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Als ärztlich Verantwortlicher für die präklinische Notfallversorgung in einem Flächenlandkreis ... vermisse ich bei dieser ganzen Debatte die Berücksichtigung eines der ebenfalls Hauptleidtragenden in dieser Entwicklung. Niemand spricht über den Rettungsdienst, der vor allen anderen von dieser Problematik betroffen ist. Steigerungsraten der Einsatzzahlen von zehn Prozent in jedem Jahr führen dazu, dass die Rettungsdienstträger permanent Vorhalteerweiterungen durchführen und die Krankenkassen das finanzieren müssen.

Jeder, der akut notfallmedizinisch tätig ist, weiß, dass diese seit vielen Jahren anhaltende Steigerung der Einsatzzahlen nicht durch eine Zunahme tatsächlicher Notfälle, sondern durch ein überproportionales Explodieren schlicht überflüssiger Fehlinanspruchnahmen unserer Instrumente der Daseinsvorsorge verursacht wird. Weder die verantwortlichen Arbeitsebenen in Medizin und Verwaltung, noch Politik haben sich bisher in der Lage gezeigt, diesem ständig zunehmenden Missbrauch der Ressourcen Einhalt zu gebieten.

Niemand hat den politischen Mut, einer Bevölkerung mit einer völlig überzogenen Anspruchshaltung auf eine hundertprozentige Rund-um-die-Uhr-Versorgung jeder kleinsten Befindlichkeitsstörung mit ganz offenen Worten zu erklären, dass der Staat nicht länger bereit ist, diese irrationale Spirale ins Absurde mitzutragen. Ganz im Gegenteil werden immer mehr Regularien und Anordnungen erlassen, um diese überzogenen Ansprüche quantitativ und qualitativ gesichert zu bedienen und diesen Unsinn grenzenlos immer weiter auf die Spitze zu treiben.

Hinzu kommt, dass ein Großteil aller medizinischen und damit assoziierten Leistungen ausschließlich als Protektion vor dem Staatsanwalt und der zum Teil mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbaren Urteilsfindung in der Rechtsprechung erbracht wird.

Solange aus diesen Gründen heute ein Leitstellendisponent keinem Anrufer mehr sagen kann, dass für diesen am Telefon schon erkennbaren Unsinn kein Rettungsmittel entsendet wird und solange ein Dienstarzt heute den Patienten, der mit seit Wochen anhaltendem Unwohlsein auf dem Weg aus der Disco nachts um drei Uhr einen Abstecher in die Krankenhausambulanz macht, weil man tagsüber beim Arzt so lange warten muss, nicht sofort in hohem Bogen an die Luft setzen darf, werden politische und ärztliche Gremien noch bis zum Sanktnimmerleinstag diskutieren können und dabei nichts erreichen.

Es ist ein idealistischer Gedanke, dass durch Information der Patienten irgendeine Steuerung möglich wäre. Und solange sogar im gleichen Artikel des Deutschen Ärzteblatts, der über Forderungen für eine solche „Stärkung der Gesundheitskompetenz“ berichtet, der KV-Bereitschaftdienstarzt als Notarzt bezeichnet wird, darf ein spürbarer Effekt eines solchen für Berufs- und Standespolitiker typischen Wunschdenkens fernab jeglicher Realität sehr stark bezweifelt werden. Denn abends oder am Wochenende interessiert den anspruchsvollen GKV- oder PKV-Beitragszahler, der sofort ein Wundermittel gegen sein Wehwehchen erwartet und eine dreiviertel Stunde bei 116117 in der Warteschleife hängt, eine „Stärkung seiner Gesundheitskompetenz“ überhaupt nicht. Er ruft stattdessen ganz bequem die 112 an, wo man sofort bedient wird und es präklinische Medizin, Transport und klinische Medizin umfassend, kostenfrei und ohne Einweisungsformular gibt.

Natürlich wird es für diese Problematik nie eine Lösung geben, die alle Eventualitäten berücksichtigt und alle Interessengruppen zufriedenstellt. Aber welche Regelung im deutschen Gesundheitswesen überhaupt kann diesen Anspruch schon erfüllen?

Erfahrungsgemäß funktioniert Steuerung ausschließlich über den Geldbeutel. Alles andere grenzt an gutgläubige Naivität. Und für finanzielle Steuerungsinstrumente dürfte es hier einige gute Ansatzpunkte geben. Schade, dass sich diese Erkenntnis beim Deutschen Ärztetag nicht durchgesetzt hat.

Ich frage mich, wie lange sich der Staat diese derzeit stur hochgehaltene, absolut überflüssige Überversorgung in der Notfallversorgung noch leisten möchte und wann dieses System endlich gegen die Wand fährt, weil das darin arbeitende, völlig desillusionierte, demotivierte und ausgebrannte (nicht nur ärztliche) Personal nur noch schreiend wegläuft oder zusammenbricht.

Dr. med. Daniel Kersten, 35753 Greifenstein

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    U L I Sappok
    am Montag, 10. Juli 2017, 07:18

    Nicht im System selbst erlebt

    Die Entscheidungsträger bis hin zu Kasse und KV haben keinen Kontakt zur Realität mehr. Sie glauben auch noch aus alten Zeiten die 112 heisst Blaulicht und Herzinfarkt. Die beschriebene Realität geht an denen völlig vorbei. Den verwöhnten und bequemen Leuten ist das nur Recht.
    Nebenbemerkung: die Transportkosten insgesamt (5 Mrd) erreichen mittlerweile die Höhe der Kosten für die gesamte ambulante Pflege. Eine Goldgrube... hg U Sappok

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