telematik in der Praxis des niedergelassenen Arztes und in der häuslichen Pflege. Statt eines schmalen Tagungsbandes wurde den Teilnehmern diesmal ein veritabler DIN-A-4-Ordner, vollgestopft mit Vortragsmanuskripten, ausgehändigt.
Dennoch blieb Mays Vision eines ungebrochenen Fortschreitens in die digitale Welt auch in diesem Jahr keineswegs unwidersprochen. Obwohl im Grundsatz kaum angezweifelt, ist es mit der praktischen Umsetzung eben noch nicht so weit her. Heute sind erst 60 Prozent der Arztpraxen überhaupt mit einem PC ausgestattet. Und genutzt wird der bislang nahezu ausschließlich für Buchführung und Abrechnung. Der Vernetzungsgrad ist gering, nur wenige Arztpraxen verfügen über einen ISDN-Anschluß. Einen "eklatanten Verlust an Realitätsnähe" unterstellte denn auch der niedergelassene Arzt Dagobert Fell den Befürwortern der Telemedizin. Sein Fazit: "Ihr praktischer Nutzen wird nebulös hochstilisiert, im realistischen Einsatz sind die erreichbaren Vorteile nach Beendigung der vielen Pilotanwendungen wie Schall und Rauch verflogen."
Besonders kontrovers auch die Diskussion um die "elektronische Patientenakte". In Deutschland stehen dabei die Probleme des Datenschutzes immer wieder im Vordergrund. Es war sicher kein Zufall, daß ein USAmerikaner, Peter Waegemann vom Medical Records Institute, in einem vielbeachteten Vortrag darauf hinwies, daß das Problem vielschichtiger ist. "Wenn wir über Patientenrechte reden, dann ist das nicht nur Datenschutz", so seine Kernthese. Zwar sei das politische Klima in den Vereinigten Staaten viel günstiger für die elektronische Patientenakte. Immerhin haben die National Institutes of Health schon 1991 den Aufbau eines zentralen Systems gefordert. Doch immer noch seien viele Probleme ungelöst. "Wo sind die Sicherheitssysteme, die alle Vorgänge dokumentieren, immer funktionsbereit sind und eine sichere digitale Unterschrift ermöglichen? Wo sind die einheitlichen Kodierungssysteme, die eine korrekte und globale Kommunikation erst ermöglichen?" So lange es keine juristischen und politischen Lösungen für solche Fragen gebe, habe man in der Telemedizin ein Produkt, das seinen Markt sucht.
"In Deutschland werden jährlich 600 000 Krankenscheine verschickt und 950 000 Rezepte ausgestellt. Hier könnte die Telekommunikation vieles erleichtern", meinte Herbert May. Da hat er sicher recht. Aber es ist immer noch nicht absehbar, daß seine eingangs zitierte Vision bald Wirklichkeit werden könnte.
Kay Müllges
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