POLITIK

Ambulante Versorgung: Belegarztsystem neu aufstellen

Dtsch Arztebl 2017; 114(27-28): A-1363 / B-1137 / C-1115

Beerheide, Rebecca; Osterloh, Falk

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Einige Zeit blies der KBV ein kalter politischer Wind entgegen. Auf dem Sicherstellungskongress gab es hingegen gute Nachrichten: Die Zahl der Hausärzte wird steigen, für die Notfallversorgung zeichnen sich Lösungen ab. Und sogar von politischer Wertschätzung ist die Rede.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (l.), KBV-Vorsitzender Andreas Gassen: Wertschätzung für die ambulante Versorgung. Fotos: Georg J. Lopata
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (l.), KBV-Vorsitzender Andreas Gassen: Wertschätzung für die ambulante Versorgung. Fotos: Georg J. Lopata

Ein „klares Bekenntnis der Politik zur ambulanten Versorgung“ wollte Dr. med. Andreas Gassen von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) hören. „Wir haben zu viele Krankenhausbetten und eine Krankenhausstruktur, die nicht mehr zeitgemäß ist“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) auf dem Sicherstellungskongress, den die KBV anlässlich der „Woche der ambulanten Versorgung“ Mitte Juni in Berlin veranstaltete. Bei der intersektoralen Zusammenarbeit müsse der ambulante Schwerpunkt erhalten bleiben.

Gröhe entgegnete, die Politik habe in den vergangenen vier Jahren mit vielen Gesetzen die ambulante Versorgung gestärkt. „Hier haben wir viele Anreize gesetzt“, sagte der Minister. „Das ist doch schon ein Ausdruck der Wertschätzung.“ Zugleich mahnte er die Beteiligten im Gesundheitswesen, nicht immer „den Weitblick für den Reformbedarf bei den anderen zu sehen“. Aus seiner Sicht werde die Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor oft viel zu „angstbesetzt“ diskutiert. Klar sei: „Wir brauchen beide Versorgungsebenen. Es sollte kein Streit über die Tätigkeitsfelder der jeweils anderen geben.“

Überkapazitäten abbauen

Gassen und Gröhe sprachen auch über die Projekte, die derzeit aus den Mitteln des Innovationsfonds gefördert werden. Dabei handelt es sich um Projekte, die das Potenzial haben, künftig auch Teil der Regelversorgung zu werden. „Der Fonds soll den Blick über den Tellerrand hinausrichten. Die Bewährung der Projekte kommt erst dann, wenn sie in die Regelversorgung überführt werden“, erklärte Gröhe. „Der bunte Strauß an Projekten soll die Regelversorgung modernisieren oder in Einzelfällen als Selektivvertrag fortgeführt werden.“ Aus Sicht von Gassen sind viele Projekte im Innovationsfonds allerdings viel zu speziell, als dass sie es in die Regelversorgung schaffen könnten.

Um das Gesundheitssystem zu modernisieren, forderte Gassen, das Belegarztsystem umzubauen. „Angesichts der zunehmenden Ambulantisierung der Medizin ist es notwendig, das Belegarztsystem, das in den letzten Jahren ins Hintertreffen geraten ist, neu aufzustellen“, sagte er. Dies stehe im Zusammenhang mit dem unter anderem von der Politik geforderten Abbau von Überkapazitäten im stationären Bereich. Es gehe allerdings nicht darum, „mit grober Kelle“ ein Drittel der Krankenhäuser „abzuräumen“.

„Wir stellen uns eine neue Konzeption vor“, sagte Gassen. Kleine Krankenhäuser in strukturschwachen Gebieten könnten in Gesundheitszentren umgewandelt werden. Ein Teil der dort vorhandenen Betten könne dann von Vertragsärzten für eine kurze Zeit ambulant mit Patienten belegt werden. „Es geht um Betten für Patienten, die bei einer grundsätzlich ambulanten Versorgung kurzfristig einen stationären Aufenthalt benötigen, zum Beispiel ältere Patienten, die bei der Einstellung ihres Blutdrucks überwacht werden sollen“, so Gassen.

Deutlich mehr Hausärzte

Bislang würden diese Patienten für eine längere Zeit stationär aufgenommen. Das sei in solchen Fällen aber unsinnig, sowohl in medizinischer Hinsicht als auch für die Lebensqualität des Patienten. Koordiniert werden solle alles von den Hausärzten.

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, zeigte sich optimistisch, dass die Zahl der Hausärzte in Zukunft ansteigen wird. „Ich erwarte, dass sich in den nächsten Jahren deutlich mehr Ärzte für die ambulante Allgemeinmedizin entscheiden“, sagte er. Dafür seien die Chancen größer als je zuvor. Ursache dafür seien zum Beispiel Kompetenzzentren und
regionale Weiterbildungsverbünde, die die Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin attraktiver und einfacher gemacht hätten.

Zudem profitiere das Fach derzeit von dem „Frust der Klinikärzte“. So gebe es Quereinsteiger aus der Anästhesiologie, die ihr Fach zuerst spannend fänden, dann aber merkten, dass sie im Schichtdienst blieben. Es müsse allerdings noch gelingen, die Lücke zwischen den Ärzten zu schließen, die es sich vorstellen könnten, Hausarzt zu werden, und denen, die es wirklich tun.

Auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Stephan Hofmeister, ist optimistisch. Aktuelle Zahlen der Bundes­ärzte­kammer zeigten, dass sich am Ende des Studiums nur zwei Prozent weniger Ärzte für die Allgemeinmedizin interessieren als am Anfang des Studiums. Früher sei diese Zahl deutlich höher gewesen. „Das ist besser als in vielen anderen Fächern“, sagte Hofmeister. „So unerfreulich ist der Trend nicht.“

KBV-Vize Stephan Hofmeister: „So unerfreulich ist der Trend nicht.“
KBV-Vize Stephan Hofmeister: „So unerfreulich ist der Trend nicht.“

Kritik an Landarztquote

Viele Krankenhausärzte hätten Angst davor, dass sie nur Routine erwarte, wenn sie sich zum Beispiel auf dem Land niederließen, und dass sie keine spannenden Fälle mehr bekämen. „Jeder, der in diesem Bereich arbeitet, weiß, dass das nicht so ist“, sagte Hofmeister. „Wir müssen also einen Imagewandel vollziehen. Und da sind wir auf dem Weg.“

Hofmeister sprach sich gegen eine Landarztquote aus. „Ich glaube nicht, dass es funktionieren wird, 18-Jährige zu etwas zu verpflichten, was sie nach ihrem Studium machen sollen.“ Zudem gebe es einen gesellschaftlichen Trend dazu, aus ländlichen Regionen wegzuziehen. Man könne also keine Ärzte in Regionen schicken, in denen immer weniger Menschen leben wollten. Auch Gerlach hielt eine Landarztquote nicht für sinnvoll.

Hofmeister sprach von einem Trend in der Bevölkerung, bei bestimmten Verletzungen einen spezialisierten Arzt aufzusuchen. „Das hat die Spezialisierung in der ganzen Medizin vorangetrieben“, sagte er. „Es wäre gut, wenn wir im Studium wieder zu einer generalistischen Sichtweise auf die Medizin kommen würden.“ Zudem sei die Verbindung von Praxis und Theorie im Studium wichtig – je früher die Studierenden mit der Praxis in Berührung kämen, desto besser.

Kein dankbarer Job

Der KBV-Vorsitzende Gassen betonte abschließend, dass die Sicherstellung die Kernaufgabe von KBV und KVen sei. „Das machen wir vollumfänglich, nicht nur in der Metropole, sondern auch auf der Hallig. Wir bieten eine Versorgung für alle, überall“, machte er deutlich. In der Vergangenheit gab es vereinzelt immer wieder Diskussionen darüber, den KVen den Sicherstellungsauftrag zu entziehen.

Der Sicherstellungsauftrag sei kein dankbarer Job, betonte Jochen Metzner, Referatsleiter Krankenhausversorgung im hessischen Sozialministerium, und fragte: Wer solle diese Arbeit sonst machen, wenn nicht die KVen und die KBV?

Rebecca Beerheide, Falk Osterloh

Notfallversorgung

Um die derzeitigen Probleme im Bereich der Notfallversorgung zu lösen, will die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) „die Parallelstrukturen beenden und den Patienten dort abholen, wo er sich befindet“, erklärte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen auf dem Sicherstellungskongress. Dabei solle es eine zentrale Anlaufstelle geben, bei der die Nummer 116117 eine wichtige Rolle spielen werde. Hier kann sich Gassen künftig eine Telefontriage vorstellen, bei der die Dringlichkeit der Fälle am Telefon vorsortiert wird.

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Patienten, die die Notfallambulanzen der Krankenhäuser aufsuchen. Deshalb haben Krankenhausvertreter der KBV vorgeworfen, sie werde ihrem Sicherstellungsauftrag in diesem Bereich nicht ausreichend gerecht. In den einzelnen KV-Bezirken wird das System der Notfallversorgung bereits nach und nach umgestellt. Jochen Metzner, Referatsleiter Krankenhausversorgung im hessischen Sozialministerium, berichtete auf dem Sicherstellungskongress aus seinem Bundesland. „Die Kassenärztliche Vereinigung ist bei uns sehr aktiv“, sagte er. So habe es vor Kurzem eine Informationskampagne gegeben, mit der die Notrufnummer 116117 bekannter gemacht werden sollte. „Das ist ganz gut gelaufen“, meinte Metzner. „Ob der Patient allerdings wirklich zu erziehen ist, wird noch diskutiert. Es ist in jedem Fall einen Versuch wert.“

Metzner sprach sich dafür aus, die verschiedenen Systeme besser zu verzahnen. „In Hessen gibt es heute eine ganze Reihe von Kliniken, die nicht an der Notfallversorgung teilnehmen“, sagte er. „Die Häuser, die teilnehmen, müssen einen ärztlichen Bereitschaftsdienst am Haus haben. Anders macht es keinen Sinn.“ Am Krankenhaus müsse es dann zentrale Anlaufstellen geben, in denen die Patienten entweder in die Notfallaufnahme oder die Bereitschaftsdienstpraxis weitergeleitet werden.

Die Entscheidung, ob der Patient im Krankenhaus oder ambulant behandelt wird, müsse von einer unabhängigen Stelle getroffen werden, forderte Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Zuvor hatte er erklärt, dass Krankenhäuser immer mehr Patienten über ihre Notfallambulanzen aufnehmen. Hätten im Jahr 2005 noch 34 Prozent der Krankenhausfälle den Aufnahmeanlass „Notfall“ gehabt, seien dies im Jahr 2015 bereits 45 Prozent gewesen.

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