ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2017Reihe Internationale Psychotherapie: Israel – In der Regel nur für Selbstzahler

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Reihe Internationale Psychotherapie: Israel – In der Regel nur für Selbstzahler

Sonnenmoser, Marion

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Das kriegs- und terrorgebeutelte Land kommt auf Dauer nicht ohne eine flächendeckende qualifizierte psychotherapeutische Versorgung aus. Doch eine einheitliche Qualifizierung von Psychotherapeuten sowie eine Qualitätssicherung fehlen noch.

Foto: daniel0 stock.adobe.com
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Vor 1930 gab es in Israel keine institutionalisierte Psychologie oder Psychotherapie. Das änderte sich, als im Zuge der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten viele jüdische Psychologen, Psychiater und Psychoanalytiker aus Deutschland und Österreich nach Israel emigrierten. Sie brachten die Psychoanalyse mit, die bald Eingang in die Pädagogik und Medizin fand. In den 1950er-Jahren folgte die Institutionalisierung des Fachs Psychologie mit der Gründung der Israelischen Psychologenvereinigung (Israel Psychological Association, IPA) und der Einrichtung erster psychologischer Abteilungen an zwei Universitäten. Seither gibt es in Israel wissenschaftliche psychologische Forschung und eine professionelle Psychologenausbildung.

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1959 fand eine Reform des Gesundheitswesens statt, bei der die psychiatrischen und psychologischen Einrichtungen und Dienstleistungen ausgebaut wurden. In dieser Zeit nahm die Toleranz innerhalb der Bevölkerung für Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten ebenso wie für psychisch Erkrankte zu, wovon unter anderem Holocaust-Überlebende profitierten.

Mehr Kriegstraumatisierte

Zwischen 1967 und 1973 führte Israel zwei Kriege (Sechs-Tage-Krieg 1967, Jom-Kippur-Krieg 1973). Dies führte zu einer steigenden Zahl psychisch Erkrankter und Traumatisierter unter Soldaten und Zivilisten sowie einer erhöhten Inanspruchnahme psychologischer und psychotherapeutischer Dienstleistungen. Darüber hinaus fand hinsichtlich der bisherigen Organisation der Versorgung psychisch Erkrankter ein Umdenken statt. Psychisch Erkrankte wurden bis dahin ausschließlich von Psychiatern, in Kliniken und mit Medikamenten behandelt. Die meisten Kliniken standen nicht unter staatlicher Aufsicht und behandelten die Patienten mit teilweise fragwürdigen Methoden. Der mitunter unwürdige Umgang mit psychisch Erkrankten und die Vorherrschaft der Psychiatrie lösten eine Welle der Kritik und Anfeindungen aus. Daraufhin öffneten sich Kliniken und Institutionen für Einblicke und Gespräche, den Patienten wurde mehr Autonomie zugestanden und es wurden kommunale Gesundheitszentren geplant. Allerdings gelang die Umsetzung nur teilweise, da es Widerstände seitens der etablierten Psychiatrie gab. Für die Patienten verbesserte sich nur wenig.

Aufschwung der Psychologie

In den 70er-Jahren stieg die Anzahl der Psychologiestudierenden stetig an, und die Psychologie erlebte einen Aufschwung, der schließlich im Jahr 1977 in einem Gesetz zur Legitimierung des Psychologenberufs gipfelte. Mit dieser Statusaufwertung erhöhte sich die Akzeptanz und Anerkennung von Psychologen und Psychotherapeuten in der Bevölkerung abermals. Psychologie wurde regelrecht populär. Psychologische Begriffe und Theorien hielten Einzug in den Sprachgebrauch und das Allgemeinwissen. Im Fernsehen wurden Sendungen ausgestrahlt, die psychologische Beratung anboten, und Menschen, die in psychotherapeutischer Behandlung waren, wurden kaum noch stigmatisiert. Infolge dieses Booms wurden zahlreiche private Psychotherapieinstitute und -praxen eröffnet. Ihre Klientel setzte sich jedoch bald schon aus Menschen zusammen, für die Psychotherapie eine Art Luxus oder Mode war und die sich die teuren Sitzungen leisten konnten, wie zum Beispiel Künstler und Intellektuelle.

