POLITIK

Krankenhausärzte: Mehr Personal, weniger Bürokratie

Dtsch Arztebl 2017; 114(27-28): A-1365 / B-1139 / C-1117

Osterloh, Falk

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Im Monitor des Marburger Bundes wird deutlich, was sich Klinikärzte derzeit wünschen: mehr Zeit für ihr Privatleben, eine verlässlichere Dienstplangestaltung und mehr Personal in ihrer Abteilung. Als störend empfinden sie die Dokumentation – und fehlende Wertschätzung.

Teamarbeit ist Krankenhausärzten wichtig: Die überwiegende Mehrheit wünscht sich nicht nur mehr Ärzte in ihrer Abteilung, sondern auch mehr Pflegekräfte. Foto: your photo today
Teamarbeit ist Krankenhausärzten wichtig: Die überwiegende Mehrheit wünscht sich nicht nur mehr Ärzte in ihrer Abteilung, sondern auch mehr Pflegekräfte. Foto: your photo today

Alle zwei Jahre befragt der Marburger Bund (MB) seine Mitglieder nach ihrem Befinden und ihren Wünschen. Das im MB-Monitor zusammengefasste Ergebnis ist stets ein aktuelles Stimmungsbild aus dem Herzen des stationären Sektors. Im Jahr 2017 ist die Stimmung bei den Klinikern nicht gut. Viele von ihnen können nicht die Ärzte sein, die sie sein möchten – Arbeitsverdichtung, Dokumentationsaufgaben und Personalmangel auf den Abteilungen stehen dagegen.

Am aktuellen MB-Monitor haben sich 6 200 angestellte Ärztinnen und Ärzte beteiligt. Die Daten sind hinsichtlich der Geschlechter- und Altersverteilung repräsentativ. Gut ein Drittel von ihnen arbeitet als Arzt in der Weiterbildung, je ein Viertel als Facharzt oder als Oberarzt, etwa jeder Zehnte als Chefarzt oder Chefarztstellvertreter.

Eines der größten Probleme für die Krankenhausärzte ist die ausufernde Bürokratie. 33 Prozent der befragten Ärzte erklärten, der tägliche Zeitaufwand für Verwaltungstätigkeiten wie Datenerfassung und Dokumentation betrage ein bis zwei Stunden. Bei 29 Prozent liegt er zwischen zwei und drei Stunden und bei 26 Prozent sogar bei mehr als drei Stunden. Nur elf Prozent der Ärzte gaben an, weniger als eine Stunde pro Tag mit bürokratischer Arbeit beschäftigt zu sein.

Immer mehr Bürokratie

Zwei Drittel der Ärzte erklärten zudem, dass ihnen für die Behandlung der Patienten nicht ausreichend Zeit zur Verfügung stehe. Insgesamt ist der Zeitaufwand für bürokratische Arbeiten damit seit 2015 deutlich gestiegen: bei den Ärzten, die täglich zwei bis drei Stunden für bürokratische Arbeiten aufwenden müssen, von 20 auf 29 Prozent und bei Ärzten, bei denen der Aufwand pro Tag drei Stunden übersteigt, von 13 auf 26 Prozent. Vier von fünf Ärzten fühlen sich zudem durch nichtärztliches Fachpersonal nicht ausreichend von administrativen Tätigkeiten entlastet.

„Dieses Ergebnis ist alarmierend“, sagte der 1. Vorsitzende des MB, Rudolf Henke, dem Deutschen Ärzteblatt. „Wenn jeder vierte Arzt im Krankenhaus den Zeitaufwand für Verwaltungstätigkeiten auf mehr als drei Stunden pro Tag beziffert, läuft etwas grundfalsch im deutschen Gesundheitswesen.“ Selbst zwei bis drei Stunden Administration und Organisation seien schon zu viel. „Durch die Bürokratie wird den Ärzten wichtige Zeit geraubt, die sie für die Behandlung der Patienten brauchen“, betonte Henke. Schuld an dieser Misere seien nicht zuletzt die Krankenkassen mit ihrem überbordenden Kontroll- und Dokumentationswahn. „Ich verstehe die Ergebnisse des MB-Monitors 2017 auch als Auftrag an die Politik, endlich mit der Entbürokratisierung der ärztlichen Tätigkeit Ernst zu machen“, so Henke.

Es fehlt an Personal

Ein zweites Thema, dass den Krankenhausärzten unter den Nägeln brennt, ist der Personalmangel. Nur 30 Prozent der befragten Ärzte gaben an, dass alle Arztstellen in ihrer Abteilung besetzt seien. In je 24 Prozent der Fälle sind der Umfrage zufolge ein oder zwei Arztstellen in der Abteilung unbesetzt, in elf Prozent sind es drei Stellen und in 13 Prozent vier oder mehr. Zwei Drittel der Befragten gaben zudem an, die im Stellenplan vorgesehenen Stellen seien für den Umfang der Arbeit in der Abteilung nicht ausreichend.

Insofern halten 23 Prozent der befragten Ärzte das Thema „Mehr Personal im ärztlichen Dienst“ für „am wichtigsten“, 49 Prozent finden es „sehr wichtig“ und 21 Prozent „wichtig“. Nur fünf Prozent ist der Meinung, mehr Personal im ärztlichen Dienst zu erhalten sei „unwichtig“ oder „eher unwichtig“. Noch deutlicher sind die Zahlen, wenn es um mehr pflegerisches Personal in der eigenen Abteilung geht. Ebenfalls 23 Prozent empfinden dieses Thema als „am wichtigsten“, 52 Prozent finden es „sehr wichtig“ und 21 Prozent „wichtig“ (siehe Grafik).

