POLITIK

IT-Systeme: Offene Schnittstellen werden Pflicht

Dtsch Arztebl 2017; 114(29-30): A-1419 / B-1191 / C-1165

Krüger-Brand, Heike E.

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Standardschnittstellen sollen künftig den Datenaustausch zwischen IT-Systemen in Klinik und Praxis vereinfachen und die Anbindung von Zusatzmodulen erleichtern. Für die Umsetzung ist eine verbindliche Frist von zwei Jahren festgelegt.

IT-Systeme, die in der ärztlichen Versorgung und in Krankenhäusern zur Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Patientendaten eingesetzt werden, müssen künftig mit offenen und standardisierten Schnittstellen zur systemneutralen Archivierung und zur Übertragung dieser Daten bei einem Systemwechsel ausgestattet werden. Nachdem der Bundestag bereits am 1. Juni eine entsprechende Änderung zur „Integration offener Schnittstellen in informationstechnische Systeme“ im § 291 d Sozialgesetzbuch (SGB) V beschlossen hatte, hat am 7. Juli auch der Bundesrat der Regelung zugestimmt.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Neuregelung als „wichtigen Schritt“ des Gesetzgebers in Richtung Interoperabilität begrüßt. Durch offene und einheitlich definierte Schnittstellen sei es möglich, dass Softwareänderungen, die etwa durch gesetzliche Änderungen erforderlich seien, in allen Systemen in gleicher Art und Weise erfolgten. Dadurch seien die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten nicht einseitig an einen Anbieter gebunden, betonte KBV-Vorstandsmitglied Dr. rer. oec. Thomas Kriedel.

Mehr Wettbewerb bei Software

Nach Meinung von IT-Experten dürfte diese Gesetzesänderung für Wirbel im Gesundheitswesen sorgen, weil dadurch der Wettbewerb der Softwareanbieter angekurbelt werden könnte und Anwendungen wie Patientenakten, E-Health-Lösungen und Auswertungen medizinischer Daten einen erheblichen Schub erhalten. „Diese Schnittstellen werden die Marktmechanismen beleben, was die Innovationskraft, die Qualität und die Preise medizinischer Expertensoftware im Sinne der Patientenversorgung positiv beeinflussen wird“, meinte etwa Dr. Florian Fuhrmann vom Verband digitale Gesundheit und Geschäftsführer der KV Telematik GmbH.

Gegenüber der ursprünglichen – faktisch wirkungslosen – Fassung, wonach die Integration „so bald wie möglich“ erfolgen sollte, hat der Gesetzgeber jetzt eine verbindliche Frist von zwei Jahren für die Umsetzung der Schnittstellen in den IT-Systemen vorgesehen. Diese Frist beginnt mit der Aufnahme der spezifizierten Schnittstellen in das Interoperabilitätsverzeichnis der gematik, das planmäßig zum 1. Juli gestartet ist. Das Verzeichnis wird die von KBV, Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung und Deutscher Krankenhausgesellschaft jeweils für ihre Bereiche im Benehmen mit der gematik und den Bundesverbänden der Industrie konsentierten Festlegungen enthalten.

Die geänderten Regelungen betreffen neben Praxisverwaltungssystemen (PVS) und Krankenhausinformationssystemen (KIS) explizit auch elektronische Programme für Infektionsschutzmeldungen und für die Verordnung von Arzneimitteln. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium behält sich zudem vor, auch weitere Schnittstellen per Rechtsverordnung (ohne Zustimmung des Bundesrates) festzulegen. Darüber hinaus ist nach der erfolgten Schnittstellenintegration auch eine Bestätigung der IT-Systeme erforderlich, bevor sie eingesetzt werden dürfen.

Auch der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) sieht in seiner Stellungnahme den Vorstoß des Gesetzgebers zur Sicherstellung von Datenportablilität positiv, weist jedoch gleichzeitig darauf hin, dass es im ambulanten Bereich für die Datenübernahme bei einem Systemwechsel bereits seit Langem bewährte Standards wie den „bvitg-transfer“ und den „xBDT“ gibt. Letzterer garantiere über den Gesetzesauftrag hinaus eine für alle Versorgungsbereiche umfassende Datenkonvertierung bei einem Systemwechsel. So unterstützt er beispielsweise auch den Datentransfer aus Selektivverträgen.

Schnittstellen verursachen Kosten

Hinzu kommt aus Sicht der Industrie, dass für die verpflichtende Integration der Schnittstellen in alle PVS- und KIS-Systeme und deren Pflege Aufwendungen für alle Nutzer entstehen werden. „Bisher wurden die Kosten der permanent zu pflegenden Datenübernahmeschnittstellen im Einzelfall von jenen Praxen getragen, die eine Datenübernahme wünschten. Mit der gesetzlichen Regelung der verpflichtenden Integration in alle Installationen werden diese Kosten zukünftig auch von allen Praxen zu tragen sein – unabhängig davon, ob sie diese überhaupt nutzen möchten“, sagte Jens Naumann, stellvertretender bvitg-Vorsitzender. „Wir hoffen sehr, dass den Ärzten diese Mehraufwendungen durch entsprechende Honoraranpassungen erstattet werden.“

Der Verband rät überdies, dass für den stationären Bereich, in dem die Herausforderungen „aufgrund der Komplexität der Systemlandschaft und damit verbundener Datenarten“ nochmals größer sind, auf internationale offene Standards wie zum Beispiel HL7 und IHE zu setzen. Anders als im ambulanten Sektor gibt es hier in Deutschland keinen Standard, der sich in der klinischen Praxis durchgesetzt hat.

Heike E. Krüger-Brand

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