Es folgten Jahre des Friedens und der wirtschaftlichen Entwicklung, von denen auch die Psychologie profitierte. „Ende der 80er-Jahre war sie gesellschaftlich so angesehen und akzeptiert wie nie zuvor“, sagt der klinische Psychologe Nissim Avissar vom Kibbutzim College of Education in Tel-Aviv (Israel). Dann begann 1987 jedoch die erste Intifada (palästinensischer Aufstand gegen Israel). Es kam zu brutalen Kampfhandlungen, sodass die Bevölkerung den moralischen Verfall des Militärs und der Gesellschaft befürchtete.

650 israelische Psychologen und Psychotherapeuten unterschrieben daraufhin zwei Petitionen, in denen sie sich für ein friedliches Zusammenleben und -arbeiten von jüdischen und arabischen Psychologen und Psychotherapeuten einsetzten. Es wurden außerdem verschiedene Organisationen im Bereich des Gesundheitswesens gegründet, um für Gleichstellung, soziale Gerechtigkeit, Toleranz, Dialog und Frieden einzutreten. Einige davon sind heute noch aktiv.

Im Jahr 2000 folgte die zweite Intifada. Während der beiden Intifadas (1987–1993 und 2000–2005) stiegen Ängste, Stresssymptome, Depressionen und Traumatisierungen in der Bevölkerung stark an, und das Gefühl von Sicherheit ging vielen Menschen verloren. Aber nicht nur die Israelis, auch die Palästinenser hatten zahlreiche Opfer zu beklagen. In jeder Familie gab es Gefallene, Verletzte oder Gefangene. Viele Palästinenser litten unter Depressionen, Posttraumatischen Belastungsstörungen, Ängsten und Somatisierungsstörungen, die jedoch kaum behandelt werden konnten, da die psychotherapeutische Versorgung schlecht war (und immer noch schwierig ist).

Kaum Forschung zu Intifadas

Obwohl kaum etwas das Wohlbefinden der Soldaten und der Bevölkerung so sehr beeinträchtigt hat wie die Intifadas, gab es zu deren Auswirkungen fast überhaupt keine wissenschaftliche Forschung oder Publikationen. Mit ein Grund dafür war, dass die Gemeinschaft der Psychologen und Psychotherapeuten sich in dieser Krisenzeit zerstritten hatte und sich nicht politisch äußern wollte. Das schwächte einerseits das Ansehen von Psychologie und Psychotherapie, andererseits wurden sie mehr gebraucht als je zuvor.

Nach dem Ende der zweiten Intifada wurde Israel politisch wieder stabiler. 2004 gründete sich eine Gruppe, die sich politisch engagiert und sich für die Belange von jüdischen und arabischen Beschäftigten im Gesundheitswesen einsetzt, wie zum Beispiel psychotherapeutische Hilfe für bedürftige Palästinenser, enge Zusammenarbeit von israelischen und palästinensischen Gesundheitsexperten oder Organisation von Konferenzen zu psychologisch-politischen Themen. Auch auf palästinensischer Seite gab es entsprechende Initiativen.

In Israel leben Juden, Araber, Christen, Drusen, Beduinen und Migranten aus vielen Ländern zusammen. Foto: iShootPhotos LLC/iStockphoto
In Israel leben Juden, Araber, Christen, Drusen, Beduinen und Migranten aus vielen Ländern zusammen. Foto: iShootPhotos LLC/iStockphoto

In den 2000er-Jahren sind Psychologie und Psychotherapie in Israel nach wie vor beliebt und angesehen, müssen aber auch vielerlei Herausforderungen bewältigen: Im fachlichen Bereich werden zum Beispiel evidenzbasierte und personalisierte Therapien, kultursensitive Vorgehensweisen sowie die Vor- und Nachteile von Kurzzeit- und Langzeittherapien diskutiert. Im gesellschaftlichen Bereich müssen sich Psychologen und Psychotherapeuten Themen wie beispielsweise Süchte, Internet, sexueller Missbrauch, Homosexualität, Alleinerziehende und eine zunehmende Individualisierung der Gesellschaft stellen.

Darüber hinaus gibt es zwei weitere Bereiche, die ständig Aufmerksamkeit erfordern: Da in Israel kriegerische Auseinandersetzung und terroristische Angriffe immer präsent sind und es viele Menschen gibt, die trauern, Schmerzen haben, unter Stress stehen und an Traumafolgestörungen leiden, ist es eine vordringliche Aufgabe von Psychologen und Psychotherapeuten, sich mit ihren Kenntnissen und Methoden einzubringen, zum Beispiel durch die Entwicklung spezieller Traumainterventionen.