Wie beurteilen Sie die Wichtigkeit des folgenden Themengebietes: Mehr Personal im ärztlichen sowie im pflegerischen Dienst
Grafik
Wie beurteilen Sie die Wichtigkeit des folgenden Themengebietes: Mehr Personal im ärztlichen sowie im pflegerischen Dienst

„Ich finde es sehr bemerkenswert, welche Bedeutung unsere Mitglieder dem Personalaufbau beimessen, nicht nur in ihrer eigenen Berufsgruppe, sondern vor allem auch im pflegerischen Bereich“, kommentierte Henke. „Ärztinnen und Ärzte erleben täglich die Unterbesetzung auf den Stationen und wissen aus eigenem Erleben, wie wichtig funktionierende Teams im Krankenhaus sind.“ Ohne zusätzliches Personal im ärztlichen wie pflegerischen Dienst werde sich an der Überlastungssituation nichts ändern. „Deshalb brauchen wir dringend verbindliche Personalvorgaben in den Krankenhäusern“, so Henke.

Dienstpläne nicht verlässlich

Das dritte große Thema des Jahres 2017 ist für die Krankenhausärzte die Vereinbarkeit ihres Berufes mit dem Privat- und Familienleben. Mehr Zeit für ihr Privat- und Familienleben zu haben, finden 31 Prozent der befragten Ärzte „am wichtigsten“, 40 Prozent „sehr wichtig“ und 25 Prozent „wichtig“. 60 Prozent der befragten Krankenhausärzte gaben jedoch an, dass ihnen neben der Arbeit für ihr Privat- und Familienleben nicht ausreichend Zeit bleibe. Bei 70 Prozent der Befragten bietet der Arbeitgeber zudem nicht ausreichend Möglichkeiten, Privat- und Familienleben mit dem Beruf zu vereinbaren, zum Beispiel durch flexible Arbeitszeiten und Kinderbetreuung. Im Jahr 2010 lag diese Zahl noch bei 57 Prozent. Bei der Hälfte der befragten Ärzte kommt es zudem vor, dass ihr Arbeitgeber sie kurzfristig zu Arbeitsleistungen bittet, wenn sie eigentlich dienstfrei hätten. Bei 81 Prozent dieser Ärzte ist dies ein- bis zweimal pro Woche der Fall.

„Die Dienstplangestaltung ist alles andere als verlässlich“, betonte Henke. „Die kurzfristigen Inanspruchnahmen von Ärzten, die eigentlich dienstfrei haben, nehmen überhand. Wenn etwa die Hälfte der Ärzte immer wieder bis zu zweimal im Monat zu solchen außerplanmäßigen Einsätzen gerufen wird, bleibt von den freien Wochenenden nicht mehr viel übrig. Hier müssen die Krankenhäuser dringend umdenken, sonst laufen ihnen die Ärzte weg.“

Bemerkenswert ist die Antwort der Klinikärztinnen und -ärzte auf die Frage, ob sie erwögen, ihre ärztliche Tätigkeit ganz aufzugeben. Denn ein Fünftel der befragten Ärzte zieht diese Möglichkeit in Betracht. In einem Freitext konnten sie ihre Gründe erläutern. „Weil es nur noch um die betriebswirtschaftliche Leistung geht und nicht mehr den Menschen selbst“, erklärte ein Arzt. Ein anderer betonte: „Massive Personaleinsparungen in den letzten Jahren, vor allem bei der Pflege, aber auch bei Arztstellen, vergiften teilweise das Klima.“ Die Kliniken seien chronisch unterbesetzt, schreibt ein weiterer. Freizeitausgleich werde nicht gewährt. Wenn man doch auf Überstundenausgleich dränge, werde man von den Vorgesetzten emotional erpresst, da „die Kollegen dann ja mehr arbeiten müssten“.

„Aktuell immer stärker werdender Druck“, gibt einer der befragten Ärzte als Grund an. „Therapieplanung anhand finanzieller Vorgaben und nicht medizinischer Notwendigkeit. Zudem mangelnde Ausbildung, stattdessen Fälle auf Station abarbeiten.“ Viele Ärzte beklagen auch „allgemeine Respektlosigkeit“ oder „mangelnde Wertschätzung der Arbeit durch Arbeitgeber“.

Teilzeitarbeit nimmt zu

Bei den Arbeitszeiten klaffen Wunsch und Wirklichkeit auseinander. Während die Wochenarbeitszeit inklusive aller Dienste und Überstunden im Durchschnitt 51 Stunden beträgt, wünschen sich 90 Prozent der Befragten eine
Wochenarbeitszeit von maximal
48 Stunden.

Derweil nimmt die Zahl der Ärztinnen und Ärzte zu, die in Teilzeit arbeiten: Heute sind es ein Viertel. Bei Ärztinnen sind es 37 Prozent, bei Ärzten zwölf Prozent. Gegenüber früheren Umfragen des Marburger Bundes ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten deutlich gestiegen. 2013 lag er noch bei 15 Prozent. Im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen bevorzugen Ärztinnen eine geringere durchschnittliche Wochenarbeitszeit. Während 60 Prozent der männlichen Befragten 40 bis 48 Stunden pro Woche präferieren, sind es bei den Ärztinnen nur
42 Prozent.

Falk Osterloh

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