ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2017Berühmte Entdecker von Krankheiten: Alois Alzheimer hat nicht geirrt

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Alois Alzheimer hat nicht geirrt

Dtsch Arztebl 2017; 114(29-30): [120]

Schuchart, Sabine

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Lange bevor bildgebende Verfahren die Medizin revolutionierten, erkannte der Nervenarzt und Hirnforscher die neurodegenerativen Ursachen einer bis dahin als „Greisenblödsinn“ geltenden Demenzform – eine wissenschaftliche Sensation.

Es war nicht sein eigener Ehrgeiz, der ihn weit über die Medizin hinaus bekannt machte, sondern sein Chef Emil Kraepelin, einer der prominentesten Psychiater des beginnenden 20. Jahrhunderts. Alois Alzheimer arbeitete von 1904 bis 1912 unter Kraepelin an der Königlichen Psychiatrischen Klinik der Universität München und baute dort ein hirnanatomisches Labor von Weltrang auf. Hier beobachtete der vielseitige Arzt und Pathologe 1906 auch die histologischen Veränderungen im Gehirn, die heute mit seinem Namen verbunden sind. Kraepelin nahm die Entdeckung seines Mitarbeiters 1910 als „Alzheimers Krankheit“ in die 8. Auflage seines einflussreichen „Lehrbuchs für Studierende und Ärzte“ auf – und bewies damit geniale Voraussicht. Denn erst mit dem zunehmenden Auftreten der Erkrankung in späteren Jahrzehnten und prominenten Patienten wie Rita Hayworth, Ronald Reagan oder Herbert Wehner wurde die sensationelle Bedeutung von Alzheimers Forschungsergebnissen offenkundig.

Als dieser seine Erkenntnisse 1906 erstmals bei der „37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte“ in Tübingen präsentierte, waren die Reaktionen dagegen verhalten bis skeptisch. Obwohl Alzheimer in Fachkreisen große Anerkennung genoss, hielten die Kollegen das neue Krankheitsbild für eher selten. Alzheimer stellte den Fall der Auguste Deter vor, auf den er zuvor als Nervenarzt an der „Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt aufmerksam geworden war. Die von dem Psychiater Heinrich Hoffmann, dem Autor des Struwwelpeter, gegründete Klinik zeichnete sich durch eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Anteilnahme an den Patienten und Vermeidung von Zwangsmaßnahmen aus. Auguste Deter war 1901 mit 51 Jahren von ihrem Ehemann eingeliefert worden, weil sie sich verfolgt fühlte, ständig Anlässe zur Eifersucht konstruierte und nicht mehr im Alltag zurechtkam. Aufgrund seiner diagnostischen Fähigkeiten erkannte Alzheimer sofort, wie ungewöhnlich ihr Fall war: Von Anfang an untersuchte er selbst die Patientin, deren geistiger Verfall so früh eingesetzt hatte, und dokumentierte akribisch den Krankheitsverlauf, ihre Sprachstörungen und den Verlust ihres Sozialverhaltens. Schon damals vermutete er als Ursache bestimmte Gehirnveränderungen, die er aber erst nach dem Tod Deters durch mikroskopische Analysen nachweisen konnte (siehe Kasten).

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„Rein sachlich in seinen Überlegungen, jeder Übertreibung abhold, dabei von glühendem Eifer erfüllt für das, wofür er kämpfte“, beschrieb Psychiaterkollege Franz Nissl Alzheimer, der 1864 als Sohn eines Notars im fränkischen Marktbreit geboren wird. Nach Medizinstudium und Promotion arbeitet er von 1888 bis 1902 an der fortschrittlichen Frankfurter Nervenklinik, die ihn so prägt, dass er sich fortan ausschließlich dem menschlichen Gehirn widmet. In die Frankfurter Zeit fällt auch seine Heirat mit der Bankierswitwe Cäcilia Geisenheimer, mit der er drei Kinder hat. Als seine Frau 1901 verstirbt, ist er so vermögend, dass er seine aufwendigen Forschungen zeitweise selbst finanziert. Um seinen Kummer zu bewältigen, vergräbt er sich noch tiefer in der Arbeit. Dass er dabei etwa unter Kraepelin nicht im Rampenlicht steht, stört ihn nicht. Alzheimer strebt nicht nach Ruhm, sondern will als Arzt und Wissenschaftler vor allem den Dingen auf den Grund gehen.

Dennoch erfüllt sich für ihn ein lang gehegter Wunsch, als er 1912 trotz namhafter Gegenkandidaten auf den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Breslau berufen wird. Tragischerweise zieht sich Alzheimer auf der Reise dorthin eine schwere Infektion zu, von der er sich nicht mehr erholt. 1915 verstirbt er mit nur 51 Jahren. Sabine Schuchart

1906 diagnostizierte Alois Alzheimer als Erster eine „bis dato unbekannte und eigenartige Krankheit der Hirnrinde“, nachdem er das Gehirn einer Patientin seziert hatte, die bereits im mittleren Lebensalter an Demenz erkrankt und mit 55 Jahren in völliger Verwirrung verstorben war. Sehr präzise und mit einem klaren Gespür für das Außergewöhnliche dieses Falls beschrieb der Psychiater und Hirnpathologe den histologischen Befund der Krankheit, die später seinen Namen tragen sollte: die Atrophie des Gehirns und die charakteristischen Eiweißablagerungen, sogenannte Amyloid Plaques und neurofibrilläre Bündel, die auch heute noch Gegenstand der Forschung sind. Alzheimer glaubte zunächst, eine seltene präsenile Gehirnerkrankung entdeckt zu haben. Doch als er später dieselben Symptome und Zellbefunde auch bei älteren Patienten antraf, kam er zu der heute bestätigten Auffassung, dass es sich um eine senile Demenz einschließlich einer bereits in der Lebensmitte auftretenden Frühform handelt.

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