Einwandungsland Israel

Eine weitere Herausforderung für Psychologen und Psychotherapeuten stellt die multikulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung dar. In Israel leben in der Mehrheit Juden (moderate und ultraorthodoxe), aber auch Araber, Christen, Drusen, Beduinen und Minderheiten. Israel ist zudem ein Einwanderungsland. Die meisten Einwanderer kamen nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa, vor allem Holocaust-Überlebende, dann folgten Immigranten aus Nord- und Südafrika und Südamerika und in jüngerer Zeit Immigranten, Flüchtlinge, Asylbewerber und Arbeitsmigranten aus Äthiopien, der früheren Sowjetunion und Asien. Aufgrund dessen leben in Israel viele verschiedene Gemeinschaften mit jeweils ihren eigenen Religionen, Kulturen, Traditionen und Werten. Zwischen ihnen gibt es häufig Spannungen und Konflikte. Für Psychologen und Psychotherapeuten bedeutet dies, kultursensitiv zu sein, mehrere Sprachen zu beherrschen (zum Beispiel Hebräisch, Arabisch, Englisch) und sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen.

Psychologen werden in Israel an Universitäten ausgebildet. Alle psychologischen Ausbildungsprogramme an Universitäten bedürfen einer Akkreditierung durch eine staatliche Behörde. Nach erfolgreichem Bestehen eines vierjährigen Magisterstudiums, der Absolvierung von Praktika, einer Prüfung des Gesundheitsministeriums und dem Eintrag ins Psychologenregister sind israelische Psychologen dazu berechtigt, den Beruf des Psychologen auszuüben. Sie dürfen auch psychotherapeutisch tätig werden, ohne dafür eine spezielle Ausbildung vorweisen zu müssen, denn: „Der Beruf des Psychotherapeuten ist in Israel nicht gesetzlich geschützt“, sagt die Psychologin Rebecca Jacoby vom Academic College Tel-Aviv Yaffo (Israel). „Psychotherapeut“ darf sich jeder nennen, und es existieren keinerlei gesetzliche Vorgaben zur Ausbildung oder Qualifizierung von Psychotherapeuten. Auch was unter „Psychotherapie“ zu verstehen ist, wurde bislang noch nicht festgelegt. Infolge davon gibt es eine fast unüberschaubare Anzahl an Ausbildungs- und Psychotherapieangeboten, die teilweise stark differieren. Ausbildungen zum Therapeuten werden unter anderem von Universitäten, aber auch von medizinischen Einrichtungen und Privatinstituten abgehalten. Obwohl es keine Akkreditierung gibt, ist die Nachfrage nach Aufbauprogrammen in Psychotherapie hoch.

Offener Zugang zum Beruf

Israelische Psychologen verfügen in der Regel über einige Kenntnisse in psychotherapeutischen Verfahren, die ihnen während des Magisterstudiums vermittelt wurden. Diese Kenntnisse reichen jedoch für eine qualifizierte Anwendung nicht aus. Deshalb absolvieren viele Psychologen, die psychotherapeutisch tätig sein wollen, freiwillig entsprechende Weiterbildungen. Diese werden jedoch weder kontrolliert noch zertifiziert. Da der Zugang zum Psychotherapeutenberuf für fast jeden offen ist, drängen Vertreter anderer Berufe in den Markt und werden für Psychologen zu Konkurrenten, wie etwa Ärzte, Sozialarbeiter oder Kunsttherapeuten. Sie müssen allerdings eine Zusatzausbildung nachweisen, um Psychotherapie anbieten zu dürfen. Auch für bestimmte Therapieverfahren, wie Familien-, Sexual- und Hypnotherapie, werden spezielle Ausbildungen verlangt. Ansonsten darf jeder Psychotherapie ausüben, wie es ihm gefällt.

Krankenversicherungspflicht

Die psychotherapeutische Orientierung der meisten Psychotherapeuten ist analytisch-dynamisch, kognitiv-behavioral oder familientherapeutisch-systemisch. An den Universitäten wird hauptsächlich der kognitiv-behaviorale Ansatz vermittelt. Die meisten Therapieangebote richten sich an Erwachsene, aber auch an Kinder und Jugendliche, Paare oder Gruppen.

