ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2017Schlaganfall: Migräne erhöht das Risiko für zervikale Dissektionen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Schlaganfall: Migräne erhöht das Risiko für zervikale Dissektionen

Gerste, Ronald D.

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Die Inzidenz des Schlaganfalls nimmt bei verhältnismäßig jungen Patienten stärker zu als jenseits des 60. Lebensjahres. Neben Lifestyle-Faktoren wie Adipositas und Rauchen, welche zu einer frühzeitigen Arteriosklerose führen können, ist die zervikale arterielle Dissektion einer von weiteren zum zerebralen Insult prädisponierenden Faktoren. Die zervikale arterielle Dissektion (CAD), ein Riss oder ein Hämatom in der Wand der Art. carotis interna oder der Art. vertebralis, gilt als häufigste Ursache eines ischämischen Schlaganfalls bei Patienten unter 55 Jahren. Die Mechanismen, die zu diesen spontanen Dissektionen führen, sind weitgehend unklar.

In Kasuistiken und kleinen Fallserien ist eine erhöhte Prävalenz von Migräne bei CAD-Patienten beschrieben worden. Diese Assoziation hat jetzt eine große epidemiologische Studie aus Italien bestätigt. Im Rahmen des Italian Project on Stroke at Young Age (IPSYS) tragen 26 neurologische Zentren die Daten und klinischen Befunde von Patienten der Altersgruppe von 18 bis 45 Jahren zusammen, die erstmals einen akuten Schlaganfall erlitten haben. Von den gegenwärtig erfassten 2 485 Patienten eines Durchschnittsalters von 36,8 Jahren wurde bei 334 (13,4 %) eine CAD diagnostiziert. In dieser Subgruppe war die Migräne mit 30,8 % signifikant häufiger als bei jungen Schlaganfallpatienten ohne CAD mit 24,4 %. Für diesen Unterschied war vor allem die Häufung der Migräne ohne Aura bei CAD mit 24,0 % (im Vergleich zu 15,6 % bei Patienten ohne CAD) verantwortlich. Nach statistischer Adjustierung für eine Reihe von präselektierten Risikofaktoren wurde für Migräne ohne Aura ein Risikofaktor (Odds Ratio, [OR]) von 1,73 für eine CAD errechnet. Für den nicht CAD-assoziierten ischämischen Schlaganfall wurden als wichtige Risikofaktoren ein Diabetes mellitus (OR: 3,84), Status als Raucher (OR: 1,38) und Hypercholesterinämie (OR: 1,38) identifiziert. Der Zusammenhang zwischen Migräne ohne Aura und CAD war bei Männern stärker ausgeprägt (OR: 1,99) als bei Frauen (OR: 1,53). Die Autoren vermuten, es gebe gemeinsame prädisponierende Faktoren für Migräne ohne Aura, und die Arteriendissektion und verschiedene Genpolymorphismen könnten mit beiden Krankheitsgeschehen assoziiert sein.

Fazit: „Migräne ist ein eigenständiger, aber in absoluten Zahlen geringer Risikofaktor für kardiozerebro-vaskuläre Ereignisse insbesondere bei Patienten vor dem 50. Lebensjahr“, erklärt Prof. Dr. med. Andreas Straube, Leiter der Kopfschmerzambulanz an der Neurologischen Klinik am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München. Überraschend bei dieser prospektiven Kohortenstudie sei aber, dass diese Assoziation mit einer Gefäßdissektion für die Migräne mit Aura nicht gefunden wurde, obwohl in allen bevölkerungsbasierten Studien gerade die Migräne mit Aura zu einer leichten Risikoerhöhung für vaskuläre Ereignisse führte. Wie eine Migräne zu vermehrten Dissektionen führt, sei unklar, erklärt Straube; neben genetischen Ursachen (z. B. das Gen PHACTR1 zeigt eine solche Verbindung zwischen Migräne und Dissektion) müssen aber auch andere Faktoren wie vermehrte Schmerzmitteleinnahme bedacht werden. Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. De Giuli V, Grassi M, Lodigiani C, et al.: Association Between Migraine and Cervical Artery Dissection: The Italian Project on Stroke in Young Adults. JAMA Neurology 2017.
  2. Lyden PD: Migraine and the Risk of Carotid Artery Dissection in the IPSYS Registry. Are They Related? JAMA Neurology 2017, online publiziert am 6. März. doi: 10.1001/jamaneurol.2016.6008.

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