In Israel gibt es rund 7 000 Psychologen. Die Zahl der Psychotherapeuten ist unbekannt, da sie nicht registriert werden. Psychologen werden in fünf Universitäten ausgebildet. Sie sind in verschiedenen Fachverbänden und -gesellschaften (14 nationale und 21 internationale) organisiert, denen auch Ärzte, Sozialarbeiter, Kunsttherapeuten und Berater angehören. Die bedeutsamsten und einflussreichsten Institutionen sind der Berufsverband Israel Psychological Association (IPA) und das Council of Psychologists (COP).

Israel verfügt über ein fortschrittliches, gut funktionierendes Gesundheitswesen und eine Krankenversicherungspflicht. Jeder Israeli ist daher über eine der vier gesetzlichen Krankenkassen versichert. Der israelische Staat bestimmt die Medikamente, Medizintechnologien, Behandlungen und andere medizinische Dienstleistungen, die von den Krankenkassen bezahlt werden. Im Bereich der Psychotherapie ist das zum Beispiel „ärztliche Behandlung bei Alkoholismus und Drogensucht“. Bezahlt werden sie aus dem sogenannten Gesundheitskorb, der über die Gesundheitssteuer finanziert wird. Die Höhe des Budgets und die Art der Dienstleistungen, die erstattet werden, werden immer wieder neu festgelegt. Für nicht aufgeführte Leistungen müssen Zusatzversicherungen abgeschlossen werden. Dieses System sichert weitgehend die umfassende medizinische Versorgung der Bevölkerung, jedoch nicht die psychotherapeutische. Psychotherapie muss von den Patienten in der Regel selbst bezahlt werden. Das können sich jedoch nur wohlhabende Patienten leisten. Ärmere Patienten erhalten keine psychotherapeutische Behandlung oder suchen ehrenamtliche Gesundheitsberater, selbst ernannte Therapeuten oder Heiler auf, da diese weniger bis nichts kosten.

Israelische Psychologen fordern die gesetzliche Anerkennung des Psychotherapeutenberufs, eine Definition von „Psychotherapie“ und ihre Abgrenzung von anderen Verfahren, eine einheitliche Qualifizierung von Psychotherapeuten, die Überwachung psychotherapeutischer Tätigkeiten und die finanzielle Unterstützung von ärmeren Patienten mit psychischen Erkrankungen. Dass dies bisher noch nicht erfolgt ist, verwundert eigentlich, denn israelische Forscher sind bei einigen psychotherapeutischen Interventionen führend und prestigefördernd. Darüber hinaus kommt ein kriegs- und terrorgebeuteltes Land wie Israel auf Dauer ohne eine flächendeckende qualifizierte psychotherapeutische Versorgung nicht aus, und an Geldern mangelt es im vorbildlichen israelischen Gesundheitssystem auch nicht – nur werden die Prioritäten (aktuell: Krebsbekämpfung) eben zurzeit noch anders gesetzt.

Marion Sonnenmoser

1.
Avissar N: Israeli psychotherapy, politics and activism. Journal of Contemporary Psychotherapie 2017; 47(2): 125–34.
2.
Jacoby R: Counseling and psychotherapy in Israel: Milestones, disputes, and challenges. In: Moodley R, Gielen UP, Wu R (eds): Handbook of counseling and psychotherapy in an international context. New York: Routledge/Taylor & Francis Group 2013: 371–82.
3.
Jacoby R: Psychology in Israel. In: Stevens M, Wedding D (eds): Handbook of International Psychology. New York: Routledge/Taylor & Francis Group 2004: 419–35.
1.Avissar N: Israeli psychotherapy, politics and activism. Journal of Contemporary Psychotherapie 2017; 47(2): 125–34.
2.Jacoby R: Counseling and psychotherapy in Israel: Milestones, disputes, and challenges. In: Moodley R, Gielen UP, Wu R (eds): Handbook of counseling and psychotherapy in an international context. New York: Routledge/Taylor & Francis Group 2013: 371–82.
3.Jacoby R: Psychology in Israel. In: Stevens M, Wedding D (eds): Handbook of International Psychology. New York: Routledge/Taylor & Francis Group 2004: 419–35.

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